Wir stehen auf dem überdachten Bahnsteig des nádraží holešovice. Es ist kalt. Gerade haben sie über Lautsprecher den einfahrenden Zug angekündigt. Wir sehen schon seine Silhouette aus der Ferne heranrollen, hören das Sirren der Schienen. Der Auftrieb wirbelt Herbstlaub über die Schwellen, unter unseren Füßen vibriert der Asphalt.
A. und ich sehen uns an. „Ja…“, sage ich und ziehe meinen Mantel enger um meinen Körper, „Ja…“, sagt sie. Und M. sagt: „Nein“ und schmiegt sich an A.. Schon auf dem Weg hierher wussten wir kaum, was wir sagen sollen. Wir saßen in A.s Auto, wir sahen Häuser und Passanten an uns vorüberziehen, wir schwiegen.
„Du bist doch gerade erst angekommen“, sagt A., als sie mir jetzt hilft, meinen Koffer durch die aufspringende Zugtür zu stemmen. Ich nicke stumm. M. vergräbt die Hände in den Taschen seiner Daunenjacke.
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"Steckbrief": Christiane Neudecker
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- Profil: Christiane Neudecker, geb. 1974, Autorin und Theaterregisseurin, u.a. beim Berliner Künstlernetzwerk phase7 performing.arts (www.phase7.de). Erzähldebüt 2005 mit "In der Stille ein Klang", 2008 Roman "Nirgendwo sonst“, 2010 Erzählband „Das Siamesische Klavier“ (alle Luchterhand). Preise und Auszeichnungen (u.a.): August-Graf-von-Platen-Förderpreis 2009, Kulturförderpreis der Stadt Nürnberg 2009, Wolfram-von-Eschenbach-Förderpreis 2006, Alfred-Gesswein-Preis 2003, Arbeitsstipendium des Deutschen Literaturfonds 2009, Bayern 2-Wortspiele-Preis 2010, Phantastikpreis der Stadt Wetzlar 2010.
Beiträge von Christiane Neudecker:
NachWORT
Wort 7 - *******!
M. sieht uns mit großen Augen an. Vor ihm sprudelt die Apfelschorle im Glas, in seinem Mundwinkel klebt noch ein Krümel von der Blätterteig-Quiche, die wir uns gerade geteilt haben. Wir sitzen auf sehr hohen Stühlen um einen sehr hohen Tisch herum, A., M. und ich, wir baumeln alle drei mit den Beinen. „Nun sag schon“, schmeichelt A. Und ich locke: „Dir fällt doch bestimmt etwas ein.“
Draußen ist es hell. Die Smogdecke der letzten Tage ist dünn geworden, der Himmel färbt sich endlich blau, die Passanten, die an der Fensterfront des Cafés entlang schlendern, lächeln alle, nirgendwo sind mehr Japaner mit Atemschutzmasken zu sehen. An den Kirchtürmen und Synagogen schillern die Ornamente im Licht, die goldene Stadt leuchtet auf. Ich schiebe meine Hand in einen Sonnenstrahl, der über die Tischkante fällt. Ich will M. nicht drängen.
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Wort 6 - KEINEBÉWÉGUNK
Die Krankenschwester in ihrem Glaskasten sieht nicht auf, als wir hereinkommen. Hinter uns fällt die Tür des Nemocnice Na Františku zurück ins Schloss. A. zögert nicht. Mit schnellen Schritten ist sie an der Trennscheibe und scheucht die Schwester von ihrem Kreuzworträtsel hoch.
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Wort 5 - LED
A. tritt auf den Gehsteig hinaus und ruft mich. Seit zwanzig Minuten irre ich zwischen den Straßenenden Kozi/Dušní und dem Moldauufer hin und her und kann den Eingang einfach nicht finden. Das Tor, durch das A. mich jetzt lachend winkt, ist unscheinbar, ich habe es vorher glatt übersehen: eine grünblaue, halbgeöffnete Blechtür, die auf einen kleinen Sportplatz führt. M. wartet am Kassenhäuschen. Er ist der Sohn von A., er ist schon ganz ungeduldig, er ist neun. Als er mich sieht, beginnt er zu hüpfen, die Sporttasche schlägt ihm gegen die Beine. Und ich streife meine Wollhandschuhe ab, ich angele nach meinem Portemonnaie und sage: „Ihr habt keine Ahnung, wie lang ich das nicht mehr gemacht habe.“
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Wort 4 - HLOUBKA
Ich bin mitten im Palladium, als mir dieses Wort einfällt: Hloubka. Über mir baumeln glitzernde Weihnachtskugeln und blinkende Rentiere herum, hektische Passanten eilen mit schwingenden Einkauftüten an mir vorüber, aus den geöffneten Ladentüren orgeln mir mindestens drei verschiedene Melodien entgegen - und ich bleibe plötzlich stehen und denke: Hloubka.
Ich habe keine Ahnung, was das heißt. Ich weiß nicht einmal, wie man es ausspricht. Irgendwo muss ich das Wort gelesen haben, ich sehe es graphisch vor mir. Wahrscheinlich liegt es in einem der weihnachtlich dekorierten Schaufester herum, an denen ich gerade vorbeigelaufen bin - zwischen Lametta und Christbaumkugeln, zwischen Winterstiefeln und Wollmützen, auf Preisschildern oder Werbetafeln. Oder es ist auf dem Weg hierher auf einer der Straßenbahnen, die den Náměstí Republiky kreuzen, an mir vorübergefahren, hat auf Schienen mein Blickfeld durchquert und sich so in mein Gedächtnis gegraben.
Hloubka. Ich mag das Wort. Leise flüstere ich es vor mich hin, ich probiere die unterschiedlichsten Betonungen. Es liegt ein Versprechen im Stammklang dieser Buchstabenreihung, eine Ruhe, eine Dauerhaftigkeit. Gelöbnis könnte hloubka vielleicht heißen, oder: Freundschaft. Aus irgendeinem Grund glaube ich, dass das Wort, hätte es eine Farbe, Blau wäre. Ein tiefdunkles Nachtblau, grundiert von einem unterirdischen Leuchten.
Langsam setze ich mich wieder in Bewegung. Mit der Rolltreppe fahre ich tiefer hinab in das Innere dieses riesigen Einkaufstempels. Aus den Cafés im Untergeschoß steigt Wasserdampf auf, es riecht nach Milchschaum und Backschmalz. Ich habe vergessen, was ich hier wollte. Wahrscheinlich war es nichts Bestimmtes. Ich bin einfach dem Passantenstrom gefolgt, wollte sehen, wie das Gebäude, dessen Außenfenster sie mit Leuchtzahlen in Adventskalendertüren verwandelt haben, von innen aussieht. 200 steht draußen auf der Fassade, 200 Shops. Ich wollte mir das ansehen, 200 Läden in einem so schmal wirkenden Haus, aber jetzt will ich nur wieder heraus hier, die vielen Menschen machen mich müde.
Draußen ist es dunkel und kalt. Der Smog, den ich in den letzten Tagen für Nebel gehalten hatte, liegt noch immer dick über der Stadt. Ich schlage den Mantelkragen hoch und biege in die Seitengassen ein, die zu meiner Wohnung führen. Dass hloubka auch Wärme heißen könnte, überlege ich mir. Oder: Freiheit. Luft. Gesundheit. Etwas Angenehmes, Aufstrahlendes.
Die Zahlen fallen mir ein, als ich mich über die Engelsstiege zur Wohnung emporarbeite. 1,60 und 90. Sie haben etwas mit hloubka zu tun, da bin ich mir sicher. Es muss da eine Verbindung geben, hloubka, 1,60 und 90 oder andersherum: 1,90 und 60, das gehört alles zusammen, denke ich, aber ich habe keine Ahnung, warum, ich kann meinen eigenen Gedanken heute nicht folgen. Ich öffne die Wohnungstür. Ein leichter Geruch nach Chlor schlägt mir aus dem Badezimmer entgegen. Und auf einmal weiß ich es wieder.
Gestern war ich schwimmen im AXA. Eine 25-Meterbahn haben sie dort in den Keller des Gebäudes hinein gemauert. Wenn man am Einlasstresen bezahlt hat und zu den Damenumkleiden läuft, kommt man an einer Fensterfront vorbei. Dort kann man, wie von einer verglasten Galerie, auf das Becken herabschauen. Ein alter Mann saß auf einem Holzstuhl vor der Scheibe. Er sah unter sich die Schwimmer ihre Bahnen ziehen, auf ihn zu, von ihm weg. Er saß nach vorne gebeugt, seine Ellenbogen hatte er auf den Knien abgestützt, unter ihm flitterten Lichtreflexe über die bewegte Wasserfläche, er sah traurig aus. Als ich später selbst unten im Wasser war, fiel er mir wieder ein. Ich ließ mich bei der Kehrtwende auf den Rücken treiben und sah zu ihm hoch, aber ich konnte hinter der Scheibe nichts erkennen. Stattdessen streifte mein Blick eine Aufschrift an der Seitenwand. Hloubka stand da in großen, dunkelblauen Lettern, und: 90. Und am anderen Ende des Beckens: hloubka 1,60.
Höhe muss das also heißen, denke ich, und werfe meinen Mantel auf die Garderobe. Ich bin enttäuscht. Die Bedeutung kommt mir so kalt und nüchtern vor, sie passt nicht zu dem Gefühl, das ich für das Wort hatte. Dass ich die Stimmung in der Schwimmhalle auf das Wort projiziert haben muss, denke ich mir. Das Gefühl meines umspülten Körpers, das Blau unter mir. Das Lachen in der aufgeheizten, feuchtigkeitsdurchtränkten Luft. Aber so ist das, ich muss es einsehen: einzelne Worte können einen Zustand nicht festhalten, sie spiegeln ihn nur.
Erst als ich gerade das Teewasser aufsetze, merke ich, dass ich einen Fehler gemacht habe. Ich habe den Blickwinkel verdreht. Das Wort war, vom Wasser aus gesehen, über mir, ich habe es von unten betrachtet und deswegen mit Höhe übersetzt. Aber die Bedeutung ist eine ganz andere, eine viel passendere: die Tiefe.
Mit der Teetasse in den Händen trete ich lächelnd an das Sofa heran. Draußen schlägt die Kirchturmuhr. Ich sinke.
Wort 3 - HLUK
Sie tun es wieder. Der dritte Morgen in Folge ist das jetzt und diesmal öffne ich mit einem Ruck das Dachlukenfenster. Ich bin sicher, dass das Klopfen und Hämmern über mir ist, es dröhnt von oben durch das Gebälk hindurch, die Wände zittern, das Fensterglas bebt. Irgendwo dort droben müssen sie einen neuen Schornstein errichten, mindestens, oder eine ganze Autobahntrasse, aber das kann gar nicht sein, das geht überhaupt nicht, denn über mir ist der nebelfahle Prager Himmel und sonst nichts. Fluchend lehne ich mich noch ein bisschen weiter aus dem Fenster hinaus, ich kralle mich in die brüchigen Dachschindeln hinein, aber so sehr ich mich auch recke und strecke: es bleibt dabei, da ist nichts, nur eine frierende Taube sieht mich verwundert an.
So geht das nicht weiter. Ich kann mich nicht konzentrieren, ich werde aus meinen Gedanken heraus gehämmert, Schlag um Schlag. Meine Sätze werden erschüttert, ganze Worte brechen ab und stürzen in den Abgrund, der mit dem Lärm unter mir aufklafft.
Aber ich versuche es. Ich setze mich zurück an den Schreibtisch und starre meinen Monitor an. Ich lasse mich nicht vertreiben, ich habe schon ganz andere Baustellen überschrieben. Meinen ersten Roman habe ich durch eine komplette Balkonsanierung hindurch gerettet, Wände wurden eingerissen, Stahlträger verankert, aber ich blieb sitzen, ich grüßte die Bauarbeiter durch die Bruchstellen meiner Arbeitszimmerwand hindurch und senkte den Kopf und schrieb.
KRACH. Da ist es wieder, dieses phonetisch so treffende deutsche Wort. KRACH. Und jetzt gebe ich auf, ich schleudere einen Radiergummi gegen die Wand und dann öffne ich meinen mailaccount. A. muss in ihrem Büro sein, sie arbeitet bei einem internationalen Autohersteller, ich will sie nicht mit einem Anruf stören und schreibe ihr stattdessen eine mail. „Krach!“, schreibe ich, „hast Du dafür ein tschechisches Wort?!“
Ich bin gespannt, was sie antwortet. Natürlich könnte ich die Übersetzung online nachschlagen, ich könnte eines der verstaubten Wörterbücher aus den hochliegenden Regalen dieser Wohnung ziehen. Aber A. ist meine Brücke zu dieser Sprache. Und sie ist einer der Gründe (der wichtigste!), warum ich hier bin.
Lange muss ich nicht warten, auf A. ist Verlass, „Hluk“, schreibt zurück, „Ugs: Kravál, Bordel.“ Und: „Aperitif im Gate um 5?“
HLUK. Hluk gefällt mir, es ist ein nervendes Wort, das passt. Auf Kravál hätte ich selbst kommen können. Aber am meisten fasziniert mich: Bordel. Wo kommt das her? Machen Freudenhäuser so viel Lärm? Hat sich all das Gestöhne mit seinen Lustschreien in der tschechischen Sprache niedergeschlagen? Jetzt konsultiere ich doch die online-Wörterbücher. Babylon will das deutsche Äquivalent nicht kennen und behilft sich lieber mit „hell of a mess“. Slovnik ist da nicht so zurückhaltend: „Puff (der)“, „Sauwirtschaft (die)“, „Bordell (vulg.)“. Vielleicht, denke ich, brauche ich ein Kontext-Wörterbuch. „Scheissloch“, schlägt linguatools höflich vor, oder - in einem anderen Zusammenhang - „Unrat“. Wahrscheinlich, beschließe ich, ist „Bordel“ so etwas Ähnliches wie im Fränkischen das „Gwärch“. Das kann auch alles Mögliche heißen, im Zweifelsfall eben auch „Krawall“. Ich werde A. später im Gate dazu befragen.
Wieder erschüttert ein Schlag die Wohnung. Auf der Tischplatte vor mir zuckt mein Roman zusammen. Wir sehen uns an. Und plötzlich springt mein Roman vom Schreibtisch, er wieselt in den Flur und stupst dort mit seinen Blätterkanten meine Schuhe in meine Richtung.
Ich weiß, was er meint. Er ist es gewohnt, dass wir rausgehen. In Berlin sind wir oft in einem Café, das ich inzwischen „mein Schreibcafé“ nenne. Die Besitzer dort haben sich daran gewöhnt, dass ich stundenlang am gleichen Tisch herumsitze und mir ab und zu wehklagend die Haare raufe. Es war nicht einfach, dieses Café zu finden. Alles muss da stimmen: das Licht, der Lautstärkepegel, die Tischhöhe, die Bedienung, die Zusammensetzung der anderen Gäste. In den letzten Tagen habe ich in Prag ein solches Café gesucht. Das Slavia ist dafür nicht geeignet, es käme mir wie Ketzerei vor, dort meinen Laptop aufzustellen. Und auch das Café Louvre ist kein Arbeitscafé. Fündig wurde ich in der Palackého. Das Café dort hat einen hellen, lang gestreckten Durchgangsraum, in dem nur Leute sitzen, die sich konzentrieren. Der Manager dort ist immer missmutig, er mag keine Kunden. Aber mich hat er jetzt am Hals.
HLUK. Es reicht. Dieses Bordel hier geht mir heute echt auf die Nerven und mein Roman zappelt herum und hält mir die Netzschnur meines Laptops hin, auffordernd, wie ein junger Hund, der seine eigene Leine apportiert.
Ist gut. Ich komm ja schon.
Wort 2 - ČAS
Der Letná-Park ist fast leer. Ich laufe und laufe auf der Parkhöhe herum, tief unter mir rauscht der Verkehrsstrom stadteinwärts, die Sohlen meiner Joggingschuhe schlagen hart auf dem Asphaltboden auf. Mit jedem Windstoß stürzen Kaskaden von Herbstblättern auf mich herab, blutrot und senfgelb werfen sie sich mir aus den Baumkronen entgegen, sie schneiden durch meine Atemwolke hindurch, mein schwitzender Körper stoppt ihren Fall. Auf den Wegen und Rasenflächen ist niemand zu sehen, nur unter einem halbkahlen Baum gleitet eine Gruppe Asiaten von einer Tai-Chi-Position in die nächste. Ich biege in eine Kurve ein und bin da.
Was denn „Zeit“ auf Tschechisch heiße, habe ich A. gestern gefragt. Wir saßen im Auto, es war furchtbar früh. Vor den Raureifumrandeten Autofenstern gähnte der Morgennebel, alles war bleich, die Straßen vereist. Gemeinsam mit J. fuhren wir M. in die Schule. Wir waren spät dran, aber wir konnten nicht schneller, wir rollten langsam durch das sich verdichtende, weißliche Nichts, bis ich nach der Zeit fragte, ihrer tschechischen Bezeichnung. Und A. gab diesen Laut von sich, der klang wie ein flüchtiges Vorüberhuschen, und den ich ganz großartig und treffend fand und sofort wieder vergaß.
Im Deutschen hat mir das Wort „Zeit“ nie gefallen. Es scheint mir unpräzise, es klingt, finde ich, zu verlässlich, zu berechenbar. Und es ist nur in eine Richtung brauchbar: man kann es dehnen, aber nicht abkürzen. Irgendwie sei das doch nichts, sagte ich gestern zu A., man bräuchte mehrere Begriffe für „Zeit“: verkürzende, verlängernde - oder zumindest ein wandelbares Wort, das sich an- und umbauen lasse, so wie die Transformer in M.s Spielzeugkiste. A. seufzte und sah auf die Uhr.
Vorhin habe ich es noch einmal nachgeschlagen. Čas. Ein gutes Wort ist das. Es passt zu dem riesigen Metronom, das sich jetzt hoch über meinem Kopf durch den Herbsthimmel schwingt. Vom Sockel des ehemaligen, gesprengten Stalin-Denkmals aus reckt es sich mit seinem meterlangen Pendel über die Stadt. Vratislav Karel Novák hat es entworfen und, so wurde mir erzählt, am 15.5.1991 zum ersten Mal in Bewegung versetzt. Aus der Ferne sieht die Pendelbewegung des Metronoms gleichmäßig aus. Scheinbar unbeirrt gleiten die Stunden und Minuten auf der Letná-Ebene herum und mahnen leise flüsternd die Vergänglichkeit an: čas, čas. Aber schon aus der mittleren Entfernung sieht man das Nachzittern, mit dem sich die motorbetriebene Nadel am jeweiligen Wendepunkt abstößt. Tritt man dann noch näher heran, werden die Unebenheiten immer klarer, man hört das Rattern und Surren der Mechanik, die Zeit fließt nicht, sie ruckt.
Das Libretto für eine Albert-Einstein-Oper habe ich einmal geschrieben. Die Hauptfigur - der “Mensch” - konnte darin einfach nicht verstehen, dass nichts schneller sein soll als das Licht. „Wie kann das sein“, sang also die Sopranistin, “in meiner sich biegenden Zeit bliebe ich jünger beim Reisen? Wo sich bewegte Uhren verlangsamen, suche ich mich in den Ziffern einer zerrinnenden Welt.“ Später trifft sie auf die Zeit selbst, aber auch die wird ihr ihre Fragen nicht beantworten.
Vielleicht, denke ich, kann man Phänomene gar nicht benennen. Worte sind nur Versuche, wir nähern uns an. Und auch čas trifft es nicht, nicht wirklich.
In der Ferne ruft eine Frau nach ihrem Hund. Von der Stromzuleitung zum Metronom baumeln verknotete Schuhe im Wind, ich habe vergessen, warum. Meine Hände werden kalt. Ich muss zurück, es wird Zeit.
Wort 1 - TROJA
A. wohnt nicht mehr in Troja. Ich stehe an der Straßenecke Dlouhá/Revoluĉni, als ein Lieferwagen mit der Adressschrift für einen Handwerkerbetrieb an mir vorüberrollt. Troja, steht darauf, Praha 8, und auf einmal trifft mich die Erkenntnis: A. wohnt nicht mehr in Troja.
Gerade noch saß ich auf dem Fußboden der Prager Wohnung, die für ein paar Wochen meine ist. Ich versuchte, meinen Roman unter dem Sofa hervorzulocken. Buchstabenkrumen und Satzzeichenbrösel hielt ich ihm hin, ich gurrte und köderte, ich schmeichelte und drohte, aber da war nichts zu machen. Mein Roman blieb stumm und bockig, immer tiefer verkroch er sich in die Dunkelheit hinein und irgendwann gab ich es auf. Dass ich ein wenig in der Stadt herumlaufen würde, rief ich ihm zu, meinen Kopf auslüften, vielleicht ein Wort für meinen Blog suchen. Falls er nachkommen wolle: er wisse ja, wie er zu mir fände.
Ich kenne das. Das Wiedereinfinden ins Schreiben fällt mir manchmal unfassbar schwer. Wenn ich - aus welchen Gründen auch immer - ins Stocken gekommen bin, rutsche ich schnell auf den Schleudersitz. Ich passe kurz nicht auf und werde schon herumgerissen und aus der Handlung herauskatapultiert. Meistens komme ich dann irgendwo fernab wieder auf und kann einfach den Rückweg nicht finden.
Es gibt Dinge, die helfen. Über die Jahre habe ich begonnen, mir Strategien zu erarbeiten. Schwimmen zum Beispiel, kann wirken. Oder: Laufen. Ich gehe vor mich hin, Schritt für Schritt. Ich versuche, an nichts zu denken und ziehe ziellose Kreise und manchmal laufen sich dann die Gedanken mit frei. Dann bin ich plötzlich zurück im Inneren meiner Geschichte - ich habe irgendeine Tür geöffnet und bin, schwupp, wieder da. Nur dass ich vorher nie weiß, wo diese Türen sich befinden. Und dass sie sich, sobald ich sie einmal geöffnet habe, ganz fix in Luft auflösen, diese heimtückischen Biester.
Seit ein paar Minuten erst laufe ich also hier in der Altstadt herum. Ich versuche, meinen Kopf leer zu bekommen, an nichts zu denken, und nun kreuzt mir dieser Lieferwagen durch das Blickfeld und plötzlich denke ich an dieses eine Wort: Troja.
A. ist vor Monaten schon umgezogen, sie wohnt jetzt an der nördlichen Stadtgrenze, rechtsseitig der Moldau. Z. heißt der Ort und ich bin noch immer nicht dort gewesen. In Troja dagegen war ich so oft. Seit ich A. kenne - und wir kennen uns lang - habe ich sie immer wieder dort besucht. Würde man all diese Besuche übereinander auftürmen und nach Kalendermaßen vermessen, dann käme man auf Wochen, wenn nicht Monate, die A. und ich dort gemeinsam verlebt haben.
A.s Wohnung hatte ein Geheimnis. Man näherte sich ihr von ihrer unansehnlichen Seite. Durch die steil aufschießenden Plattenbauten hindurch lief man einen geteerten Weg abwärts, auf eine geduckte Häuserreihe zu. Man zwängte sich durch die hölzerne Doppeltür des niedrigen Eingangs und stieg ein paar Steinstufen hoch, die immer gerade feucht und frisch gewischt zu sein schienen. In der Wohnung selbst hängte man dann seine Jacken, Mäntel, Mützen an die Garderobe. Man dachte nichts Böses und dann trat man durch das Schlafzimmer auf den Balkon hinaus - und der Anblick raubte einem den Atem, jedes einzelne Mal.
Schon mit fünfzehn habe ich versucht, diese Aussicht zu fotografieren. Es ist mir nie gelungen. Die unfassbare Weite ließ sich nicht bannen. Hier lag einem Prag zu Füßen. Und nie wieder habe ich eine Stadt so lange und ausdauernd von oben betrachtet.
Eine Fototapete sei das, hat A. einmal gescherzt. Sie werde nur zu meinem Ehren ausgerollt und nach meiner Abfahrt sofort wieder verstaut. Denn dass so etwas nicht real sein könne, so etwas Makelloses, das sei uns doch wohl beiden klar. Um den Effekt aber noch zu vervollkommnen, werde sie uns manchmal Feuerwerke bestellen. Und wenn wieder einmal Kaskaden von Leuchtraketen und Goldrädern über der Stadt niedergingen, dann lächelte A. nur und ich sagte: Danke. Das wäre doch nicht nötig gewesen.
Wie oft wir dort saßen! Im Zeitraffer hätte man uns aufwachsen sehen können auf diesem Balkon. Immer wieder reiste ich an, ich flüchtete, sehnte, träumte mich dorthin - und es gab nichts beruhigenderes als dieses Wissen: es gibt A, es gibt uns. Und es gibt die Fototapete.
Und jetzt wohnt A. anderswo.
Troja, Troja, plötzlich will mir kein anderes Wort in den Kopf, ich kann nicht begreifen, dass ich die Fototapete nicht mehr sehen werde, ich stolpere durch die Gassen, will nirgendwo anders sein als dort, mit A., stattdessen irrlichtere ich hier durch die Dämmerung.
Wie oft habe ich diese Adresse auf Briefumschläge geschrieben, aus allen Winkeln der Welt! Ich habe Tränen und Gelächter auf Papier gebannt, habe Erlebnisse und Ängste zugerechtgestutzt, sie eingepackt und abgeschickt, nach: Troja, Praha 8, einen Sehnsuchtsort. Und nun?
Ich könnte A. anrufen. Aber ich will sie nicht stören, sie arbeitet ja, und so taumele ich schließlich die Smetanovo nábřeží hinunter bis ins Slavia und sinke dort auf einen der freien Stühle in der Mitte des Raums. Ich bestelle ein Pilsener und werde langsam ruhig.
Das Slavia ist unser zweiter, gemeinsamer Ort. Schon als ich A. zum allerersten Mal besuchte, damals vor so vielen Jahren, nahm sie mich dorthin mit. Ich hatte so etwas noch nie gesehen, so ein Kaffeehaus, mit einer solchen Geschichte. Seither kehren wir immer wieder dorthin zurück, bei jedem meiner Besuche. Und das Staunen und die Freude sind uns geblieben. Auch meine Ankunft vor ein paar Tagen haben wir hier gefeiert, das war unsere erste Tat. Dass ich jetzt ohne A. hier bin, fühlt sich völlig verkehrt an. Trotzdem wird mein Blick allmählich wieder klar.
Am Nachbartisch sitzen zwei grauhaarige Herren und summen sich an. Sie unterhalten sich durch die Rauchschwaden ihrer Zigarillos hindurch und lächeln einander zu. Klassische Musiker könnten sie sein, ein Dirigent und ein Komponist vielleicht, der eine von ihnen dirigiert ein vorgestelltes Orchester mit seiner rechten Hand, der andere wippt mit dem Fuß.
Lautlos gleitet der Kellner heran und stellt mein Bierglas auf die marmorne Tischfläche. Ich summe die Melodie am Nachbartisch mit und die beiden Herren sehen mich an und schmunzeln. Musiker ist der eine, erklären sie mir, der andere sein Produzent. Dass ich zu einem Konzert in ein paar Tagen kommen soll, sagen sie, unbedingt. Und ich lache und bejahe und sehe mich mit A., deren Haus in Z. ich bis dahin längst besucht haben werde. Wir werden mitsummen und vielleicht ein bisschen tanzen und alles ist gut. Denn es gibt A. und mich und das Slavia ist ja noch da.
Und auch Troja ist nicht verschwunden. Es ist nur ein anderer Ort geworden - und ein anderes Wort.
VorWORT
Es ist dunkel, als der Zug in Praha Holešovice hält. Mit einem Ruck hebe ich meinen Koffer auf den Bahnsteig, der kalte Herbstwind schlägt mir entgegen. Ich ziehe meine Mütze über die Ohren und sehe mich um. Nur drei Leute sind mit mir ausgestiegen. Im Sommer wäre der Bahnhof bevölkert mit Reisegruppen, Rucksacktouristen, Schulklassen auf Exkursionsfahrt. Aber jetzt, in der Winterzeit, ist es schon spät, der leere Boden reflektiert das gelbliche Licht. Ich heble den Griff meines Koffers in die Höhe und laufe los.
Es ist so eine Sache mit den Ortswechseln. Man weiß nicht, was sie mit dem Buch machen, an dem man gerade schreibt. Ich bin gerne unterwegs, ich mag solche Verschiebungen, habe in Burma eine Geschichte geschrieben, die in Paris spielt, in Portugal meinen Burma-Roman begonnen, ihn weitergeschrieben in Nürnberg, Dubai, auf Amrum. Eine Hongkong-Geschichte habe ich in Berlin geschrieben, eine Berlingeschichte in Hongkong. Ich will diese Distanz zu den Orten, über die ich gerade schreibe. Sie gibt mir Freiheit - die Schauplätze werden so schneller zu meinem eigenen Raum, sie gehören mir. Aber manchmal geht das schief. Man sitzt dann in einem anderen Land, in anderem Licht, anderer Luft und schreibt ganz beseelt vor sich hin. Und wenn man dann wieder zu Hause ist, zerfallen die Sätze, die Worte wackeln, ganze Absätze, Dialoge, Charaktere zerbröseln zu sinnlosen, porösen Buchstaben. In L.A. ist mir das zum Beispiel passiert. Ich saß an diesem großen, hölzernen Schreibtisch, sah, wenn ich aufblickte, über den Blumenbewucherten Abhang bis hinunter zum Pier von Santa Monica. Dort rotierte das Riesenrad vor dem glitzernden Pazifik, Helikopter kreisten über der Bucht, nachts jaulten die Kojoten und ich füllte Seiten um Seiten. Als ich dann wieder zu Hause war, musste ich mein ganzes Manuskript in den Mülleimer hächseln und komplett von vorne beginnen.
Mit meinem neuen Roman habe ich deswegen einen Pakt geschlossen. Noch in Berlin habe ich ihn an einem Abend vor mich hingesetzt. Ich habe ihm erklärt, dass wir gemeinsam nach Prag fahren werden, eine Stadt, die ich schon oft besucht hätte und sehr mag. Mein Roman sah mich nicht an, er blätterte stirnrunzelnd in seinen Seiten herum, schlug Szenen auf, die in Lissabon spielen, in Sintra, am Autódromo von Estoril. Dass ich wüsste, dass wir uns in einer kritischen Phase befänden, redete ich weiter. Er sei noch am Wachsen, habe sich gerade erst einen Rhythmus erarbeitet. Nichts läge mir ferner, fuhr ich fort, als diesen Prozess zu unterbrechen. Aber das Angebot sei verlockend, das müsse er verstehen. Vier Wochen in der tschechischen Hauptstadt, in Stare Mesto, mittendrin. Und als Austausch dafür - jetzt zögerte ich und mein Roman sah misstrauisch an mir hoch - würde ich eben einen Blog verfassen. Mein Roman war aufgesprungen bei diesem Wort, BLOG, er raschelte hektisch um mich herum. Dass er nichts zu befürchten habe, rief ich ihm zu. Ich würde ihn nicht vernachlässigen, keinesfalls. Denn ich hätte da etwas beschlossen.
Ein Wort. Ich werde in Prag ein Wort suchen. So ist das. Bei einem Empfang in der tschechischen Botschaft war mir die Idee gekommen. Ich stand mit Frau C. auf dem hölzernen Parkett herum, vor uns erklärten Würdenträger die Beschaffenheit der Karlsbader Heilquellen. Frau C. und ich tranken Becherovka aus Plastikgläsern, wir beäugten einen aufgebahrten Schweinskopf mit Petersilie im Mundwinkel und sinnierten darüber, wie schwer es manchmal sei, sich fremden Sprachen zu nähern, sie zu durchdringen. Dass es vielleicht besser sei, nur ein einziges Wort zu kennen, sagte Frau C. da. Ein präzises, lautmalerisches Wort, das das Wesen der fremden Sprache ergreifen und sie gleichermaßen kondensieren würde. Ich nickte und schlug für die deutsche Sprache „Gespenst“ vor, eines meiner Lieblingswörter. Und noch während ich mich über die phonetischen Qualitäten des Gespenster-Begriffs ausließ, dachte ich: ja! Auja.
Jetzt stehe ich im Aufgang des Gebäudes mit der Nummer 17. Die Steintreppe vor mir ist so breit wie ein ganzes Haus. Eine Engelsstiege ist das, denke ich, sie führt mich hoch, immer höher. Ein einziger Bewegungsmelder könnte die Weite dieses Treppenaufgangs allein gar nicht fassen, immer wieder trete ich durch kurze Momente aus Dunkelheit in neue Lichtkreise hinein. Als ich im vierten Stock ankomme, ist mein Kleid nass geschwitzt, meine Hände zittern beim Aufsperren der Tür.
Im Inneren der Wohnung öffne ich zuallererst meinen Koffer. Ich schlage meine Herbstpullover zur Seite und hebe meinen Roman heraus. Er sieht ein bisschen verstrubbelt aus und blickt mich vorwurfsvoll an. Ich trage ihn durch den Raum bis zur Fensterfront. Sachte lasse ich ihn von meiner Handfläche auf das Sims gleiten. Erst bleibt er ganz still. Ich stelle mich hinter ihn, wir sehen auf die Dächer der Stadt. Ein beleuchteter Kirchturm strahlt zu uns herüber, der Schemen eines Nachtvogels gleitet über die von den Dächern aufragenden Antennen. Wir atmen.
Nur ein Wort, sage ich leise. Ein einziges Wort. Ich werde es finden: in Gesprächen, auf Wänden, Straßenschildern, Reklameschriften. Es wird sich mir in den Weg stellen, mir entgegen hallen, sich mir aufdrängen, sich melden. Und wir, du und ich, wir kommen weiter, versprochen.
Mein Roman plustert sich auf. Dann schüttelt er sich kurz und dreht sich zu mir um. Er schwingt seine untere Seitenkante über das Fensterbrett, biegt sich ein wenig und gibt einen Laut von sich. Ein merkwürdiger Ton ist das, ich kann ihn nicht deuten: ein Seufzen - oder ein Lachen.
