"Steckbrief": Friederike Kenneweg

Website: http://www.tria-projects.de
Profil: Friederike Kenneweg studierte von 2000 bis 2006 Angewandte Theaterwissenschaft in Gießen, u.a. bei Heiner Goebbels. In den Jahren 2001, 2005 und 2006 wurde sie für ihre Kurzgeschichten vom Jungen Literaturforum Hessen-Thüringen ausgezeichnet. Texte von ihr erschienen in der Anthologie "Nagelprobe" und in den Literaturzeitschriften "Zeichen und Wunder" und "L. Der Literaturbote". 2007/ 2008 war sie Stadtschreiberin der Stadt Ranis in Thüringen und veröffentlichte im Rahmen dessen die Erzählung „Geschichten aus der Winterhand“. Im Jahr 2011 erschienen Geschichten von ihr im Erzählungsband "Mehrfachbelichtungen - Rumänische Erkundungen". Ein weiterer Schwerpunkt ihrer Arbeit sind Musik, Sounddesign und Hörspiel. Während des Studiums widmete sie sich in dem institutseigenen Tonstudio der Arbeit mit Klängen und gesprochener Sprache und gestaltete die Soundebene für Bühnenstücke. Diese Arbeit setzte sie weiter fort, unter anderem mit "shakespeare - enjoy the killing!" am WuK Wien (2008), mit "Who the fuck is Macarena?" am Mousonturm in Frankfurt am Main (2009) und "Post Porn Poetry" im Gorki Theater Studio in Berlin (2011). Im Jahr 2010 war sie Teilnehmerin beim operare-Workshop für zeitgenössisches Musiktheater. Im März 2011 gewann sie beim Bildpause-Wettbewerb mit dem Hörstück "Kannst du immer noch nicht Skispringen? oder: Die innere Stimme“. Seit April 2010 arbeitet Friederike Kenneweg zudem regelmäßig mit Kindern und Jugendlichen in Neukölln. Im Rahmen einer Nachmittags- und Ferienbetreuung schreibt sie mit ihnen Geschichten und Mini-Reportagen, führt ein gemeinsames Tagebuch und realisiert mit ihnen kleine Hörspiele.

Beiträge von Friederike Kenneweg:

Sunshine

Am Ende geht die Zeit doch immer so schnell – meine Freundin Annika sagt – „Als hätte man die Wochen wegradiert.“ Und hier ist er schon, der letzte Blogeintrag. Es gab da noch so viel, worüber ich hätte schreiben wollen – aber am Ende, am Ende schrumpft doch alles zu einer letzten Situation zusammen.

Wie ich in der anderen Pension sitze, in die ich auf den letzten Drücker noch umgezogen bin, unter der Bedingung, dass der vormalige Pensionswirt mich zum Bahnhof fährt.

Wie ich unter dem grauen Novemberhimmel vor der Pension stehe und auf ihn warte. Auf dem Weg in dem kleinen Vorgarten stehen der schwere Koffer mit den Büchern, der Wanderrucksack, meine kleine Tasche. Ich gehe in dem Garten auf und ab, nervös.
Den ganzen Beitrag lesen »

geschrieben am 1. Dezember 2011 in Autoren-Blogs

Babelfisch

In „Per Anhalter durch die Galaxis“ von Douglas Adams gibt es ihn, den Babelfisch. Du setzt dir ein Fischlein ins Ohr und es übersetzt dir alle Sprachen des Universums. Dass man einen solchen Erfinden sollte, dieser Gedanke war mir öfter schon dieser Tage als Stoßseufzer entschlüpft.

Den ganzen Beitrag lesen »

geschrieben am 27. November 2011 in Autoren-Blogs

Was darüber und darunter liegt

Wie sich Orte in einer Stadt verändern, wie sich Geschichten übereinander schichten, das sieht man sehr gut an der Prager Burg, die mit diesen Geschichts-Schichten aus den verschiedenen Baustilen, die ist ja ein einziger Geschichts-Flickenteppich, die Burg. Oder auch Josefov und wie dort die Judenstadt „assaniert“ wurde, wie es bei Kafka und bei Meyrink heißt. Wie da ein Ort ist und noch ein anderer Ort darunter, vorher die Judenstadt, heute die langen Prachtstraßen mit den Boutiquen drin.
Den ganzen Beitrag lesen »

geschrieben am 24. November 2011 in Autoren-Blogs

Gespräche beim Frühstück

In der Pension sitzt man immer mit anderen am Frühstückstisch. Insbesondere die Leute, die alleine da sind, werden gemeinsam an einen Tisch gesetzt. Nicht zwangsläufig führt das dazu, dass man sich auch unterhält.
Der österreichische Filmemacher, der einzige, mit dem ich keine Sprachprobleme zu überwinden hätte und der, wie ich, länger in der Pension wohnt und nicht nur ein paar Tage – mit dem rede ich überhaupt nicht. Zum Frühstück trinkt er nur seinen Kaffee, schwarz, mit Zucker, geht vor die Tür und raucht seine zwei oder drei Guten-Morgen-Zigaretten. Als er mir einmal doch länger gegenüber saß, hustete er nur unentwegt und beschäftigte sich ausführlich mit seinem Smartphone. Wir haben uns beide hinter unserem Englisch versteckt und sind nicht mit dem Deutsch herausgerückt. Mit dem Pensionswirt sprechen wir beide immer englisch, und zu mir sagt er, wenn er mich im Gang trifft - eine sehr gute Tarnung und die kleinstmögliche Kraftanstrengung – immer nur „Hi“.

Dass er Österreicher ist und ich also mit ihm deutsch sprechen könnte, weiß ich überhaupt erst dadurch, dass eine Französin eines Morgens mit am Tisch saß. Die Dame mit rotgefärbtem kurzen Haar und einer breitrandigen schwarzen Dolce- und Gabbana-Brille, beschäftigte sich ebenfalls mit ihrem Smartphone. Offensichtlich bereits alterssichtig, sah sie über den Rand ihrer Brille auf das Display. Sie hatte Probleme damit ins Internet zu kommen. Das Smartphone war auf Französisch eingestellt, so dass auch der Pensionswirt und ich ihr nicht so recht helfen konnten. „Appuyer sur le Button WPR sur“ — wir verstanden es nicht.
Ein Telefon sollte zum Telefonieren gut sein, sagte der Wirt, und es tauge doch nichts, wenn es nicht telefonieren könnte, so wie ihrs. Aber immerhin, sagte er und wies auf das schöne Herbstbild, das auf dem Handy zu sehen war, könne man mit ihrem ja schöne Bilder mit sich rumtragen. Das veranlasste die Französin, unempfänglich für die Ironie des Wirts, uns tatsächlich Bilder zu zeigen, von ihrer kleinen Hütte in den Bergen und der Wiese davor.
In diesem Moment kam der Filmemacher durch den Frühstücksraum, und der Wirt rief ihn dazu – „Hannes“, sagte er, „maybe you can help us, that is, help her.“ Hannes hätte einen österreichischen Mobilfunkvertrag gehabt und wäre anfänglich hier auch nicht ins Netz gekommen, sagte Hannes. Aha, Österreicher also, dachte ich.
Unterdessen hätte er aber aus Kostengründen sowieso eine tschechische Karte. Nein, er könne nicht helfen, sagte er, und schon war er wieder aus der Tür.

Wie sich herausstellte, war die Französin eine Galeristin aus Lyon, die mit den Bildern abstrakter tschechischer Maler handelte. Mit dem Pensionswirt, der ebenfalls malt, war sie schnell in eine Diskussion über die Situation der tschechischen Kunst verstrickt. Es gäbe nichts Neues mehr, die jungen Leute machten Dinge und hielten sie für sehr neu, und dabei sei das doch nur ein Abklatsch dessen, was es schon in den Sechzigern gegeben hatte. Das sei zwar ein Problem auf der ganzen Welt, sagte der Wirt, aber doch besonders in Tschechien, wo man in allem immer fünfzig Jahre hinterher sei, besonders aber in der Kunst. Im Hintergrund klang leise das Oldiesradio.

Was das denn sei, in diesem süßen Brot, fragte die Französin, die Füllung. In Österreich würde man es wohl Topfen nennen, in Deutschland Quark, dachte ich. Aber was war das nur auf Französisch?
Der Wirt sagte: „That is Rucola!“ Ich musste lachen. Nein, Rucola war das gewiss nicht, er meinte wohl etwas anderes. Aber was doch gleich. Nicht Rucola. Nicht Mozzarella. Nicht Marsala. Das, was in Tiramisu drin ist. Mascarpone! „Something like Mascarpone, yes!“, sagte der Wirt. Und ich wunderte mich über meine Assoziationskette voller italienischer Essensumwege.
„It is cold outside“, sagte die Galeristin. “And I did not bring my gloves!”
In Lyon seien es um die 20 Grad gewesen, als sie von dort losgefahren sei. Sie habe zwar im Internet nach dem Wetterbericht geschaut, aber als sie gesehen habe, dass es dort nur 3 Grad seien, habe sie sich gesagt: „Das kann nicht sein!“ und ihre Handschuhe trotzdem nicht eingepackt. Wie es denn in Berlin sei, fragte sie mich, und dass dort das Wetter doch auch ganz anders als in Prag sein müsse. Ich verneinte verwundert – nein, es sei ganz ähnlich. Ihre Tochter sei im August in Berlin gewesen, und da seien es um die 30 Grad gewesen, unerträgliche Hitze. Ich erklärte der Französin, dass es im Sommer durchaus mal sehr heiß sein könne in Berlin, aber im Winter auch ziemlich kalt. Als sie daraufhin irgendwas von der Zeitverschiebung zwischen Berlin und Prag sagte, war ich vollends verwirrt und fragte mich, welch ein seltsames Land Berlin in ihrer Vorstellung sein muss und wo es liegt, wenn es dort immer warm ist und es so weit von Tschechien entfernt ist, dass man bei einer Reise wie meiner eine enorme Zeitverschiebung in Kauf nehmen muss. Aber vielleicht hatte ich sie auch mal wieder nur falsch verstanden.

geschrieben am 20. November 2011 in Autoren-Blogs

Die kaputte Dusche

Mit außerordentlich guter Laune war ich erwacht, und dass heute die Brötchen sehr trocken waren und es zum wiederholten Male nur Erdbeermarmelade gab, sollte mir das nicht verderben. Auch nicht, dass die polnische Reisegruppe gleich am Morgen Liedchen gesungen hatte, Dzien Dobry, dzien dobry, viel zu laut und rücksichtslos für meinen Geschmack. Als ich dann aber unter der Dusche stand und diese blieb und blieb kalt – das war eine harte Probe. Ich fluchte auf die polnische Reisegruppe und verdächtigte sie, das ganze warme Wasser verbraucht zu haben. Ein Glück, dass die heute endlich abreisen würden.

Am nächsten Morgen stand ich wieder da und die Dusche blieb kalt, und da schwante mir, dass ich die Polen ganz zu unrecht verdächtigt hatte und dass nämlich einfach die Dusche kaputt war.
„Ich habe ein kleines Problem“, sagte ich zum Pensionswirt, und er schloss mir fürs Erste ein anderes Bad auf und versprach mir, sich darum zu kümmern. Ein Mann würde kommen, der sich mit Boilern auskannte.
Wie dumm von mir, überhaupt, die Polen zu verdächtigen, hatte ich doch schon beim Beziehen des Zimmers gemerkt, dass ich einen ganz eigenen Boiler für die Warmwasserversorgung in meinem Bad hatte, der riesenhaft, rund und dick über dem kleinen Raum thronte. Aber wenn man erst mal will, dass jemand schuld ist, übersieht man ja gerne alle entlastenden Indizien. Es war mir unangenehm zu bemerken, dass auch ich davor nicht gefeit war.

Am nächsten Tag saß ich mit meinem Laptop am Tischchen im Eingangsbereich, an dem nämlich auch das Internet funktioniert, als es klingelte. Vor der Tür stand ein kleiner Mann mit Schnauzbart, der einen großen Werkzeugkoffer mit sich trug.
„Here you meet your master!“ sagte der Pensionswirt, der hereingeschossen kam, um die Tür zu öffnen.
„My master?“ Den hatte ich mir, ehrlich gesagt, anders vorgestellt. Auf jeden Fall schon mal größer.
“You know, the shower!“ Ja, im Boiler reparieren würde mir der kleine Mann zweifellos haushoch überlegen sein.

Eine Stunde lang belegte der kleine Mann mein Badezimmer. Ich war unterdessen mit meinem Laptop in die Gemeinschaftsküche umgezogen. Dort kam der Pensionswirt zwischendurch vorbei, um mich auf dem Laufenden zu halten.
„Look, thats what it was!“, sagte er und hielt mir ein kleines Teil unter die Nase, ein Stück Metall in Form und Größe einer Streichholzschachtel, aus dem wie Fühler oder Beine Drähte heraushingen. „Kaputt!“ sagte er und ließ mit einem Knall den metallenen Mülleimer darüber zuschnappen. D
as Teil erinnerte mich an die Maschinenmonster aus Matrix, und es hätte mich nicht gewundert, wenn ein keckerndes Geräusch aus dem Mülleimer gekommen wäre, wenn die Drähte sich über den Eimerrand gebogen hätten, wenn das Tierchen-Teilchen kakerlakenartig unter der Küchenablage verschwunden wäre. Aber zum Glück war es kaputt.

Eine weitere halbe Stunde später war die Dusche repariert und ich konnte mich wieder ungestört in mein Zimmer zurückziehen. „So everything is ok“, sagte der Pensionswirt, und so sah es auch aus, auf den ersten Blick. Nur auf dem Badezimmerboden lag noch eine einzelne Schraube.
Über mir der dicke, runde Boiler, von dem ich jetzt wusste, dass er voll war von kleinen, keckernden Kakerlakenmaschinen, die von dem kleinen Mann mit der großen Tasche befehligt wurden und die ihre Drahtfühler umeinander schlangen, um mein heißes Wasser zu erzeugen. Ich hoffte sehr, dass die Schraube nicht unbedingt notwendig war, um diese Boilerbombe zu verschließen und den Kakerlakenstaat daran zu hindern, sich in das Badezimmer zu ergießen, sich durch die Tür zu fressen, meine Bücher, meine Kleider, den Schrank und das Bett zu erobern und schließlich mich mit Metalleibern zu umspülen, mich mit feinen Drähten zu betasten und mich fortzutragen, ohne dass ich mich wehren könnte, eingesponnen in einen Kokon aus Kupfer.

geschrieben am 20. November 2011 in Autoren-Blogs

Ein Zauberwort

Innerhalb des deutschsprachigen Theaterfestivals wurde ein Puppentheaterstück gezeigt, „Ali Baba und die vierzig Räuber“, von einem Theater aus Liberec. Es wurde auf Tschechisch gespielt. Weil es für Kinder war, gab es keine Übertitel, sondern eine Erzählerin fasste zwischen den Szenen kurz die Handlung zusammen.
Was mir davon im Ohr geblieben ist? - “Sezame, otevři se!”
Wenn das der Schlüssel zur tschechischen Sprache wäre! Schwer genug, das auszusprechen, aber wenn es gelänge, läge sie vor mir wie eine Höhle voll Gold. Stattdessen gehe ich durch die Stadt und versuche mich in den Bäckerläden darin, die Namen der Backwaren richtig vorzulesen. Doch so wie Ali Babas Bruder Kasim in seiner Verzweiflung „Hirse, öffne dich!“ und „Reis, öffne dich!“ sagt, so kommen auch mir die Worte nicht richtig über die Lippen. So sehr ich auch die Ohren spitze, so sehr ich die Augen aufreiße, die Gespräche an den Nachbartischen, die Nachrichten im Radio, die Zeitungen und Buchseiten bleiben mir verschlossen; da hilft kein „Sesam, öffne dich“.

geschrieben am 20. November 2011 in Autoren-Blogs

Teufelskreis

An einem Morgen in der Pension lief nicht wie sonst das Oldiesradio, sondern stattdessen eine CD. Es dauerte eine Weile, bis ich begriff, dass der CD-Player in dem Lied hin und her sprang, allerdings eher sanft, mit einer fast unauffälligen unentwegten Wiederholung der einzelnen Teile. So sang der Sänger andauernd davon, dass er einen Fehler gemacht hatte, und klagte wieder und wieder: „When will I ever learn?“

Ich war seltsam fasziniert davon und doch sehr erleichtert, als endlich der Player auf einen anderen Song sprang: Gott sei Dank, Veränderung ist möglich.

geschrieben am 18. November 2011 in Autoren-Blogs

Auf das neue Buch!

Einmal war ich hier bei einer Buchtaufe.
Ja, in Tschechien werden die Bücher getauft, wenn sie frisch herausgekommen sind. Sie werden nicht nur präsentiert, es wird nicht nur aus ihnen vorgelesen – nein, sie kriegen fast wie bei einer Schiffstaufe einen kleinen Schluck Sekt über den Schutzumschlag gegossen, und ich habe mir sagen lassen, dass es eine kleine Kunst ist, diese Taufe so zu vollziehen, dass das Buch selbst keinen Schaden nimmt. Den Namen hat es natürlich schon vorher. Das Schöne an einer Buchtaufe ist, dass man dabei viel deutlicher sieht, alle sind zu dieser Gelegenheit zusammen gekommen, um dem neuen Buch auf seinem Weg in die Welt viel Glück zu wünschen.

geschrieben am 18. November 2011 in Autoren-Blogs

Krieg und Frieden

Der erste Theaterabend, den ich hier besucht habe, beim deutschsprachigen Theaterfestival in Prag, das war „Krieg und Frieden“ vom Burgtheater.
Man fuhr hinaus zu den Barrandov-Studios, dem großen Filmgelände. Dort dauerte es einen Moment, bis ich begriff, dass die Straße „M.Formana“ nach Miloš Forman benannt war. Über einen roten Teppich betrat man eine große Halle, die aus mächtigen Holzbalken zusammengefügt war, in den 40er Jahren gebaut, so sagte man mir, weil Joseph Goebbels sich ausgedacht hatte, in Prag neben Babelsberg noch einen weiteren großen Filmstandort zu etablieren.
Eine breite Tribüne bildete den Zuschauerraum. Auf der Bühnenfläche war eine sehr lange Tafel aufgebaut, aus vielen kleinen Tischen zusammen gesetzt, daran sehr viele Stühle. Ein Modell des Casino-Raumes, in dem das Burgtheater diese Produktion sonst zeigt, und das abgefilmt wurde mit mobilen Kameras, ein Flügel, ein DJ-Pult mit Mischpult und allerhand Soundgerätschaften. Neben der Bühnenfläche Leinwände, darauf wurden vor dem Beginn die Sponsoren projiziert, Siemens. T-Mobile, RWE, verschiedene Ländervertretungen und Medienpartner.

Tolstois Roman wurde erzählt und verkörpert zugleich. Etwa 12 Schauspieler übernahmen all die verschiedenen Figuren, und je nachdem, was sie erzählten, verwandelte sich die lange Tafel in einen Salon, in einen Gutshof, in ein Theater, in eine Schneelandschaft. Spielte der Pianist auf dem Flügel, fielen die auf den Saiten aufgestellten Spielzeugsoldaten um. Im Nebel und durch die große Seitentür trat Bonaparte auf – klein und dick, ein großer Auftritt, Udo Samel. Auf der Leinwand wurde angezeigt, auf welcher Seite des 1000-Seiten-Wälzers man sich gerade befand. All die Liebes- und Lebenskonflikte entrollten sich, Heiratsanträge, Küsse, Saufgelage, dazu immer der Krieg; der Krieg, der Frieden und der Tod, und während irgendwo auf dem Schlachtfeld die Soldaten starben, beschäftigte sich Natascha mit der dringenden Frage, welches Kleid sie auf dem Ball tragen sollte.

Nach dem langen Theaterabend kam ich in den Gemeinschaftsraum der Pension. Dort saß einer der beiden serbischen Männer, die seit ein paar Tagen im Zimmer neben meinem wohnten. Wir waren gleich bei ihrer Ankunft ins Gespräch gekommen, weil ich ihnen mit dem recht widerspenstigen Internetzugang geholfen hatte. Zudem hatten sie mich gefragt, warum sich die Leute hier in den Geschäften sträubten, Euros anzunehmen. Darauf konnte ich ihnen keine Antwort geben, was sie verwunderte, weil sie mich für eine Tschechin hielten, und die hätte das doch wissen müssen. Ich begriff auch erst nach und nach, dass wiederum sie gar keine Tschechen, sondern Serben waren.

Jetzt also saß dieser serbische Mann am Küchentisch, war erkältet und sehnte sich, wie er sagte, nach Zuhause. Er war nicht im Urlaub in Prag, sondern zum Arbeiten. Seit mehreren Tagen hatten sein Kollege und er immer 14 Stunden am Stück malocht, irgendwas mit Tapeten und Anstreichen, für eine Frau aus Serbien, die hier einen gut gehenden Laden hatte. Kein Wunder also, dass er erschöpft war. Aber er war selbst verwundert davon, dass er nach den paar Tagen so sehr seine eigene Sprache vermisste, und richtige Tomaten, zum Beispiel. Dass die Tomaten hier gar nicht nach Tomaten schmecken, sondern nach Styropor. Da könne er wohl froh sein, dass Serbien nicht in der EU ist, sagte ich.

Er erzählte von Belgrad und dass die Leute im sonstigen Europa eine völlig falsche Vorstellung davon hätten, wie es dort sei. Das sei eine ganz normale Stadt, so wie hier, sagte er. Bis zu den Nato-Bombardements 1999 sei dort keine Spur von Krieg gewesen. Und überhaupt, wer da eigentlich wem etwas vormacht. Es habe in Serbien eine gut gehende Zigarettenfabrik gegeben, die sozusagen ganz Südeuropa mit Zigaretten versorgt habe. Und bei den Bombardements sei gerade diese Fabrik zerstört worden, obwohl dort keine militärischen Ziele in der Nähe gewesen wären. Ein paar Jahre später wurde die Fabrik wieder aufgebaut, von Philip Morris. Geht es da wirklich um Menschenrechte, fragte er mich, und darum, wer gut und wer böse ist?

Da saßen wir also zusammen in diesem Gemeinschaftsraum, aber plötzlich war er nicht mehr nur er, sondern Serbien, und ich nicht mehr nur ich, plötzlich war ich Deutschland und Europa und der ganze Westen. Was sollte ich da bloß für eine Antwort geben? Ich sah ihn nur hilflos an.

Dass er bis 1991 jeden Sommer mit zwei anderen Jungs verbracht hatte, erzählte er, der eine aus Deutschland, der andere aus Frankreich, aber ihre jeweiligen Großeltern kamen aus demselben serbischen Dorf, und so trafen sie sich dort in den Ferien, jedes Jahr, bis sie so 15 oder 16 waren. Und dann kam der Krieg, und die anderen kamen nicht mehr, und so hätten sie sich aus den Augen verloren. Er habe inzwischen auch im Internet nach ihren Namen gesucht, und bei facebook – aber er habe sie nicht finden können.

Ich stelle mir diese europäische Freundschaft vor, Deutschland, Frankreich, Serbien, und wie die drei jeden Sommer aus den verschiedenen Himmelsrichtungen in dieses Dorf kamen, vor meinem inneren Auge eine Wiese und ein paar Apfelbäume, dort sehe ich sie sitzen. Und dann, wie er in dem einen Sommer alleine auf der Wiese saß und alleine blieb. In mein Bild versunken sage ich, das sei aber sehr schlimm, was der Krieg da zerstört habe. Der Serbe entgegnet harsch, der Krieg habe noch ganz andere Dinge zerstört. Ich komme mir töricht vor, so wie Natascha mit ihrem Ballkleid. Krieg. Und ich trauere drei Teenagern unter Apfelbäumen nach.

Obwohl es ja genau solche Dinge sind, die unter anderem Tolstois 1000 Seiten füllen, der Kontrast zwischen Groß und Klein, zwischen Privat und Global, die Einzelnen mit ihrem kleinen Leben, mit ihren Sehnsüchten und Leidenschaften, in die Geschichte geworfen, zwischen die Fronten geraten, unter die Räder gekommen. Und es sind ja immer die ganz kleinen Dinge, um die man trauert, eine unfassbare Masse an kleinen Dingen, so dass für jedes einzelne gar nicht mehr genug Aufmerksamkeit da ist.

So sehe ich uns hier sitzen, den serbischen Mann und mich, den Weg, den wir hierher nach Prag gekommen sind, und die Zusammenhänge, in denen wir stehen, unsere Hintergründe und die Abgründe, die sich dazwischen auftun. Darüber hinweg wünsche ich ihm eine gute Nacht und eine gute Reise zurück und viel Erfolg noch am letzten Arbeitstag.

geschrieben am 18. November 2011 in Autoren-Blogs

Auf und ab

In der Nacht lief ich über die Čechův-Brücke und wurde des Metronoms ansichtig, dass da vor sich hin pendelt und laut Reiseführer das Auf und Ab der Geschichte symbolisiert. Mir fiel Brechts „Lied von der Moldau“ ein, und es schien extra für diesen Anblick geschrieben zu sein:

Am Grunde der Moldau wandern die Steine
Es liegen drei Kaiser begraben in Prag
Das Große bleibt groß nicht und klein nicht das Kleine
Es wechseln die Zeiten, da hilft kein Gewalt…

Das sang ich so vor mich hin, während ich die dunkle Straße am Moldauufer entlangging, in der nebligen Novemberkälte und leicht fröstelnd in meinem roten Mantel, und dabei sah ich meinem Atem nach. Mir fiel außerdem die „Ballade vom Wasserrad“ ein, in der es auch um das Auf und Ab der Herrschenden geht. Da fehlte mir aber der Text, nur dieser Vers war noch da:

Ach, der Stiefel blieb der Stiefel immer
Und uns trat er, ihr versteht, ich meine,
dass wir keine andern Herren brauchen, sondern keine!

In der dunklen Straße sang ich das, hoch und laut, bis ich sah, dass vor einem der öffentlichen Gebäude in der Straße zwei dunkle Gestalten Wache hielten. Schwarz gekleidet und aufgrund der Kälte bis über die Nase vermummt, standen da zwei Polizisten. Ich weiß nicht, ob sie mich gehört hatten, jedenfalls blinkten mich der eine mit hellen Augen über dem hochgezogenen Kragen an, und durch die Wolle klang seine Stimme: Dobrý večer, Pani! – Guten Abend, die Dame! Zwar fiel mir die entsprechende Entgegnung auf Tschechisch wieder erst zu spät ein, doch trotz meiner vorangegangenen abfälligen Gedanken über Herrschaften in Stiefeln grüßte ich die Polizisten gern und höflich zurück, mit einer leichten Verbeugung und freundlichem Blick.

geschrieben am 14. November 2011 in Autoren-Blogs
TOPlist