Ein Beitrag von Pavel Brycz
Früher waren die Chancen, dass ein Mann sich zu Hause mit den Kindern auch nur eine einzige halbe Stunde alleine fand, so unausdenkbar gering, dass eine derart närrische Konstellation bestenfalls als Szenario für eine crazy comedy taugte. Heute ist die regelmäßige Beaufsichtigung des Nachwuchses für den Mann eine ebenso unumstößliche Tatsache wie die morgendliche Rasur oder ein Klitschko-Sieg.
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26. April 2012 | Kategorie Autoren-Blogs | Kein Kommentar »
Ein Beitrag von Pavel Brycz
Verloschen ist der Morgenglanz des Patriarchats, der den Mythos von Libussa so idyllisch durchstrahlt. Sie hatte das Regieren an den Nagel gehängt und einen richtigen Mann direkt vom Pflug weg einbestellt. Heute müssen wir andere Böden beackern…
1) Enthüllen Sie Ihre Schwächen und Schwachstellen
Wir leben in einer Zeit, in der die Menschenrechte eine zunehmende Ausweitung auf bislang unterdrückte Gruppen erfahren. So hat das schwache Geschlecht sich inzwischen seine unveräußerlichen Rechte erkämpft, jede Frau darf über ihr Alter und alles andere selbst bestimmen und muss auch ihren Nachnamen nicht mehr dem des Mannes unterordnen. Quengeligen Kindern darf man keine pädagogische Ohrfeige mehr verabreichen, vielmehr haben sie Anrecht auf eine Aufgabe. Kränkliche Teenager halten mit übersäuerten Mägen die Kneipen besetzt, homosexuelle Liebe muss nicht mehr erröten, sondern kann sich das Jawort geben, verurteilte Verbrecher entledigen sich ihres befleckten Namens. Höchste Zeit, meine Herren, die Strategie zu ändern. Wir haben verschlafen. Wir müssen das Epitheton „starkes Geschlecht“ in den nicht wieder verwertbaren Müll befördern, die Ungerechtigkeiten der Welt auflisten und uns das Recht erjammern, wir selbst sein zu dürfen.
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26. April 2012 | Kategorie Autoren-Blogs | Kein Kommentar »
Ein Beitrag von Pavel Brycz
Die vor dem Valentinstag allgegenwärtigen Herzchen entgehen der Aufmerksamkeit meiner wissbegierigen Kinder nicht. Und so bleibt es nicht aus, dass ich meinen Söhnen den tieferen Sinn jenes Feiertags der Verliebten erklären muss: „An diesem Tag sagen wir denen, die wir lieben, wie wichtig sie für uns sind.“ „Das heißt also: Mami ist für dich genauso wichtig wie Freitag für Robinson Crusoe?“ fragt Theodor. „In etwa so…“
1) Vermeiden Sie intellektuelle Verächtlichkeit
Es gab Zeiten, wo ich als junger Intellektueller am 14. Februar kein anderes Gefühl in mein Herz eingelassen hätte, als die Empörung darüber, dass mir ein aus kommerziellen Gründen importierter Feiertag vorschreibt, die Liebe zu besingen wie ein provenzalischer Troubadour. Heutzutage überlege ich mir ein Geschenk für meine Frau, organisiere einen Babysitter und reserviere einen Tisch für zwei Personen. Import oder nicht – darüber zerbreche ich mir nicht mehr den Kopf. Und absolviere ich Vergleichbares dann gern auch noch einmal im März und im Mai.
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26. April 2012 | Kategorie Autoren-Blogs | Kein Kommentar »
Ein Beitrag von Alena Zemancikova
Alena Zemančíková
Der Roman wurde durch ein Arbeitsstipendium des Prager Literarturhauses deutschsprachiger Autoren gefördert
Das Grab auf dem Zenralfriedhof ist genau so grau und armselig wie die Wohnung unserer Großmutter am Zwinger.
Als mein Bruder zum Militär musste, erhielten die Mieter in allen Häusern dieser historischen Straße die amtliche Kündigung. Und während mein Bruder sich noch durch die Grundausbildung quälte, starb die Großmutter. Die Katze wurde von einer Verwandten, einer Krankenschwester, geholt, doch ich kann mir nicht vorstellen, wie die beiden miteinander zurecht kommen, denn dieses Tier war alles andere als anpassungsfähig.
Die Wohnung mussten wir räumen, der Bruder bekam dafür sogar Urlaub vom Militär. Viele Sachen waren es nicht, aber auch das Wenige konnten wir nirgends unterbringen. Ein paar Schränke verschenkten wir an Freunde, dem besten, der uns bei allem geholfen und meinem Bruder früher einmal einen abgehackten Finger gerettet hatte, überließen wir den Lüster mit den drei rosa Klunkern, und er sagte, dass er ihn nur als geliehen betrachte. Den Spiegel trugen wir zu einem Liebespaar in der Nähe. Wir klingelten und schoben ihn so durch die Tür, dass der, der öffnen würde, sich selbst gegenüberstünde. Sie machten uns nackt auf. Wir lachten, obwohl alles sehr traurig war, und folgten ihrer Einladung auf ein paar Dalken, die uns vom Bett her entgegenwinkten, aus dem die beiden sich um vier Uhr nachmittags gerade erhoben.
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26. April 2012 | Kategorie Autoren-Blogs | Kein Kommentar »
Ein Beitrag von Christiane Neudecker
Wir stehen auf dem überdachten Bahnsteig des nádraží holešovice. Es ist kalt. Gerade haben sie über Lautsprecher den einfahrenden Zug angekündigt. Wir sehen schon seine Silhouette aus der Ferne heranrollen, hören das Sirren der Schienen. Der Auftrieb wirbelt Herbstlaub über die Schwellen, unter unseren Füßen vibriert der Asphalt.
A. und ich sehen uns an. „Ja…“, sage ich und ziehe meinen Mantel enger um meinen Körper, „Ja…“, sagt sie. Und M. sagt: „Nein“ und schmiegt sich an A.. Schon auf dem Weg hierher wussten wir kaum, was wir sagen sollen. Wir saßen in A.s Auto, wir sahen Häuser und Passanten an uns vorüberziehen, wir schwiegen.
„Du bist doch gerade erst angekommen“, sagt A., als sie mir jetzt hilft, meinen Koffer durch die aufspringende Zugtür zu stemmen. Ich nicke stumm. M. vergräbt die Hände in den Taschen seiner Daunenjacke.
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3. Dezember 2011 | Kategorie Autoren-Blogs | 1 Kommentar »
Ein Beitrag von Friederike Kenneweg
Am Ende geht die Zeit doch immer so schnell – meine Freundin Annika sagt – „Als hätte man die Wochen wegradiert.“ Und hier ist er schon, der letzte Blogeintrag. Es gab da noch so viel, worüber ich hätte schreiben wollen – aber am Ende, am Ende schrumpft doch alles zu einer letzten Situation zusammen.
Wie ich in der anderen Pension sitze, in die ich auf den letzten Drücker noch umgezogen bin, unter der Bedingung, dass der vormalige Pensionswirt mich zum Bahnhof fährt.
Wie ich unter dem grauen Novemberhimmel vor der Pension stehe und auf ihn warte. Auf dem Weg in dem kleinen Vorgarten stehen der schwere Koffer mit den Büchern, der Wanderrucksack, meine kleine Tasche. Ich gehe in dem Garten auf und ab, nervös.
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1. Dezember 2011 | Kategorie Autoren-Blogs | Kein Kommentar »
Ein Beitrag von Christiane Neudecker
M. sieht uns mit großen Augen an. Vor ihm sprudelt die Apfelschorle im Glas, in seinem Mundwinkel klebt noch ein Krümel von der Blätterteig-Quiche, die wir uns gerade geteilt haben. Wir sitzen auf sehr hohen Stühlen um einen sehr hohen Tisch herum, A., M. und ich, wir baumeln alle drei mit den Beinen. „Nun sag schon“, schmeichelt A. Und ich locke: „Dir fällt doch bestimmt etwas ein.“
Draußen ist es hell. Die Smogdecke der letzten Tage ist dünn geworden, der Himmel färbt sich endlich blau, die Passanten, die an der Fensterfront des Cafés entlang schlendern, lächeln alle, nirgendwo sind mehr Japaner mit Atemschutzmasken zu sehen. An den Kirchtürmen und Synagogen schillern die Ornamente im Licht, die goldene Stadt leuchtet auf. Ich schiebe meine Hand in einen Sonnenstrahl, der über die Tischkante fällt. Ich will M. nicht drängen.
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29. November 2011 | Kategorie Autoren-Blogs | Kein Kommentar »
Ein Beitrag von Christiane Neudecker
Die Krankenschwester in ihrem Glaskasten sieht nicht auf, als wir hereinkommen. Hinter uns fällt die Tür des Nemocnice Na Františku zurück ins Schloss. A. zögert nicht. Mit schnellen Schritten ist sie an der Trennscheibe und scheucht die Schwester von ihrem Kreuzworträtsel hoch.
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27. November 2011 | Kategorie Autoren-Blogs | Kein Kommentar »
Ein Beitrag von Friederike Kenneweg
In „Per Anhalter durch die Galaxis“ von Douglas Adams gibt es ihn, den Babelfisch. Du setzt dir ein Fischlein ins Ohr und es übersetzt dir alle Sprachen des Universums. Dass man einen solchen Erfinden sollte, dieser Gedanke war mir öfter schon dieser Tage als Stoßseufzer entschlüpft.
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27. November 2011 | Kategorie Autoren-Blogs | Kein Kommentar »
Ein Beitrag von Friederike Kenneweg
Wie sich Orte in einer Stadt verändern, wie sich Geschichten übereinander schichten, das sieht man sehr gut an der Prager Burg, die mit diesen Geschichts-Schichten aus den verschiedenen Baustilen, die ist ja ein einziger Geschichts-Flickenteppich, die Burg. Oder auch Josefov und wie dort die Judenstadt „assaniert“ wurde, wie es bei Kafka und bei Meyrink heißt. Wie da ein Ort ist und noch ein anderer Ort darunter, vorher die Judenstadt, heute die langen Prachtstraßen mit den Boutiquen drin.
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24. November 2011 | Kategorie Autoren-Blogs | Kein Kommentar »