Nach einer kurzen Lesereise nach Olomouc bin ich übers Wochenende in Berlin gewesen. Von dort fuhr ich abermals mit dem Zug nach Prag, dieses Mal kam ich in der Dämmerung an und kannte den Weg schon. Der Himmel über den Dächern hatte die Farbe von glühendem Eisen, die Wolken die von kalter Schlacke. Obwohl ich gerne länger hier bliebe, gibt es einen Anlass, schon bald zurückzukehren in die deutsche Stadt, aus der ich komme. In einem Prager Tagebuch soll sie ungenannt bleiben. Wie schon vor vier Jahren wird man mir einen Preis, für den ich dort nominiert bin, auch in diesem Jahr nicht geben. Der Prophet gilt nichts im eigenen Land, heißt es und die Wahrheit dieses Sprichworts kann meine eigenen Worte zuletzt zu einer Prophezeiung erhöhen. Was ich in dieses anfangs leere Buch geschrieben habe, wäre somit Wirklichkeit geworden. Eine wunderbare Aussicht, um nicht zu sagen: eine ganz und gar phantastische!
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"Steckbrief": Andreas Martin Widmann
- Website: http://blogs.tschechien-online.org/literaturhaus/author/andreas-martin-widmann/
- Profil: Andreas Martin Widmann ist im November 2009 Gast und Stipendiat des Prager Literaturhauses. Der 1979 in Mainz geborene Autor studierte Germanistik, Anglistik und Theaterwissenschaft an der Johannes- Gutenberg-Universität in Mainz, 2005 machte er sein Magisterexamen mit einer Arbeit über Martin Walser, 2008 schloss er seine Promotion in Neuerer Deutscher Literaturwissenschaft ab. Er unterrichtet deutsche Sprache und Literatur am Royal Holloway College, University of London und ist freier Mitarbeiter der Zeitschrift Literaturnachrichten Afrika Asien Lateinamerika, des Online-Journals Titel-Magazin und Redakteur bei der Kulturzeitschrift elephant. Er veröffentlichte bereits in zahlreichen Literaturzeitschriften und Anthologien wie L. Der Literaturbote, SIGNUM Blätter für Literatur und Kritik u.a. 2005 war er Preisträger beim Jungen Literaturforum Hessen-Thüringen und erhielt den zweiten Preis beim Schiller-Essay-Wettbewerb der Universität Jena sowie 2006 beim Essay-Wettbewerb der Zeitschrift Merkur.
Beiträge von Andreas Martin Widmann:
Das Lied des Propheten
Zeit und ein Wort
Zu den am häufigsten fotografierten Stellen Prags gehört die astronomische Uhr am Turm des Rathauses. Zu den meisten vollen Stunden bilden deshalb Touristen einen Halbkreis auf dem Altstädter Ring und halten ihre Kameras bereit, um die Prozession der Holzheiligen, die kurz vor dem Glockenschlag beginnt, abzufotografieren oder zu filmen. Dass es in dieser Stadt aber buchstäblich an jeder Ecke eine öffentlich aufgestellte Uhr gibt, fiel mir erst nach ungefähr einer Woche auf. Seitdem achte ich darauf. Hinsichtlich ihrer Funktion habe ich noch keine verlässlichen Informationen, mir gefällt aber die Vorstellung, dass es eine kulturhistorische Bewandtnis damit hat, die über die Tugend der Pünktlichkeit hinausreicht. Einige der Uhren sind sehr alt, wie wäre es also, wenn sie von den Bürgern angebracht worden wären, um den jeweiligen Besatzern und Beherrschern der Stadt zu signalisieren, dass ihre Zeit begrenzt ist?
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Mauerbilder
Zu den wenigen Dingen, die ich nach Prag mitgenommen habe, gehört eine Steckerleiste, die es mir ermöglichen sollte, auch mal bei eingeschalteter Schreibtischlampe Musik zu hören, den Laptop mit Netzteil zu betreiben und gleichzeitig den Akku meiner Kamera frisch aufzuladen. Das war überflüssiges Gepäck. In meinem Zimmer gibt es 26 feste Steckdosen und eine Steckerleiste ist außerdem vorhanden.
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Leere Seiten und erste Sätze
Wir sind im Jahr 2009 und irgendwo soll Gorbatschow auf die Frage, ob er als Kremlführer noch einmal genauso handeln würde, wenn er seinerzeit geahnt hätte, wohin seine Politik führen würde, mit einem zögerlichen „Wahrscheinlich nicht“ geantwortet haben. Ein Tagebuch wird in diesen Tagen ohne Weiteres zum Jahrestagebuch. Ist das Tagebuch eigentlich eine literarische Gattung? Wenn es geschrieben wird, um von anderen gelesen zu werden, vielleicht schon. Wenn nicht, und andere lesen es trotzdem, ist es dann ohne Absicht Literatur? Diese Frage stellte ich mir einige Zeit vor meiner Abreise nach Prag, schrieb sie auch gleich in mein Notizbuch, und also begann dieses Tagebuch schon vor dem ersten Tag in Prag. Vor einem, was ich da noch nicht wusste, Montag, an dem die Dächer, auf die ich vom Schreibtisch meines Zimmers aus schauen kann, nicht trocken wurden, und in dessen Verlauf ich bis zum Mittag die nähere Umgebung meines Quartiers in der Altstadt erkundete, aus vom Zufall geweckter Neugier den aktuellen Cheeseburgerkurs (20 Tschechische Kronen, d.h. ca. 90 Eurocent) in Erfahrung brachte und mich ansonsten kaum vom Schreibtisch wegrührte, um sicher sein zu können, dass der Regen tatsächlich nicht nachließ. Während der Reise von Frankfurt hierher schien noch die Sonne bis sie unterging. Sie schien nicht nur, es war auch zu sehen. „Am heutigen Sonntag beginnt der größte Ausverkauf der deutschen Geschichte“ las ich auf der Titelseite der FAZ, kaum dass der Zug Hanau hinter sich gelassen hatte. Offenbar ist die Konkursmasse von Quelle größer als die der DDR.
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Am Anfang von Michael Kleebergs Roman „Ein Garten im Norden“ kommt ein deutscher Schriftsteller nach Prag und erhält, unter dem verstörenden Sinneseindruck stehend, der sich seiner beim Lesen der Namen der in Terezín ermordeten Juden in der Pinchas Synagoge bemächtigt hat, in einem Antiquariat ein Buch mit leeren Seiten geschenkt. Der Antiquar versichert, dass alles, was der Schriftsteller in das Buch schreibe, in aller Konsequenz Wirklichkeit werde. Ich habe zwei leere Bücher geschenkt bekommen: Vorige Woche ein Notizbuch, weil ich ein Jahr älter geworden bin und mein altes gerade voll war (das Notizbuch und das Jahr) und, am Montag, ein Ringbuch des Prager Literaturhauses. Letzteres werde ich wahrscheinlich einmal als Fotoalbum benutzen, als Tagebuch ohne Worte bzw. Wörter. Welches kann zuverlässiger sein, welches mehr Wirklichkeit enthalten?
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Den ersten Satz dieser Erzählung schrieb ich im Zug zwischen Bad Schandau und Usti nad Labem: „Mein Deutsch ist das Deutsch eines Germanisten, der an der Universität gelernt hat, sich in einer Sprache auszudrücken, die nicht seine erste ist.“ Draußen war es so dunkel, dass ich die Landschaft und Städte, durch die ich fuhr, nicht sehen konnte, das Zugfenster zeigte mir mein Spiegelbild. Zwei Amerikaner waren die einzigen anderen Passagiere im gleichen Abschnitt des Wagons. Etwas stimmte nicht mit ihrer Fahrkarte, offenbar hatte die Schaffnerin einen von Ihnen gebeten, während des Halts in Dresden ein gültiges Ticket zu kaufen. Jetzt saß er wieder an seinem Platz, neben einem anderen, der kein Wort sagte, und erklärte, man habe ihm keine Fahrkarte geben können, weil es unmöglich sei, rückwirkend von Berlin, wo sie eingestiegen seien, eine Passage zu kaufen, die schon begonnen habe. Er sprach Englisch. „Wenn ich unter Deutschen bin und deutsch spreche, kann ich mir meine Nationalität beinahe beliebig aussuchen. Sie nehmen einen leichten Akzent war, der sich aber nicht gleich einordnen lässt.“ Der Rand der Fahrplanbeilage, auf den ich gekritzelt hatte, war voll. Ich kramte zwischen den übrigen Büchern, die ich als Lektürevorrat mit auf die Reise genommen hatte, nach meinem Notizbuch, um darin weiterschreiben zu können, während die Schaffnerin nickte, den Kopf schüttelte, mitunter beides zugleich. „Ich könnte Schweizer sein und fürs deutsche Fernsehen arbeiten.“
