Profil: Monika Kindermann studiert an der Ludwig-Maximilians-Universität in München im Magisterstudium Neuere und Neueste Geschichte, Geschichte Osteuropas und Südosteuropas sowie Politologie.
Es ist Samstagnachmittag, ein ganz normaler Samstagnachmittag. Doch anstatt faul im Bett zu liegen oder eine der letzten Möglichkeiten zu nutzen, um durch Prag zu spazieren, mache ich mich auf nach Karlin. Gut, mag der werte Pragkenner nun sagen, man könnte ja auch durch Karlin spazieren und in der Tat habe ich das eine Woche zuvor auch gemacht. Doch heute steht mir der Sinn nicht nach ein bisschen Flanieren, heute steht mit der Sinn nach illegalen Sachen. Also scheuche deine Kinder vom PC, werter Leser, bevor du fortfährst.
Nein, ganz so schlimm ist es nun auch nicht, also wenn man es objektiv betrachtet, doch das tun irgendwie die wenigsten Menschen, denen ich bisher erzählt habe, wo ich am Samstag war. Und wenn ich ehrlich bin, dann betrachte ich es auch nicht objektiv, sonst hätte es wohl kaum einer Ermunterung meine Chefredakteure bedurft, dass ich das hier schreibe. Und um ehrlich zu sein, bin ich mir immer noch nicht so ganz sicher, ob das meiner journalistischen Karriere, sofern die überhaupt außerhalb meiner Vorstellung existiert, was ich stark zu bezweifeln wage, auch gut tut. Aber ganz objektiv betrachtet war ich ja nur als Besucher auf einer Messe und habe nichts Verbotenes getan. Gut, es handelte sich dabei um eine Cannabismesse, aber es war die erste europaweit und als gute Journalistin muss ich meinen Lesern doch aus erster Hand berichten, wie es auf Cannabismessen so zugeht. Und da geht es ganz schön zu, aber auf andere Weise, als der verehrte Leser nun vermutlich denkt. Doch fangen wir von vorne an, bevor wir die ganze Spannung verraten.
Nun, eigentlich ist das ja gar nicht mein Musikgeschmack. Viel zu weich und soft. Warum ich trotzdem da war? Hm, es war zu jener Zeit, als ich noch jung, unschuldig und naiv geradezu erschreckend naiv war. Da gab es diesen Mann. Intellektuell, gebildet und kultiviert - alles was ich damals an Männern mochte! Ja, ich habe bereits erwähnt, es ist lange her und ich war wirklich ganz schrecklich naiv und brav zu dieser Zeit. Naja, also dieser Mann hörte Nouvelle Vague und erzählte mir ab und an von dieser geheimnisvollen französischen Band, die Punk und New Wave Songs covere und das im Bossa Nova-Stil aufziehen würde. Machte mächtig Eindruck auf mich, aber damals wusste ich auch noch nicht, was New Wave ist. Und wie das bei leicht zu beeinflussenden jungen Dingern so ist, fing ich auch an, Nouvelle Vague zu hören und fühlte mich so mondän, so chi chic und ou la la dabei. Da es die Band jedoch nur zu drei Alben gebracht hat und ich irgendwann älter wurde, weniger leicht zu beeinflussen und weniger frankophil und erkannte, dass kultiviert und kniggetreu nun nicht gerade das ist, was ich bei einem Mann suche, kehrte ich Nouvelle Vague den Rücken. Doch die Vergangenheit holt einen immer ein. Und so las ich vor kurzem, dass Nouvelle Vague nun gerade ihr Best Of-Album herausgebracht haben und damit durch die Welt touren. Und plötzlich stand er wieder vor mir, Dr. P., der Schwarm meiner Jugend. Da kam ich auf die Idee, dass es doch nett sein könnte, sich die Band mal live anzusehen. Und so ein bisschen französischer Schick nach all dem Kellermuff, das wäre doch mal was.
Wie der werte Leser vielleicht schon mitbekommen hat, bin ich per se eigentlich kein großer Fan von Folkmusik. Aber ich muss zugeben, dass das Konzert von Bregovic mich ja schon ein bisschen bekehrt hat. Nicht dass ich nun alle meine Metallica- und Sepulturaplatten auf den Müll geworfen hätte, aber so ein bisschen Offenheit für andere Musikrichtungen, das kann ja nicht schaden, dachte ich mir. Und prompt bekam ich auch gleich die Gelegenheit, diese unter Beweis zu stellen. Konkreter Anlass: Beirut waren in der Stadt. Also die amerikanische Folkband, dass wir uns richtig verstehen. Da musste ich als gute Musikjournalisten natürlich hin, um mir mal persönlich anzusehen, ob die Band den Wirbel, der um sie gemacht wird, auch verdient.
Alle, die erwarten, dass ich hier über einen LDS-Trip in Prag berichte, die muss ich leider enttäuschen, no drugs in diesem Artikel. Auch wenn es der Titel nahelegt. Und alle, die nun denken, ich war auf einem Beatles-Konzert, auch die muss ich enttäuschen. Und bevor nun noch einer fragt, nein, ich war auch nicht in der Beatlemania-Ausstellung, die derzeit im Ceské Muzeum Hudby zu sehen ist. Gott, wenn ich es mir recht überlege, dann hätte ich einen andern Titel für diesen Eintrag wählen soll. Aber nun ist es auch schon zu spät.
So, um nun den gespannten Leser nicht länger auf die Folter zu spannen, verrate ich mal schnell was ich tatsächlich gemacht hab, bevor ich weiterschwafle. Ganz unrockerbrautmäßig war ich nicht in dunklen verrauchten Kellern, sondern in der im Moment total angesagten und hippen Cartier-Ausstellung auf der Burg. Warum ich mich zu so einer doch etwas versnobten Veranstaltung begebe, wo ich hier doch sonst eher die Frau für die unweiblichen Aktivitäten bin, wie mein Mitbewohner es immer so schön sagt. Nun ganz einfach, Diamonds are a girl’s best friend und da stimme ich ausnahmsweise einmal mit sämtlichen Damen auf der Welt überein.
Das war das Motto letzten Dienstag, als sich halb Prag zu einem großen Gedränge und Geschubse rund um die Karlsbrücke und die Schützeninsel einfand. Der Grund: Der kroatische Musiker Goran Bregović gab im Rahmen des neu eingeführten „Prag-Sommernachtstraum-Festival“ ein Gratiskonzert, und das mitten in der Moldau. Stellte sich für mich ja die Frage, ob das ein weiterer Versuch der Stadt oder besser der ODS war, Stimmen zu sammeln für die Wahl? Wie dem auch immer sein, war ein echt schöner Abend.
Es sind die 60er. Hippiezeit, Love and Peace, Drogenrausch, Freiheit, alles ist möglich. Jim Morrison als die Verkörperung von alledem. Aufrührerisch, selbstzerrstörerisch, charismatisch. Durch ihn werden die Auftritte von The Doors zu extatischen Happenings. Und dann sein plötzlicher Tod. Unter dubiosen Umständen in Paris - eine Legende ist geborgen. Doch was wird aus dem Rest der Band? Erst versucht man es ohne Morrison, was jedoch nicht funktioniert, sodass man sich trennt. 2002 finden Manzarek und Krieger wieder zusammen und zurück auf die Bühne. Und als wäre nichts gewesen, spielten sie wieder die alten Songs. Manch einer mag sich fragen, was Menschen jenseits der 60 bewegt, sich wieder auf die Bühne zu stellen und so zu tun, als wäre man noch ein Jungspund. Ist es Geldnot, die Krieger und Manzarek dazu veranlasst? Oder einfach nur der Rock im Herzen, der nie alt wird? Und kann sowas überhaupt gut sein? Letzten Dienstag machte ich mich nach einem anstrengenden Arbeitstag auf, dies zu erkunden.
Also vielleicht werde ich ja alt und abgebrüht, oder es lag an den Sitzplätzen oder an der Tatsache, dass ich an diesem Tag meinen ersten Praktikumstag hatte und erstaunliche zehneinhalb Stunden arbeiten musste, was nebenbei gesagt gar nicht lustig war, aber irgendwie war das Konzert von Aerosmith so schnell um, dass ich mich bis heute frage, ob ich zwischendrin einfach eingepennt bin. Kaum waren wir da und hatten es uns auf den sündhaft teuren Sitzplätzen gemütlich gemacht, und das Bier voll luxuriös in den dafür vorgesehenen Becherhaltern platziert, kaum hatte sich die Vorband verzogen, die wir nicht gesehen haben, weil ich wegen meiner Arbeit viel zu spät kam und dann das dringende Bedürfnis nach Bier und Zigaretten hatte und das kann man ja in der O2-Arena bekanntlich nur in diesem Rauchertunnel stillen, kaum warten wir also ca. eine Stunde und kaum waren Aerosmith dann endlich auf der Bühne, kaum hatte ich mich dann etwas warm geschrien, und das Gefühl genossen auf einem Konzert einer der wirklich Großen zu sein, da verschwand Steven Tyler samt Kompagnons auch schon wieder von der Bühne. Also nicht, dass das Konzert nicht gut gewesen wäre. So kann man das nicht sagen. Nachdem Steven und der Rest die Bühne gestürmt hatten, rockten sie was ging und das heißt in ihrem Alter schon was. Die Show war auch echt gut. Nur irgendwie war die Sache so aalglatt, nichts, woran man sich nachher erinnert, nichts, was sich einem als bleibender Eindruck, als digitales Andenken an das Konzert ins Hirn gebrannt hat.
Und die Rede ist hier nicht vom Austreiben irgendwelcher Pflanzen aufgrund der plötzlich einsetzenden Sonnenbestrahlung der letzten Tage, sondern vom Konzert von Green Day. Die spielten vor ein paar Tagen zusammen mit Billy Talent ein Open Air auf dem Ausstellungsgelände Vystavyste. Eigentlich ja eine ziemlich coole Sache. Und eigentlich hätte das ein wirklich toller Tag werden sollen. Das Wetter war top, meine Laune auch. Diesmal brauchte ich auch keine Ewigkeit, um zu entscheiden, was ich anziehen sollte. Mehr Probleme machte mir die Tatsache, dass keiner meiner trantütigen Freunde mitkommen wollte. Und so ein 6 Stunden-Open Air alleine kann etwas langweilig sein. Aber gut, ich bin ja schon ein großes Mädchen und ging also alleine hin.
Ok, ich gebs zu, ich mag Kram. Ich sammle Kram. Das ist meine Art, mich an Sachen zu erinnern. Immer, wenn ich etwas tolles mache, irgendwo hinfahre, dann nehme ich mir Erinnerungen in Form von kleinen Souvenirs mit. Von meiner Zeit in Prag habe ich schon eine große Kiste voller Erinnerungen zum Anfassen. Ein Dutzend Konzertkarten, zwei Plecs, Münzen, getrocknete Blumen, Eintrittskarten, zwei Bierkrüge vom Bierfest, ein Drumstick und so weiter und so weiter. Das ist auch der Grund, warum ich Flohmärkte mag. Da gibt es viel Kram, alten Kram, an dem Erinnerungen von vielen Menschen hängen. Und als ich dann vor einiger Zeit erfuhr, dass es in Prag Tschechiens größten Flohmarkt geben soll und das jedes Wochenende, war ich sofort Feuer und Flamme und wäre am liebsten sofort hingegangen. Aber wie das so ist, wenn man ein Rock ‚n’ Roll-Leben führt, dann gibt es gewisse Verpflichtungen, die man erledigen muss. Die Rede ist hier von diversen Konzerten im Vagon oder sonst wo im Prager Untergrund bis früh in den Morgen. Das wiederum bedeutet, dass ich schlafe, wenn die ideale Zeit wäre sich auf zum Flohmarkt zu machen. Denn wer die besten Schnäppchen haben will, muss früh dran sein, das ist in Tschechien nicht anders als in Deutschland.
Was sagen uns die Worte „wasserstoffgebleicht, Rocker, geballte Faust und Lippen gekräuselt“? Genau, Billy Idol war in der Stadt und ich war dabei. An dieser Stelle würde ich gerne einige Kommentare anführen von Menschen, denen ich erzählte, dass ich auf das Konzert gehen werde. Julchen, das kinderfressende Metalgirl meinte: „ WTF Billy Idol - wie geil. Hau dich rein, das ist so voll Glam Rock.“ Mein Bruder, der nebenbei bemerkt etwas älter als ich ist, sagte: „Ich hab den vor Jahren mal live gesehen, der muss ja schon uralt sein. Aber er hatte ne coole Show. Das könnte interessant werden.“ Und eine nicht näher zu spezifizierende, jedoch in der Hackordnung von Tschechien Online über mir stehende Person, sagte:“ Diese blonde Punkschwuchtel!?!“ Wie wir also sehen, gehen die Meinungen bezüglich Billy Idols weit auseinander. Meine Ansicht zu Billy Idol nach diesem Konzert: Verdammt coole Sau und auch in seinem Alter immer noch sehr appetitlicher Body.