NachWORT

Ein Beitrag von Christiane Neudecker

Wir stehen auf dem überdachten Bahnsteig des nádraží holešovice. Es ist kalt. Gerade haben sie über Lautsprecher den einfahrenden Zug angekündigt. Wir sehen schon seine Silhouette aus der Ferne heranrollen, hören das Sirren der Schienen. Der Auftrieb wirbelt Herbstlaub über die Schwellen, unter unseren Füßen vibriert der Asphalt.
A. und ich sehen uns an. „Ja…“, sage ich und ziehe meinen Mantel enger um meinen Körper, „Ja…“, sagt sie. Und M. sagt: „Nein“ und schmiegt sich an A.. Schon auf dem Weg hierher wussten wir kaum, was wir sagen sollen. Wir saßen in A.s Auto, wir sahen Häuser und Passanten an uns vorüberziehen, wir schwiegen.
„Du bist doch gerade erst angekommen“, sagt A., als sie mir jetzt hilft, meinen Koffer durch die aufspringende Zugtür zu stemmen. Ich nicke stumm. M. vergräbt die Hände in den Taschen seiner Daunenjacke.
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Sunshine

Ein Beitrag von Friederike Kenneweg

Am Ende geht die Zeit doch immer so schnell – meine Freundin Annika sagt – „Als hätte man die Wochen wegradiert.“ Und hier ist er schon, der letzte Blogeintrag. Es gab da noch so viel, worüber ich hätte schreiben wollen – aber am Ende, am Ende schrumpft doch alles zu einer letzten Situation zusammen.

Wie ich in der anderen Pension sitze, in die ich auf den letzten Drücker noch umgezogen bin, unter der Bedingung, dass der vormalige Pensionswirt mich zum Bahnhof fährt.

Wie ich unter dem grauen Novemberhimmel vor der Pension stehe und auf ihn warte. Auf dem Weg in dem kleinen Vorgarten stehen der schwere Koffer mit den Büchern, der Wanderrucksack, meine kleine Tasche. Ich gehe in dem Garten auf und ab, nervös.
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Wort 7 - *******!

Ein Beitrag von Christiane Neudecker

M. sieht uns mit großen Augen an. Vor ihm sprudelt die Apfelschorle im Glas, in seinem Mundwinkel klebt noch ein Krümel von der Blätterteig-Quiche, die wir uns gerade geteilt haben. Wir sitzen auf sehr hohen Stühlen um einen sehr hohen Tisch herum, A., M. und ich, wir baumeln alle drei mit den Beinen. „Nun sag schon“, schmeichelt A. Und ich locke: „Dir fällt doch bestimmt etwas ein.“
Draußen ist es hell. Die Smogdecke der letzten Tage ist dünn geworden, der Himmel färbt sich endlich blau, die Passanten, die an der Fensterfront des Cafés entlang schlendern, lächeln alle, nirgendwo sind mehr Japaner mit Atemschutzmasken zu sehen. An den Kirchtürmen und Synagogen schillern die Ornamente im Licht, die goldene Stadt leuchtet auf. Ich schiebe meine Hand in einen Sonnenstrahl, der über die Tischkante fällt. Ich will M. nicht drängen.
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Wort 6 - KEINEBÉWÉGUNK

Ein Beitrag von Christiane Neudecker

Die Krankenschwester in ihrem Glaskasten sieht nicht auf, als wir hereinkommen. Hinter uns fällt die Tür des Nemocnice Na Františku zurück ins Schloss. A. zögert nicht. Mit schnellen Schritten ist sie an der Trennscheibe und scheucht die Schwester von ihrem Kreuzworträtsel hoch.
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Babelfisch

Ein Beitrag von Friederike Kenneweg

In „Per Anhalter durch die Galaxis“ von Douglas Adams gibt es ihn, den Babelfisch. Du setzt dir ein Fischlein ins Ohr und es übersetzt dir alle Sprachen des Universums. Dass man einen solchen Erfinden sollte, dieser Gedanke war mir öfter schon dieser Tage als Stoßseufzer entschlüpft.

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Was darüber und darunter liegt

Ein Beitrag von Friederike Kenneweg

Wie sich Orte in einer Stadt verändern, wie sich Geschichten übereinander schichten, das sieht man sehr gut an der Prager Burg, die mit diesen Geschichts-Schichten aus den verschiedenen Baustilen, die ist ja ein einziger Geschichts-Flickenteppich, die Burg. Oder auch Josefov und wie dort die Judenstadt „assaniert“ wurde, wie es bei Kafka und bei Meyrink heißt. Wie da ein Ort ist und noch ein anderer Ort darunter, vorher die Judenstadt, heute die langen Prachtstraßen mit den Boutiquen drin.
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Wort 5 - LED

Ein Beitrag von Christiane Neudecker

A. tritt auf den Gehsteig hinaus und ruft mich. Seit zwanzig Minuten irre ich zwischen den Straßenenden Kozi/Dušní und dem Moldauufer hin und her und kann den Eingang einfach nicht finden. Das Tor, durch das A. mich jetzt lachend winkt, ist unscheinbar, ich habe es vorher glatt übersehen: eine grünblaue, halbgeöffnete Blechtür, die auf einen kleinen Sportplatz führt. M. wartet am Kassenhäuschen. Er ist der Sohn von A., er ist schon ganz ungeduldig, er ist neun. Als er mich sieht, beginnt er zu hüpfen, die Sporttasche schlägt ihm gegen die Beine. Und ich streife meine Wollhandschuhe ab, ich angele nach meinem Portemonnaie und sage: „Ihr habt keine Ahnung, wie lang ich das nicht mehr gemacht habe.“
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Wort 4 - HLOUBKA

Ein Beitrag von Christiane Neudecker

Ich bin mitten im Palladium, als mir dieses Wort einfällt: Hloubka. Über mir baumeln glitzernde Weihnachtskugeln und blinkende Rentiere herum, hektische Passanten eilen mit schwingenden Einkauftüten an mir vorüber, aus den geöffneten Ladentüren orgeln mir mindestens drei verschiedene Melodien entgegen - und ich bleibe plötzlich stehen und denke: Hloubka.
Ich habe keine Ahnung, was das heißt. Ich weiß nicht einmal, wie man es ausspricht. Irgendwo muss ich das Wort gelesen haben, ich sehe es graphisch vor mir. Wahrscheinlich liegt es in einem der weihnachtlich dekorierten Schaufester herum, an denen ich gerade vorbeigelaufen bin - zwischen Lametta und Christbaumkugeln, zwischen Winterstiefeln und Wollmützen, auf Preisschildern oder Werbetafeln. Oder es ist auf dem Weg hierher auf einer der Straßenbahnen, die den Náměstí Republiky kreuzen, an mir vorübergefahren, hat auf Schienen mein Blickfeld durchquert und sich so in mein Gedächtnis gegraben.
Hloubka. Ich mag das Wort. Leise flüstere ich es vor mich hin, ich probiere die unterschiedlichsten Betonungen. Es liegt ein Versprechen im Stammklang dieser Buchstabenreihung, eine Ruhe, eine Dauerhaftigkeit. Gelöbnis könnte hloubka vielleicht heißen, oder: Freundschaft. Aus irgendeinem Grund glaube ich, dass das Wort, hätte es eine Farbe, Blau wäre. Ein tiefdunkles Nachtblau, grundiert von einem unterirdischen Leuchten.
Langsam setze ich mich wieder in Bewegung. Mit der Rolltreppe fahre ich tiefer hinab in das Innere dieses riesigen Einkaufstempels. Aus den Cafés im Untergeschoß steigt Wasserdampf auf, es riecht nach Milchschaum und Backschmalz. Ich habe vergessen, was ich hier wollte. Wahrscheinlich war es nichts Bestimmtes. Ich bin einfach dem Passantenstrom gefolgt, wollte sehen, wie das Gebäude, dessen Außenfenster sie mit Leuchtzahlen in Adventskalendertüren verwandelt haben, von innen aussieht. 200 steht draußen auf der Fassade, 200 Shops. Ich wollte mir das ansehen, 200 Läden in einem so schmal wirkenden Haus, aber jetzt will ich nur wieder heraus hier, die vielen Menschen machen mich müde.
Draußen ist es dunkel und kalt. Der Smog, den ich in den letzten Tagen für Nebel gehalten hatte, liegt noch immer dick über der Stadt. Ich schlage den Mantelkragen hoch und biege in die Seitengassen ein, die zu meiner Wohnung führen. Dass hloubka auch Wärme heißen könnte, überlege ich mir. Oder: Freiheit. Luft. Gesundheit. Etwas Angenehmes, Aufstrahlendes.
Die Zahlen fallen mir ein, als ich mich über die Engelsstiege zur Wohnung emporarbeite. 1,60 und 90. Sie haben etwas mit hloubka zu tun, da bin ich mir sicher. Es muss da eine Verbindung geben, hloubka, 1,60 und 90 oder andersherum: 1,90 und 60, das gehört alles zusammen, denke ich, aber ich habe keine Ahnung, warum, ich kann meinen eigenen Gedanken heute nicht folgen. Ich öffne die Wohnungstür. Ein leichter Geruch nach Chlor schlägt mir aus dem Badezimmer entgegen. Und auf einmal weiß ich es wieder.
Gestern war ich schwimmen im AXA. Eine 25-Meterbahn haben sie dort in den Keller des Gebäudes hinein gemauert. Wenn man am Einlasstresen bezahlt hat und zu den Damenumkleiden läuft, kommt man an einer Fensterfront vorbei. Dort kann man, wie von einer verglasten Galerie, auf das Becken herabschauen. Ein alter Mann saß auf einem Holzstuhl vor der Scheibe. Er sah unter sich die Schwimmer ihre Bahnen ziehen, auf ihn zu, von ihm weg. Er saß nach vorne gebeugt, seine Ellenbogen hatte er auf den Knien abgestützt, unter ihm flitterten Lichtreflexe über die bewegte Wasserfläche, er sah traurig aus. Als ich später selbst unten im Wasser war, fiel er mir wieder ein. Ich ließ mich bei der Kehrtwende auf den Rücken treiben und sah zu ihm hoch, aber ich konnte hinter der Scheibe nichts erkennen. Stattdessen streifte mein Blick eine Aufschrift an der Seitenwand. Hloubka stand da in großen, dunkelblauen Lettern, und: 90. Und am anderen Ende des Beckens: hloubka 1,60.
Höhe muss das also heißen, denke ich, und werfe meinen Mantel auf die Garderobe. Ich bin enttäuscht. Die Bedeutung kommt mir so kalt und nüchtern vor, sie passt nicht zu dem Gefühl, das ich für das Wort hatte. Dass ich die Stimmung in der Schwimmhalle auf das Wort projiziert haben muss, denke ich mir. Das Gefühl meines umspülten Körpers, das Blau unter mir. Das Lachen in der aufgeheizten, feuchtigkeitsdurchtränkten Luft. Aber so ist das, ich muss es einsehen: einzelne Worte können einen Zustand nicht festhalten, sie spiegeln ihn nur.
Erst als ich gerade das Teewasser aufsetze, merke ich, dass ich einen Fehler gemacht habe. Ich habe den Blickwinkel verdreht. Das Wort war, vom Wasser aus gesehen, über mir, ich habe es von unten betrachtet und deswegen mit Höhe übersetzt. Aber die Bedeutung ist eine ganz andere, eine viel passendere: die Tiefe.
Mit der Teetasse in den Händen trete ich lächelnd an das Sofa heran. Draußen schlägt die Kirchturmuhr. Ich sinke.

Gespräche beim Frühstück

Ein Beitrag von Friederike Kenneweg

In der Pension sitzt man immer mit anderen am Frühstückstisch. Insbesondere die Leute, die alleine da sind, werden gemeinsam an einen Tisch gesetzt. Nicht zwangsläufig führt das dazu, dass man sich auch unterhält.
Der österreichische Filmemacher, der einzige, mit dem ich keine Sprachprobleme zu überwinden hätte und der, wie ich, länger in der Pension wohnt und nicht nur ein paar Tage – mit dem rede ich überhaupt nicht. Zum Frühstück trinkt er nur seinen Kaffee, schwarz, mit Zucker, geht vor die Tür und raucht seine zwei oder drei Guten-Morgen-Zigaretten. Als er mir einmal doch länger gegenüber saß, hustete er nur unentwegt und beschäftigte sich ausführlich mit seinem Smartphone. Wir haben uns beide hinter unserem Englisch versteckt und sind nicht mit dem Deutsch herausgerückt. Mit dem Pensionswirt sprechen wir beide immer englisch, und zu mir sagt er, wenn er mich im Gang trifft - eine sehr gute Tarnung und die kleinstmögliche Kraftanstrengung – immer nur „Hi“.

Dass er Österreicher ist und ich also mit ihm deutsch sprechen könnte, weiß ich überhaupt erst dadurch, dass eine Französin eines Morgens mit am Tisch saß. Die Dame mit rotgefärbtem kurzen Haar und einer breitrandigen schwarzen Dolce- und Gabbana-Brille, beschäftigte sich ebenfalls mit ihrem Smartphone. Offensichtlich bereits alterssichtig, sah sie über den Rand ihrer Brille auf das Display. Sie hatte Probleme damit ins Internet zu kommen. Das Smartphone war auf Französisch eingestellt, so dass auch der Pensionswirt und ich ihr nicht so recht helfen konnten. „Appuyer sur le Button WPR sur“ — wir verstanden es nicht.
Ein Telefon sollte zum Telefonieren gut sein, sagte der Wirt, und es tauge doch nichts, wenn es nicht telefonieren könnte, so wie ihrs. Aber immerhin, sagte er und wies auf das schöne Herbstbild, das auf dem Handy zu sehen war, könne man mit ihrem ja schöne Bilder mit sich rumtragen. Das veranlasste die Französin, unempfänglich für die Ironie des Wirts, uns tatsächlich Bilder zu zeigen, von ihrer kleinen Hütte in den Bergen und der Wiese davor.
In diesem Moment kam der Filmemacher durch den Frühstücksraum, und der Wirt rief ihn dazu – „Hannes“, sagte er, „maybe you can help us, that is, help her.“ Hannes hätte einen österreichischen Mobilfunkvertrag gehabt und wäre anfänglich hier auch nicht ins Netz gekommen, sagte Hannes. Aha, Österreicher also, dachte ich.
Unterdessen hätte er aber aus Kostengründen sowieso eine tschechische Karte. Nein, er könne nicht helfen, sagte er, und schon war er wieder aus der Tür.

Wie sich herausstellte, war die Französin eine Galeristin aus Lyon, die mit den Bildern abstrakter tschechischer Maler handelte. Mit dem Pensionswirt, der ebenfalls malt, war sie schnell in eine Diskussion über die Situation der tschechischen Kunst verstrickt. Es gäbe nichts Neues mehr, die jungen Leute machten Dinge und hielten sie für sehr neu, und dabei sei das doch nur ein Abklatsch dessen, was es schon in den Sechzigern gegeben hatte. Das sei zwar ein Problem auf der ganzen Welt, sagte der Wirt, aber doch besonders in Tschechien, wo man in allem immer fünfzig Jahre hinterher sei, besonders aber in der Kunst. Im Hintergrund klang leise das Oldiesradio.

Was das denn sei, in diesem süßen Brot, fragte die Französin, die Füllung. In Österreich würde man es wohl Topfen nennen, in Deutschland Quark, dachte ich. Aber was war das nur auf Französisch?
Der Wirt sagte: „That is Rucola!“ Ich musste lachen. Nein, Rucola war das gewiss nicht, er meinte wohl etwas anderes. Aber was doch gleich. Nicht Rucola. Nicht Mozzarella. Nicht Marsala. Das, was in Tiramisu drin ist. Mascarpone! „Something like Mascarpone, yes!“, sagte der Wirt. Und ich wunderte mich über meine Assoziationskette voller italienischer Essensumwege.
„It is cold outside“, sagte die Galeristin. “And I did not bring my gloves!”
In Lyon seien es um die 20 Grad gewesen, als sie von dort losgefahren sei. Sie habe zwar im Internet nach dem Wetterbericht geschaut, aber als sie gesehen habe, dass es dort nur 3 Grad seien, habe sie sich gesagt: „Das kann nicht sein!“ und ihre Handschuhe trotzdem nicht eingepackt. Wie es denn in Berlin sei, fragte sie mich, und dass dort das Wetter doch auch ganz anders als in Prag sein müsse. Ich verneinte verwundert – nein, es sei ganz ähnlich. Ihre Tochter sei im August in Berlin gewesen, und da seien es um die 30 Grad gewesen, unerträgliche Hitze. Ich erklärte der Französin, dass es im Sommer durchaus mal sehr heiß sein könne in Berlin, aber im Winter auch ziemlich kalt. Als sie daraufhin irgendwas von der Zeitverschiebung zwischen Berlin und Prag sagte, war ich vollends verwirrt und fragte mich, welch ein seltsames Land Berlin in ihrer Vorstellung sein muss und wo es liegt, wenn es dort immer warm ist und es so weit von Tschechien entfernt ist, dass man bei einer Reise wie meiner eine enorme Zeitverschiebung in Kauf nehmen muss. Aber vielleicht hatte ich sie auch mal wieder nur falsch verstanden.

Die kaputte Dusche

Ein Beitrag von Friederike Kenneweg

Mit außerordentlich guter Laune war ich erwacht, und dass heute die Brötchen sehr trocken waren und es zum wiederholten Male nur Erdbeermarmelade gab, sollte mir das nicht verderben. Auch nicht, dass die polnische Reisegruppe gleich am Morgen Liedchen gesungen hatte, Dzien Dobry, dzien dobry, viel zu laut und rücksichtslos für meinen Geschmack. Als ich dann aber unter der Dusche stand und diese blieb und blieb kalt – das war eine harte Probe. Ich fluchte auf die polnische Reisegruppe und verdächtigte sie, das ganze warme Wasser verbraucht zu haben. Ein Glück, dass die heute endlich abreisen würden.

Am nächsten Morgen stand ich wieder da und die Dusche blieb kalt, und da schwante mir, dass ich die Polen ganz zu unrecht verdächtigt hatte und dass nämlich einfach die Dusche kaputt war.
„Ich habe ein kleines Problem“, sagte ich zum Pensionswirt, und er schloss mir fürs Erste ein anderes Bad auf und versprach mir, sich darum zu kümmern. Ein Mann würde kommen, der sich mit Boilern auskannte.
Wie dumm von mir, überhaupt, die Polen zu verdächtigen, hatte ich doch schon beim Beziehen des Zimmers gemerkt, dass ich einen ganz eigenen Boiler für die Warmwasserversorgung in meinem Bad hatte, der riesenhaft, rund und dick über dem kleinen Raum thronte. Aber wenn man erst mal will, dass jemand schuld ist, übersieht man ja gerne alle entlastenden Indizien. Es war mir unangenehm zu bemerken, dass auch ich davor nicht gefeit war.

Am nächsten Tag saß ich mit meinem Laptop am Tischchen im Eingangsbereich, an dem nämlich auch das Internet funktioniert, als es klingelte. Vor der Tür stand ein kleiner Mann mit Schnauzbart, der einen großen Werkzeugkoffer mit sich trug.
„Here you meet your master!“ sagte der Pensionswirt, der hereingeschossen kam, um die Tür zu öffnen.
„My master?“ Den hatte ich mir, ehrlich gesagt, anders vorgestellt. Auf jeden Fall schon mal größer.
“You know, the shower!“ Ja, im Boiler reparieren würde mir der kleine Mann zweifellos haushoch überlegen sein.

Eine Stunde lang belegte der kleine Mann mein Badezimmer. Ich war unterdessen mit meinem Laptop in die Gemeinschaftsküche umgezogen. Dort kam der Pensionswirt zwischendurch vorbei, um mich auf dem Laufenden zu halten.
„Look, thats what it was!“, sagte er und hielt mir ein kleines Teil unter die Nase, ein Stück Metall in Form und Größe einer Streichholzschachtel, aus dem wie Fühler oder Beine Drähte heraushingen. „Kaputt!“ sagte er und ließ mit einem Knall den metallenen Mülleimer darüber zuschnappen. D
as Teil erinnerte mich an die Maschinenmonster aus Matrix, und es hätte mich nicht gewundert, wenn ein keckerndes Geräusch aus dem Mülleimer gekommen wäre, wenn die Drähte sich über den Eimerrand gebogen hätten, wenn das Tierchen-Teilchen kakerlakenartig unter der Küchenablage verschwunden wäre. Aber zum Glück war es kaputt.

Eine weitere halbe Stunde später war die Dusche repariert und ich konnte mich wieder ungestört in mein Zimmer zurückziehen. „So everything is ok“, sagte der Pensionswirt, und so sah es auch aus, auf den ersten Blick. Nur auf dem Badezimmerboden lag noch eine einzelne Schraube.
Über mir der dicke, runde Boiler, von dem ich jetzt wusste, dass er voll war von kleinen, keckernden Kakerlakenmaschinen, die von dem kleinen Mann mit der großen Tasche befehligt wurden und die ihre Drahtfühler umeinander schlangen, um mein heißes Wasser zu erzeugen. Ich hoffte sehr, dass die Schraube nicht unbedingt notwendig war, um diese Boilerbombe zu verschließen und den Kakerlakenstaat daran zu hindern, sich in das Badezimmer zu ergießen, sich durch die Tür zu fressen, meine Bücher, meine Kleider, den Schrank und das Bett zu erobern und schließlich mich mit Metalleibern zu umspülen, mich mit feinen Drähten zu betasten und mich fortzutragen, ohne dass ich mich wehren könnte, eingesponnen in einen Kokon aus Kupfer.

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