Neues aus dem Erasmusghetto
Morgens gleicht der Flur wie immer einem Schlachtfeld. Ich bahne mir meinen Weg zum Kühlschrank, um mir Milch für meinen Frühstückskaffee zu holen, durch leere Vodka- und Bierflaschen, Wein aus dem Tetrapak und Zigarettenstummeln. Im Studentenheim Kolej Hostivař sind hauptsächlich Erasmus-Studierende untergebracht. Da die architektonische Fehlkonstruktion, die ursprünglich nicht als Studentenheim konzipiert war, keinen Gemeinschaftsraum und eine Küche von zwei Quadratmetern für zwanzig Personen vorsieht, finden die Partys regelmäßig auf dem Flur statt. Aufpasserinnen wie in russischen und ukrainischen Heimen, die um Mitternacht sowohl die Eingangstür des Heims als auch die des Stockwerks versperren und die Nachtruhe kontrollieren, gibt es hier zum Glück nicht. Doch Konflikte mit den wenigen regulären BewohnerInnen, deren Schlafrhythmus von dem der Austauschstudierenden abweicht, sind vorprogrammiert. Deshalb beendet das Heimpersonal, ein Security mit Schlagstock und eine Dame mit langem grauem Haar und verbittertem Gesicht, mit viel Geschrei und tschechischen Flüchen das allzu laute Feiern zu später Stunde. Am nächsten Tag finden wir eine Nachricht des Heimvorstandes an der Wand, wie immer in kreativem Englisch: Wir hätten ab sofort unsere „lusty celebrations“ zu unterlassen.


