Festival der kranken Dichter

Angekündigt als Festival der drei Nobelpreisträger, schrumpfte der Jubiläumsjahrgang 2010 des Prague Writers Festival nach Absagen auf Normalgröße. Das schuf Raum, die Aufmerksamkeit weniger auf Glamour, sondern auf interessante Themen zu richten. Eine Nachbetrachtung von Gerd Lemke.

Als Treffen der Nobelpreisträger angekündigt, benötigte das Prague Writers Festival in diesem Jahr einen gehörigen Anlauf, um in Schwung zu kommen. Die leeren Stühle, die Herta Müller und Derek Walcott auf der Bühne durch ihre Absagen hinterließen, wären vielleicht besser nicht notdürftig nachbesetzt worden. Zumindest, was der deutschsprachige Teil des Festivals betrifft, denn so musste Hans Magnus Enzensberger in den ersten drei Festivaltagen als erstaunlich vitaler Achtzigjähriger überall in die Bresche springen, wo Not am Mann war. Allein, Enzensberger machte von Anfang an klar, dass er von seiner Vergangenheit nicht mehr viel wissen möchte und hat sich selbst aus der Runde der „Ketzer und Rebellen“ – so das Motto des Festivals – ausgeschlossen. Harmloses bitte, wie etwa ein langes Gedicht über Wolken, ein Plädoyer für die Autonomie der Kunst und eine Absage an jegliches politisches Engagement des Künstlers erweckte den Eindruck, dass Enzensberger nun endgültig ein Mann von gestern geworden ist.

Erfrischend hingegen der junge amerikanische Autor John Wray, der seiner österreichischen Mutter erstaunliche Deutschkenntnisse verdankt und so auf der Bühne einen deutschsprachigen Widerpart zu Enzensberger geben durfte. Unprätentiös und klug machte er dem Publikum klar, dass die Erfahrung eines Jahrzehnts Bush-administration mit solchen Begleiterscheinungen wie staatlich ausgeübte Folter oder einem Konzentrationslager außerhalb des eigenen Territoriums jede Menge Material zur Aufarbeitung für die US-amerikanischen Intellektuellen liefert.

Wirklich erfreulich am Festival ist mittlerweile die Vielsprachigkeit. Niemand wird mehr gezwungen, wie es der österreichische Essayist und Prosaist Robert Menasse vor Jahren ausdrückte, in einem „monkey-english“ zu parlieren. Als große europäische Kultursprachen wechselten sich diesmal Deutsch, Englisch und Französisch ab, Tschechisch bzw. Slowakisch kam als Gastgebersprache zu seinem Recht und spanische, arabische und chinesische Einsprengsel sorgten für Weltläufigkeit.

Insbesondere die französischsprachigen Sektionen garantierten Gehalt. Assia Djebar erzählte aus dem Alltag algerischer Frauen und dem System der sozialen Kontrolle – eines der wichtigsten und interessantesten Themen der vergangenen Jahre: die wenig bekannte Welt der Frauen in der arabischen bzw. muslimischen Welt. Und dann war er endlich da, am vierten Tag, der erste – und auch einzige - Nobelpreisträger: Gao Xingjian, bereits im vergangenen Jahr eingeladen, damals aber verhindert. Bedauerlicherweise durfte er kaum zu Wort kommen, denn der spanischen Dramatiker Fernando Arrabal zerstörte die Dramaturgie des Gesprächs durch eine endlose Lobesperformance auf Gao. Schade eigentlich, den Arrabal erhielt am Schlusstag noch genügend Raum, seine absurde und egomanische Soloshow auf der Bühne aufzuführen. Chinesische Höflichkeit und Zurückhaltung wollten dem nahezu besessenen Treiben Arrabals keine Grenzen setzen.

In der englischsprachigen Sektion stach eindeutig der Ägypter Bahaa Taher durch kluge Reden und angemessen angenehmes Auftreten hervor. Ist die gewaltige Geschichte Ägyptens eine Bürde oder ein Ansporn für die weitere Entwicklung des Landes, lautete seine Ausgangsfrage. Genau entscheiden lässt sich das nicht, so die Antwort, doch die jüngere Geschichte des Landes kann nicht verstanden werden, wenn man die Folgen der Kolonialzeit außer Betracht lässt. Der Schotte Iain Banks zeichnete sich durch die unterhaltsame Kunst des Understatements aus, doch wie er in dem Motto „Ketzerei und Rebellion“ einzuordnen war, verlor sich im schottischen Nebel.

Das 20. Prague Writers Festival war ein guter intellektueller Auftakt, bevor sich die Aufmerksamkeit und die Emotionen ganz 22 Männern zuwenden, die in kurzen Hosen auf einem Rasen herumlaufen, um ein Stück luftgefülltes Leder in einen Raum zu treiben, der von drei Stangen begrenzt wird. Dieses Spektakel ist archaischen Ursprungs und dafür steht stets Geld bereit. Hoffen wir, dass Festivaldirektor Michael March auch im kommenden Jahr das Händchen hat, Geld zur Förderung weniger archaischen Treibens zusammen zu bekommen und wieder einige Schriftsteller nach Prag einzuladen.

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2 Reaktionen

12. Juni 2010, 0.50 Uhr [1] chinesische geschichte | buzzlogs sagt:

[…] Welt wurde darüber nicht einmal informiert. Im Irak wurden, einen Monat vor der …WeiterlesenJun11Festival der kranken Dichter - Tschechien online (Blog)Tschechien online (Blog)Slowakisch kam als Gastgebersprache zu seinem Recht und spanische, arabische […]

12. Juni 2010, 5.35 Uhr [2] Milena Findeis sagt:

Wer sich ein eigenes Bild vom Festival machen will, die meisten Lesungen und Diskussionen wurden aufgezeichnet http://www.pwf.cz. In diesem Artikel wurden weder die slowakischen noch die tschechischen Teilnehmer/innen Michal Ajvaz | Radka Denemarková | Róbert Gál erwähnt.
Auf dem Weg zu einem Empfang der Französischen Botschaft anlässlich dieses Festivals: vor mir gingen englischsprachige Teilnehmer, was deutsche Touristen zu der Wortspende veranlasste: “Hier darf nur Deutsch gesprochen werden”.

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