In der Pension sitzt man immer mit anderen am Frühstückstisch. Insbesondere die Leute, die alleine da sind, werden gemeinsam an einen Tisch gesetzt. Nicht zwangsläufig führt das dazu, dass man sich auch unterhält.
Der österreichische Filmemacher, der einzige, mit dem ich keine Sprachprobleme zu überwinden hätte und der, wie ich, länger in der Pension wohnt und nicht nur ein paar Tage – mit dem rede ich überhaupt nicht. Zum Frühstück trinkt er nur seinen Kaffee, schwarz, mit Zucker, geht vor die Tür und raucht seine zwei oder drei Guten-Morgen-Zigaretten. Als er mir einmal doch länger gegenüber saß, hustete er nur unentwegt und beschäftigte sich ausführlich mit seinem Smartphone. Wir haben uns beide hinter unserem Englisch versteckt und sind nicht mit dem Deutsch herausgerückt. Mit dem Pensionswirt sprechen wir beide immer englisch, und zu mir sagt er, wenn er mich im Gang trifft - eine sehr gute Tarnung und die kleinstmögliche Kraftanstrengung – immer nur „Hi“.
Dass er Österreicher ist und ich also mit ihm deutsch sprechen könnte, weiß ich überhaupt erst dadurch, dass eine Französin eines Morgens mit am Tisch saß. Die Dame mit rotgefärbtem kurzen Haar und einer breitrandigen schwarzen Dolce- und Gabbana-Brille, beschäftigte sich ebenfalls mit ihrem Smartphone. Offensichtlich bereits alterssichtig, sah sie über den Rand ihrer Brille auf das Display. Sie hatte Probleme damit ins Internet zu kommen. Das Smartphone war auf Französisch eingestellt, so dass auch der Pensionswirt und ich ihr nicht so recht helfen konnten. „Appuyer sur le Button WPR sur“ — wir verstanden es nicht.
Ein Telefon sollte zum Telefonieren gut sein, sagte der Wirt, und es tauge doch nichts, wenn es nicht telefonieren könnte, so wie ihrs. Aber immerhin, sagte er und wies auf das schöne Herbstbild, das auf dem Handy zu sehen war, könne man mit ihrem ja schöne Bilder mit sich rumtragen. Das veranlasste die Französin, unempfänglich für die Ironie des Wirts, uns tatsächlich Bilder zu zeigen, von ihrer kleinen Hütte in den Bergen und der Wiese davor.
In diesem Moment kam der Filmemacher durch den Frühstücksraum, und der Wirt rief ihn dazu – „Hannes“, sagte er, „maybe you can help us, that is, help her.“ Hannes hätte einen österreichischen Mobilfunkvertrag gehabt und wäre anfänglich hier auch nicht ins Netz gekommen, sagte Hannes. Aha, Österreicher also, dachte ich.
Unterdessen hätte er aber aus Kostengründen sowieso eine tschechische Karte. Nein, er könne nicht helfen, sagte er, und schon war er wieder aus der Tür.
Wie sich herausstellte, war die Französin eine Galeristin aus Lyon, die mit den Bildern abstrakter tschechischer Maler handelte. Mit dem Pensionswirt, der ebenfalls malt, war sie schnell in eine Diskussion über die Situation der tschechischen Kunst verstrickt. Es gäbe nichts Neues mehr, die jungen Leute machten Dinge und hielten sie für sehr neu, und dabei sei das doch nur ein Abklatsch dessen, was es schon in den Sechzigern gegeben hatte. Das sei zwar ein Problem auf der ganzen Welt, sagte der Wirt, aber doch besonders in Tschechien, wo man in allem immer fünfzig Jahre hinterher sei, besonders aber in der Kunst. Im Hintergrund klang leise das Oldiesradio.
Was das denn sei, in diesem süßen Brot, fragte die Französin, die Füllung. In Österreich würde man es wohl Topfen nennen, in Deutschland Quark, dachte ich. Aber was war das nur auf Französisch?
Der Wirt sagte: „That is Rucola!“ Ich musste lachen. Nein, Rucola war das gewiss nicht, er meinte wohl etwas anderes. Aber was doch gleich. Nicht Rucola. Nicht Mozzarella. Nicht Marsala. Das, was in Tiramisu drin ist. Mascarpone! „Something like Mascarpone, yes!“, sagte der Wirt. Und ich wunderte mich über meine Assoziationskette voller italienischer Essensumwege.
„It is cold outside“, sagte die Galeristin. “And I did not bring my gloves!”
In Lyon seien es um die 20 Grad gewesen, als sie von dort losgefahren sei. Sie habe zwar im Internet nach dem Wetterbericht geschaut, aber als sie gesehen habe, dass es dort nur 3 Grad seien, habe sie sich gesagt: „Das kann nicht sein!“ und ihre Handschuhe trotzdem nicht eingepackt. Wie es denn in Berlin sei, fragte sie mich, und dass dort das Wetter doch auch ganz anders als in Prag sein müsse. Ich verneinte verwundert – nein, es sei ganz ähnlich. Ihre Tochter sei im August in Berlin gewesen, und da seien es um die 30 Grad gewesen, unerträgliche Hitze. Ich erklärte der Französin, dass es im Sommer durchaus mal sehr heiß sein könne in Berlin, aber im Winter auch ziemlich kalt. Als sie daraufhin irgendwas von der Zeitverschiebung zwischen Berlin und Prag sagte, war ich vollends verwirrt und fragte mich, welch ein seltsames Land Berlin in ihrer Vorstellung sein muss und wo es liegt, wenn es dort immer warm ist und es so weit von Tschechien entfernt ist, dass man bei einer Reise wie meiner eine enorme Zeitverschiebung in Kauf nehmen muss. Aber vielleicht hatte ich sie auch mal wieder nur falsch verstanden.