Kolej Hostivař - Die kuriosen Seiten eines ganz normalen Wohnheims

Der Name Kolej Hostivař wird bei nicht wenigen Studenten ein Zucken in Körperteilen auslösen, von dessen Existenz sie bis zum heutigen Tag nichts wussten. Bereits ein Blick in die Erfahrungsberichte der letzten Jahre offenbarte schon vor Antritt des Auslandsstudiums einen Eindruck den man kurz mit den Worten - zu dreckig, zu weit weg und viel zu laut - zusammenfassen kann.  Die Konsequenz ist, dass viele erst gar nicht einziehen wollen bzw. das Wohnheim als leidiges Übergangslager bis zum Bezug der eigenen Wohnung betrachten.

Mit diesem kleinen Beitrag möchte ich nicht in die Kerbe der Nörgler schlagen, die die Zustände anprangern, die im Übrigen viele der einheimischen Studenten als gar nicht so schlimm empfinden. Denn wer Fünfbettzimmer und Unisexduschen erlebt hat, der wird den Luxus eines eigenen Bades schnell zu schätzen wissen.
Viel interessanter und amüsanter als den Zustand  der Zimmer zu analysieren ist ein Blick auf die Wohnheimverwaltung zu werfen, die sich bei genauer Betrachtung als echtes Kuriositätenkabinett entpuppt.  Bereits bei der Anreise kommt man ins Staunen, wenn jedem Neuankömmling bei der Anmeldung vier Zettel vor die Nase gesetzt werden mit der Aufforderung, man solle schnell hier, hier, hier und hier unterschreiben.  Ja, hab ich jetzt meine Seele dem Teufel verkauft oder ist schon die Weiterverwertung meiner inneren Organe beschlossene Sache, falls ich das kleine Abenteuer nicht überlebe? – Antwort am Ende des Semesters.
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Die zweite kleine Kuriosität erwartet einen dann beim erstmaligen Betreten der Etage, wenn schon beim Öffnen des Fahrstuhls eine Handvoll Verbotsschilder ins Auge fallen, die die eigenen Freiheiten auf Mund halten und früh ins Bett gehen reduzieren. Besonders auffällig ist dabei die Aufforderung, die Arbeitsflächen in der Küche  frei von Geschirr zu halten, andernfalls wird das Personal alles wegwerfen. Ja, wie haben wir gelacht und uns gedacht, dass sie sich nie im Leben an unserem Eigentum vergehen werden. Zumal man von uns doch nicht ernsthaft erwarten konnte, unsere Sachen in den dreckigen Schränken über der Spüle zu deponieren. Doch bereits am nächsten Tag wurden wir in den frühen Morgenstunden von der Prinzipientreue der Reinigungsfachkräfte überrascht, die in einem wahren Feuerwerk der fliegenden Kochtöpfe unser gesamtes Geschirr in einen Müllsack verfrachteten.  Die ganze Aktion diente  lediglich dazu, dass sie ihrer verantwortungsvollen Aufgabe nachgehen konnten, einmal täglich die Arbeitsflächen der Küche zu reinigen. Für den Rest fühlt man sich nicht verantwortlich und so klebte und klebt auch weiterhin an den Schränken der Dreck unzähliger Generationen von Erasmusstudenten. Unsere Kochtöpfe haben wir vorsorglich gleich mal in den Zimmern verstaut. Schließlich wollte keiner von uns ausprobieren, was sie als nächstes damit angestellt hätten.
Eine andere kleine Geschichte, die mir zu Ohren kam und die die Regelkonformität der Belegschaft nochmals richtig schön unterstreicht, hat mit der Funktionstüchtigkeit des Fahrstuhls zu tun, dessen Alter, man munkelt, die Marke von 40 Lebensjahren schon lange geknackt sein muss.  So machte sich eine sieben Mann starke Gruppe wahrhaft zierlicher Mädchen aus meiner Etage gemeinsam auf, um in den Abendstunden noch einen kleinen Ausflug in die Stadt zu unternehmen.  Doch bereits kurz nach dem Betreten des Fahrstuhls blieb dieser mit einem lautet Knattern stehen. Und weil das Glück es an dem Tag nicht gut mit ihnen meinte, fiel zu allem Überfluss auch noch das Licht aus. Totenstille und klopfende Herzen, ein Glück wenigstens die Wechselsprechanlage mit der Rezeption funktionierte. Doch was war die Reaktion der muffligen Dame am anderen Ende der Leitung:
„ Mit wie viel Leute sind in dem Fahrstuhl?“
„ Ja… mit Sieben“
„ Also nein! Das geht nicht! Der Fahrstuhl ist nur für sechs Leute ausgelegt. Das ist nun Ihr Problem. Sehen sie zu wie Sie klarkommen. “
Aufgelegt…
Tja und so standen die kleinen Mädchen im Dunkeln und wussten nicht, wie ihnen geschah. Doch nach ein paar kräftigen Hilferufen fanden sich dann doch schnell ein paar tatkräftige und hilfsbereite Studenten, die mit handwerklicher Präzision die Tür des Fahrstuhls demontierten und die jungen Damen in die Freiheit entließen.
Eine letzte kleine Anekdote, die ich noch zum Besten geben möchte, richtet sich an die Öffnungszeiten und ihrer flexiblen Deutung durch das Personal an der Rezeption.  So kann es schon mal vorkommen, dass man sich den Schlüssel für die Wäschekammer ausleiht, um dann nach getaner Arbeit festzustellen, dass man das gute Stück nicht mehr abgeben kann, da die Belegschaft gerade für eine Stunde eine Pause eingelegt hat. Als dann doch eine Dame hinter den Computer vorguckte, winkte ich deutlich mit dem Schlüssel, immerhin bezahle ich für jede Viertelstunde, in der ich die Waschmaschine benutze.  Doch sie schaute schnell weg und ignorierte mich. Ich winkte nochmal. Wieder nichts. Wutentbrannt verschwandt ich und kam dann eine Stunde später wieder, gut vorbereitet, um mit der Belegschaft  einen kleinen Disput zu starten.  Doch da in der Zeit ein Schichtwechsel stattgefunden hatte und die neue Dame nichts von der Situation wusste, wurden alle meine Argumente zerschmettert und ich war gezwungen, den vollen Preis zu bezahlen. Shit happens!
Ich hoffe, die kleinen Geschichten haben gezeigt, dass  das Wohnheim im Prager Osten doch deutlich mehr zu bieten hat, als sein Ruf erahnen lässt, und wer das Ganze mit viel Humor nimmt, wird auch eine Menge zu lachen haben.

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