Geschichten aus der rodinka 1 Freibier und Populismus

Ich hätte es nicht tun sollen. Nicht am frühen Morgen, nach einer Nacht, die unruhig war, weil Mathilda zahnt. Aber ich konnte es nicht lassen. Eine Freundin hatte mir am Vorabend davon erzählt und so habe ich am Morgen, noch vor dem Frühstück, den Computer eingeschaltet und es mir angesehen: einen Beitrag auf der Webseite des Nachrichtenmagazins „Reflex“, der den Titel trägt: „Pohádka pro asociální demokraty (Märchen für Asozialdemokraten).“ Der Text, den der Reflex-Autor Jiří X. Doležal angeblich per mail geschickt bekommen hat und zu dessen weiterer Verbreitung (wie „Samizdat unter den Bolschewiken“) er heroisch aufruft, will in Parabel-Form das Steuersystem der „Sozen“ erläutern. Heraus kommt dabei – wenig überraschend–, dass diejenigen, die am meisten verdienen, die Doofen sind, weil sie am meisten zahlen müssen. Wenn sie aber genug davon haben und aus dem Umverteilungssystem aussteigen, dann bricht dieses zusammen und die gierigen Schmarotzer, die nichts zahlen und am liebsten noch mehr bekommen würden, gucken blöd aus der Wäsche. Und, so endet der Text, diese Schmarotzer sind es, die ČSSD und KSČM wählen. Und die im Übrigen auf den anbei gestellten Bildern zu sehen seien (die angeblich von einem „Leser, der nicht genannt werden will“, gemacht worden sind).


Die Aufnahmen stammen von einer Wahlkampfveranstaltung der Sozialdemokraten in Ostrava und zu sehen sind: Schlangen von schlecht gekleideten, ungepflegten Menschen, solchen, die auf dem Boden hocken und über Grillwürste und Bier herfallen, die dort anscheinend fast gratis verteilt worden sind, dickleibige Personen, die zahnlos in die Kamera grinsen und – das darf natürlich nicht fehlen – ein schmuddeliges Roma-Mädchen, das mit Daumen im Mund vor dem Grill steht. Die Überschrift des Artikels macht deutlich, was hier gezeigt werden soll: Asoziale.
Mir stockt der Atem vor Wut. Ich gehe in die Küche, wo Vašek Brot schneidet. Ich erzähle ihm von dem Artikel und den Bildern, aber ich kann noch nicht genau formulieren, was mich daran eigentlich so empört. „Das passt ganz gut zu dem Video,“ sagt Vašek. Er meint den Clip, den die beiden „Jungschauspieler“ Jiří Mádl und Martha Issová unter der Regie von Petr Zelenka gedreht haben: „Nevolte levici. Přemluv Bábu! (Wählt nicht links. Überrede Oma!)“ Die Botschaft des überdreht und hip wirkenden Filmchen ist ganz klar: Alte und Landeier wählen links, weil sie nostalgisch und/oder doof sind. Vašek hat Recht, das passt. Denn der Artikel im „Reflex“ sagt (drastisch formuliert): „Arbeitslose, Penner und Zigeuner wählen links, weil sie den Hals nicht voll bekommen können.“

„Das ist schlimmster Populismus!“ schimpfe ich und schäume die Milch für den Kaffee. „Naja,“ sagt Vašek. „Populismus ist eigentlich die Spezialität von Paroubek. Und was ist populistischer, als Bier und Würstchen umsonst zu verteilen, damit die Leute einen wählen?“ „Hm, es ist irgendwie umgedrehter Populismus, ein Populismus, der auf Distinktion abzielt, darauf, dass diejenigen anspringen, die sich für jung, urban, besser verdienend und höher gebildet halten.“

Schläge unter die Gürtellinie sind in der politischen Kultur Tschechiens, gerade in der Zeit von Wahlkämpfen, nichts Ungewöhnliches. Bislang hat dies aber vor allem in der Konfrontation zwischen Politikern eine Rolle gespielt, in Form von persönlichen Angriffen. Das ist eine nicht sehr erfreuliche Art der politischen Kommunikation, aber es ist fair, weil die Mittel gleich verteilt sind (und zumeist an den erhobenen Vorwürfen auch irgendetwas dran ist).
Die Attacken aber gegen einzelne soziale Gruppen sind anders. Zunächst sind sie unfair, denn sie richten sich auf Personen, die aufgrund ihrer sozialen, intellektuellen, physischen oder ethnischen Situation kaum über die Möglichkeiten verfügen, sich gegen die Anwürfe zu wehren. Darüber hinaus verbinden die Attacken die vermeintliche (soziale, intellektuelle, körperliche, ethnische) Minderwertigkeit von Personen mit einer angenommenen politischen Präferenz (links). Sie setzen also Menschen mit einer anderen politischen Meinung bewusst herab. Der Effekt davon ist perfide, denn: bekennende Links-Wähler distanzieren sich davon, mit den sozial, intellektuell, physisch oder ethnisch Minderwertigen in einen Topf geworfen zu werden. Der soziale Unfrieden ist garantiert.

„Solche Hetze ist das letzte, was Tschechien nach dieser Zeit der Stagnation und der politischen Krise braucht“, schnaufe ich und die Milch schwappt. „Die Gesellschaft ist schon zersplittert genug. Stattdessen sollten sich die Politiker beider Seiten darum bemühen, dass alle mehr an einem Strang ziehen. Wirklich, ich finde eine solche Kampagne, die sich gegen einzelne soziale Gruppen richtet, absolut verantwortungslos.“ Meine Stimme ist laut. Mathilda schaut fragend zu uns hoch. „Warum regst du dich  so auf? Ist doch nicht Dein Land“, sagt Vašek und setzt sich an den Tisch. Stimmt. Mathilda fängt an zu murren. Es ist Zeit für ihren Breiík.

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2 Reaktionen

29. April 2010, 21.50 Uhr [1] Karla sagt:

Hallo liebe Tschechien-Blogger, tut mir sehr Leid: ich habe jetzt also meinen ersten Beitrag gepostet und er erscheint in dieser Riesenschrift. Sehr peinlich!!! Kann mir jemand sagen, wie ich das irgendwie verkleinern kann?
Danke! Karla

30. April 2010, 8.35 Uhr [2] Niels sagt:

Hallo Karla,
wo ist das Problem?! Es sieht alles okay aus, die Schriftgröße ist genauso wie bei allen anderen Blog-Beiträgen. Also nur weiter so!

Viele Grüße,
Niels

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