"Steckbrief": Friederike Kenneweg

Website: http://www.tria-projects.de
Profil: Friederike Kenneweg studierte von 2000 bis 2006 Angewandte Theaterwissenschaft in Gießen, u.a. bei Heiner Goebbels. In den Jahren 2001, 2005 und 2006 wurde sie für ihre Kurzgeschichten vom Jungen Literaturforum Hessen-Thüringen ausgezeichnet. Texte von ihr erschienen in der Anthologie "Nagelprobe" und in den Literaturzeitschriften "Zeichen und Wunder" und "L. Der Literaturbote". 2007/ 2008 war sie Stadtschreiberin der Stadt Ranis in Thüringen und veröffentlichte im Rahmen dessen die Erzählung „Geschichten aus der Winterhand“. Im Jahr 2011 erschienen Geschichten von ihr im Erzählungsband "Mehrfachbelichtungen - Rumänische Erkundungen". Ein weiterer Schwerpunkt ihrer Arbeit sind Musik, Sounddesign und Hörspiel. Während des Studiums widmete sie sich in dem institutseigenen Tonstudio der Arbeit mit Klängen und gesprochener Sprache und gestaltete die Soundebene für Bühnenstücke. Diese Arbeit setzte sie weiter fort, unter anderem mit "shakespeare - enjoy the killing!" am WuK Wien (2008), mit "Who the fuck is Macarena?" am Mousonturm in Frankfurt am Main (2009) und "Post Porn Poetry" im Gorki Theater Studio in Berlin (2011). Im Jahr 2010 war sie Teilnehmerin beim operare-Workshop für zeitgenössisches Musiktheater. Im März 2011 gewann sie beim Bildpause-Wettbewerb mit dem Hörstück "Kannst du immer noch nicht Skispringen? oder: Die innere Stimme“. Seit April 2010 arbeitet Friederike Kenneweg zudem regelmäßig mit Kindern und Jugendlichen in Neukölln. Im Rahmen einer Nachmittags- und Ferienbetreuung schreibt sie mit ihnen Geschichten und Mini-Reportagen, führt ein gemeinsames Tagebuch und realisiert mit ihnen kleine Hörspiele.

Beiträge von Friederike Kenneweg:

Bloggen, hier und heute

Zeichnung vom Durcheinander in meinem Zimmer, 10.11.11

Zeichnung vom Durcheinander in meinem Zimmer, 10.11.11

Zweimal wurde mir in diesen Tagen meine Privatheit gestört. Einmal, als ich gerade in meinem Bett saß und ein Buch vor der Nase hatte, es war Nachmittag, und eine polnische Reisegruppe war gerade angekommen. Meine Zimmertür war nicht abgeschlossen, also war es meine eigene Schuld, und trotzdem nahm ich es dem Eindringling übel – ein kleiner Mann steckte seinen glatzigen Kopf durch meine Zimmertür, murmelte „Sorry“ und schloss die Tür gleich wieder hinter sich, und trotzdem hatte er mich in einem Moment erwischt, einem ganz einfachen, an dem zwar nichts war, was sich zu verstecken lohnt, der aber trotzdem nicht für fremde Augen bestimmt war. Und auch wenn an sich ja nichts dagegen spricht, neugierig zu sein und sich in einer neuen Umgebung umzuschauen, hatte seine Art etwas von „seine Nase in fremder Leute Angelegenheiten stecken“, und das „sorry“ nahm ich ihm nicht richtig ab.

Später begegnete ich ihm im Eingangsbereich der Pension, wo er sich nochmals dafür entschuldigte, einfach in mein Zimmer gelaufen zu sein, wobei ich sagte, ich habe ja nicht abgeschlossen, und so sei das ja zum gleichen Teil meine Schuld. Und obwohl er ja nichts gesehen hatte außer eine Frau, die in einem Bett saß und ein Buch las, ließ sich das Gefühl einer Übertretung nicht auslöschen.

Am nächsten Morgen tappte ich wie immer an den Frühstückstisch zu meiner ersten Tasse Kaffee, da überraschte mich der Herbergswirt mit der Ankündigung, die Dame, die immer das Geschirr wegräume, würde mein Zimmer jetzt saubermachen, während ich am Frühstückstisch säße, und mein Bett neu beziehen, und alles wäre „as good as new“, wenn ich von meinem Kaffee zurückkehrte. Auch hier fühlte ich mich etwas überrumpelt, lief der Dame hinterher, schob notdürftig die Dinge, die sich dort gesammelt hatten, Bücher, Zettel, Kabel, Kleider, meine Festplatte, auf die andere Seite des Doppelbettes, stellte die Schuhe noch paarweise zusammen – ein rettungsloses Unterfangen, und den Blick hatte sie ja ohnehin darauf geworfen, was ließ sich da noch schönen. Und warum überhaupt, Zimmermädchen sehen viel, mein Durcheinander wäre nicht mal eins von den Highlights, die zur Anekdote taugen. Ich entschuldigte mich dennoch mit ein paar hilflosen Gesten und dem lächelnd hervorgebrachten Wort „Writers!“ – als ob alle Schriftsteller so unordentlich wären wie ich, was mir selbst schon beim Aussprechen lächerlich vorkam, und zog mich an den Frühstückstisch zurück.

In beiden Fällen hatten Menschen unangekündigt einen Blick auf meine Privatheit geworfen, ohne dass ich diesen hätte selber kontrollieren können; ohne dass ich den Blick freigegeben hätte.

Bloggen, wie ich es dieser Tage betreibe, ist das kontrollierte Gewähren von Einblicken, und der Klick auf den „Publizieren“-Button ist die Freigabe, die Einladung - bitte sehr, das ist es, was ich gesehen habe, das ist es, was ich dazu denke. Im Grunde ist das ein sehr viel direkterer Blick auf mich, auf meine Arbeit und in meinen Kopf hinein, als ein unangekündigter Besuch im Zimmer ihn für gewöhnlich eröffnen kann. Und durch das Fehlen der Bearbeitungsschritte, die Texte sonst vor einer Veröffentlichung noch durchlaufen, liegt umso weniger zwischen dem Schreiben und dem Öffnen, weder zeitlich noch gedanklich. Viel näher kann man dem JETZT in einem geschriebenen Text für eine Öffentlichkeit wohl nicht kommen.

Die Liste der Geschichten, die ich hier bearbeiten will, umfasst einige, bei denen die Ideen vor einigen Jahren entstanden sind und die ich „nur“ noch nicht geschrieben habe.

Beim Bloggen habe ich das Gefühl, meine Beobachtungen von vor einer Woche sind schon alt und es fast nicht mehr wert, aufgeschrieben zu werden.

geschrieben am 14. November 2011 in Autoren-Blogs

Envelope! oder Zur Post

Dann also die Nachricht, ich solle, um zu Hause in Berlin Geld auf mein Konto zu kriegen, noch eine Rechnung stellen. Und, nein, per Mail reiche nicht, die Rechnung müsse in gedruckter Form mit Unterschrift vorliegen.
Um also zu Hause nicht noch weiter in die roten Zahlen zu rutschen, befrage ich das Internet, wo es wohl Möglichkeiten zum Ausdrucken gäbe in Prag. Ich schreibe verschiedene Adressen auf, unter anderem einen Papierladen auf der Ujezd.

Mit meinem USB-Stick in der Tasche trete ich dort ein. Es ist ein kleines Geschäft mit bunten Geburtstagskarten, mit Füllern, Mappen, Radiergummis und so weiter. Kein Kopiergerät, kein Drucker, nicht mal, so weit zu sehen ist, ein Computer. Das mit dem Ausdrucken wird hier also augenscheinlich nichts. Zum ersten Mal fasse ich mir ein Herz und versuche es so halbwegs auf Tschechisch. „Mluvi anglicky?“ Ein Kopfschütteln ist die Antwort. „Nemecky?“ Noch mal Kopfschütteln. Mit Franzouzsky versuche ich es gar nicht erst, stattdessen überlege ich, wie sich „Briefumschlag“ pantomimisch darstellen lässt. Ich nehme eine Geburtstagskarte, mache eine Bewegung drumherum, als wollte ich sie verschwinden lassen und sage „Envelope!“ Und tatsächlich, die Dame versteht mich, geht an eine Schublade und zieht ihn hervor, meinen Briefumschlag. Eine Krone möchte sie dafür haben, sehr schön, das hat doch schon mal geklappt.

Der Copyshop in der Innenstadt, den ich mir zum Glück auch noch aufgeschrieben habe, ist tatsächlich ein solcher, mit großen grauen Maschinen drin und einem kleinen jungen Mann mit längerem Haar, der auf meine Frage, ob er englisch kann, die ich diesmal auf Englisch stelle, eher mürrisch antwortet: „A little“. Mein Stick wird vom Rechner erkannt, ich schaue begeistert auf den Bildschirm, zeige auf das Dokument und würde dem Mann am liebsten erzählen, wie großartig das für mich ist, dass ich hier diese Rechnung ausdrucken kann und wie sehr er mich damit rettet. Meine aufkeimende Mitteilsamkeit ist hier aber offensichtlich nicht gefragt. 5 Kronen für den Ausdruck, er nimmt das Geld entgegen und wendet sich so schnell wie möglich den nächsten Kunden zu. Da macht es auch nichts, dass mir „Auf Wiedersehen“ auf Tschechisch schon wieder nicht einfallen will.

Und jetzt: zur Post. Die Hauptpost habe ich schon an einem anderen Tag gefunden, in einer Seitenstraße vom Wenzelsplatz. In einer sehr großen alten Halle sind all die neuen Schalter aufgebaut, und mehrere Anzeigentafeln verkünden dunkelrot auf schwarz blinkend, welche Nummer welchem Schalter zugewiesen wird. Woher man aber die Nummer bekommt, ist zunächst ein Rätsel. Ich beobachte ein Weilchen die Leute, schaue mich um – alle haben schon Nummern, wenn sie reinkommen. Es dauert trotzdem noch, bis ich kapiere, dass es die Nummern im Eingangsbereich gibt. Auf kleinen graugelben Säulen sind Zahlen und Felder, daneben sehr lange Sätze auf Tschechisch. Nach einigem Umherschauen entdecke ich endlich die englischsprachige Fassung. Will man Briefe oder Postkarten verschicken, drücke man die 1. So langsam komme ich mir vor wie in einem dreidimensionalen Intelligenztest.

Mit meiner Nummer gehe ich zurück in die Halle, nehme auf einer der Wartebänke Platz, starre auf die Anzeige. Das Wechseln der Nummern, das Blinken, das Herunterrücken der Zahlen auf der Liste hat einen ganz eigenen Rhythmus, zumal die Richtung des entsprechenden Schalters auch immer mit einem Pfeil nach rechts oder nach links dazu angegeben wird. Rechts, links, Dreihunderternummern, Zwanzigernummern, links, links, rechts, Zwanzig, Drei — die Zahlen wechseln weitaus schneller als im Berliner Bürgeramt, wo ich vor meiner Abreise noch ein paar Stunden zugebracht habe. Dort war so viel Zeit dazwischen, dass sich etwas wie ein Gefühl für Rhythmus gar nicht einstellen wollte. Hier sind das fast schon musikalische Muster, Triolen, Achtel, dann wieder halbe Noten – und da ist sie schon, meine Zahl. 20 Kronen dann noch für den Brief nach Deutschland.

Wieviele Schritte, wieviele Bewegungen, wie viele Begegnungen dafür nötig sind, einen Brief zu verschicken, denke ich, als ich auf die Straße trete. Und welch ein Unterschied zu dem kleinen Klick einer Email.

geschrieben am 11. November 2011 in Autoren-Blogs

Plinsen

In einem Restaurant habe ich Plinsen bestellt.

Plinsen, das klingt, als seien es kleine Teigteilchen, viele davon an der Zahl, und rund, vielleicht auch etwas aufgegangen, etwas gebläht. Sie könnten auch noch eine spezielle zusätzliche Form haben, außer dass sie rund sind, vielleicht noch ein aufgesetztes Stück Teig in der Mitte, das sie zu etwas unverwechselbarem macht. Sie schwämmen in einer hellen Soße, so dachte ich, und der Teig wäre glatt und etwas glitschig, ähnlich wie bei Nudeln. Und vielleicht wären sie gefüllt, mit einer Art säuerlicher dunkler Marmelade, Brombeer, wahrscheinlich.

Dann kamen die Plinsen, und sie waren zwar rund, aber viel zu groß. Zwar leicht gebläht und aufgegangen, aber der Teig war ganz rauh, und eine besondere Form, außer rund, war weit und breit nicht zu erkennen. Keine Soße, nur Sahne, aber als Häubchen, und keine Brombeerfüllung, nur ein paar Heidelbeeren, die oben drauf herumkugelten. Sie waren gut, die Plinsen, keine Frage – aber doch so ganz anders als ich dachte.

So geht es mir auch manchmal mit Büchern. Schon lange habe ich den Titel gehört, und in meinem Kopf entsteht eine Vorstellung davon, wie sich das anfühlen muss, dieses Buch zu lesen. Manchmal ist es nicht im Mindesten ersichtlich, woher meine Vorstellung kommt, weil ich mit niemandem jemals über das Buch gesprochen habe. Selten entspricht die tatsächliche Lektüre dem Bild, das ich mir gemacht habe. Oft ist es einfach nur anders als gedacht. Manchmal ist es eine fundamentale Enttäuschung. Die Vorstellung beispielsweise, die ich mir von „The Waves“ von Virginia Woolf gemacht habe, war ganz außerordentlich und wunderschön, schwebend und zugleich dicht, die Geschichte dieser Gruppe von Freunden, und über allem, unter allem, das Meer, das Leben, das Meer. In Wirklichkeit bin ich über die ersten Seiten nicht hinausgekommen.

Hier habe ich „Der Golem“ von Meyrink angefangen. Der Golem, da ist klar, woher die Vorstellungen kommen. Das Wort, das klingt schon nach Lehm und Masse, nach Knetmann, Monster, Frankenstein. („Frankenstein“ war übrigens auch so ein Buch, das seiner Vorstellung so gar nicht entspricht. Aber das nur am Rande.) Und die Judenstadt und die düsteren Straßen und Morde, oh ja, und Zerstörung und Schatten und Angst, winklige Gassen, schmutzige Häuschen, und noch ein Held, der die Schatten besiegt, irgendwie, wobei ich mir den Helden nicht sonderlich glänzend, sondern eher gebeugt und abgerissen vorstelle.
Das Buch selbst ist dann ganz anders. Kabbalistisch-romantisch, düstere Gassen gibt es schon, aber auch ein Stück Stein, das aussieht wie ein Stück Fett, und einen verwechselten Hut, seltsam klingende Namen, durchzechte Nächte, Damen in Not und verzweifelte Briefe, und Prag, immer wieder Prag.
Und der Golem, das Knetmännchen mit dem Zettel im Mund? Den gibt es nur als Schatten, als Erzählung, als Traumgespinst. Unter der Stadt sind unterirdische Gänge, einer führt bis in ein Kämmerchen mit nur einem Fenster, darin die modrigen Kleider des Golem, und ein Kartenspiel, Tarock. Und immer wieder gibt es diese drogenartigen Begegnungen mit einem Etwas, vielleicht dem Golem, vielleicht einer nach außen gedrungenen Form von einem selbst.

Enttäuschend finde ich das nicht. Aber es war ganz anders als ich dachte.

geschrieben am 10. November 2011 in Autoren-Blogs

Arbeit und Urlaub

Bevor ich losgefahren bin, haben mir in Berlin alle einen schönen Urlaub gewünscht.
So sieht das ja auch für die anderen aus, wenn man seiner regelmäßigen Honorararbeitsstelle für vier Wochen Lebewohl sagt; was soll das denn anderes sein als Urlaub?
Und ich selbst muss mich fragen, was soll das denn anderes sein als Urlaub, wenn ich hier durch die Stadt schlendere, ins Museum gehe, im Kaffeehaus sitze, mich mit den Touristenströmen treiben lasse – wo ist denn das kein Urlaub?

Aber in mir drin, da arbeitet es die ganze Zeit, das sortiert und saugt auf und steckt hierhin und dorthin und verwirft und ist getroffen, in mir drin reißt es die Augen auf und versenkt sich im Schattenspiel der Blätter, in mir hört es auf den Rhythmus meiner Schritte auf dem Kopfsteinpflaster, macht sich ganz weit und saugt all die Ansichten und Aussichten auf, die fremden Sprachen, die Räume, etwas erspürt die Geschichtslinien, die durch die Stadt gehen, durch die Gebäude, die Straßen, die Menschen, und etwas in mir verwandelt das in Worte, Satzschlangen, Sprachfetzen, Konstellationen, Bilder, Visionen, Zusammenklänge, Textbahnen, Seemannsgarn.

Wenn ich dann in der Pension sitze, in der ich mein Zimmer habe, und in meinen Dokumenten herumwühle, frage ich mich, wie soll man das denn Urlaub nennen, dieses Verschlingen, Verarbeiten, Verwandeln. Und das Vergegenwärtigen, davon bin ich selbst ganz erstaunt, ist etwas geradezu Körperliches. In einer eigentümlichen Mischung aus absoluter Konzentration und Abwesenheit bin ich am Ort meines Textes, und etwas in mir wirft die Worte aufs Papier, sortiert sie neu, wechselt sie aus, verwirft sie – was eben so zum Schreiben gehört. Aber bei dieser Tätigkeit bin ich ganz gefordert, kein Eckchen von mir kann über das Mittagessen nachdenken oder ob ich mir noch einen Tee kochen soll und was ich eigentlich danach so machen werde mit dem angebrochenen Nachmittag.
Manchmal lässt sich der Text auf diese Art einigermaßen aufs Papier zerren, manchmal muss ich in der Hälfte aufgeben, weil es Teile gibt, die zu erbittert Widerstand leisten, die nicht in die Worte hineinwollen, nicht mal in eine aus Sätzen aufgespannte Textfalle, in einen Sprachkäfig, in einen Raum zwischen den Zeilen. Dann muss ich mir das für ein anderes Mal aufheben oder verwerfen. Manche Dinge gehen einfach nicht. Und danach, egal ob etwas funktioniert hat oder nicht, danach bin ich auf eine seltsame Art und Weise erschöpft, oft hungrig und nicht selten außerordentlich dünnhäutig und wehrlos gegenüber der Welt. Vielleicht deshalb, weil diese Öffnung zwischen mir, der Sprache und der Welt so schnell nicht wieder geschlossen werden kann. Mein Kopf spinnt weiter die Sprachlinien, und ich, ich fühle in alles hinein und bin ganz uferlos.

In diesem Zustand bin ich vor ein paar Tagen in den St. Veits Dom gegangen, weil dort die Tür gerade offen stand. Ein gotischer Dom, zumal dieser mit seinen übermäßigen Dimensionen und den gewaltigen bunten Fenstern, das ist dann fast nicht zum Aushalten. Das ist zum Heulen schön und zum Sich-Verlieren groß. Mein Glück, dass man vor dem weiteren Eintritt erst an zwei Männern vorbeimusste, die die Eintrittskarten kontrollierten, und ich hatte ja keine. Wann und in welchem Zustand wäre ich sonst da wieder herausgekommen aus diesem schrecklich-schönen Dom.

In der Pension, in der ich mein Zimmer habe, war letzte Woche in den Zimmern neben der Gemeinschaftsküche eine deutsche Familie untergebracht, ein Vater mit Sohn und Tochter. Ihr Abreisetermin näherte sich, und auf ihre Frage hin sagte ich, dass ich noch drei Wochen hier bliebe, dass ich ein Stipendium hätte. Stipendium, ach so. Von welcher Uni ich denn käme, fragte mich der Vater, und ich musste erklären, dass ich nicht mehr studiere und dass es ein Literaturstipendium sei. Zum Schreiben sei ich hier, und ich zeigte ihm die Seite vom Literaturhaus und den Blog. Aha, vier Wochen von zu Hause fort, er versuchte sich das vorzustellen, und wie das denn ginge, also, das Gehalt zu Hause, das liefe dann einfach so weiter? Welches Gehalt, fragte ich.

Einen Blog solle ich also schreiben, sagte er, und ob ich dann morgens gleich früh zur Arbeit ginge. Ich stehe auf und bin bei der Arbeit, sagte ich, und wies auf den Gemeinschaftsraum, in dem wir uns befanden, den einzigen Ort, an dem meistens das Internet gut funktioniert. Gleich früh aufstehen und man ist bei der Arbeit. Soso.

Stell dir das mal vor, sagte er zu seiner Tochter, stell dir das mal vor, du sollst bloggen. Dann musst du immer mit offenen Augen durch die Stadt gehen. Immer mit offenen Augen.
Beneidenswert sei das, sagte er, vier Wochen in Prag, in dieser schönen Pension. Und doch hatte ich das Gefühl, dass er nicht hätte mit mir tauschen mögen.

geschrieben am 10. November 2011 in Autoren-Blogs

Musik, Dramatik, Plastik

Im November, sagen alle, sind nicht so viele Touristen da. Im November, sagen alle, da ist Prag quasi leer.

Bei meinem ersten Ausflug zur Karlsbrücke, an einem Dienstagabend, kommt es mir zwar nicht so vor, aber die vielen Stände mit Haarspangen, Bildern, Karikaturen, die sonst auf der Brücke präsent sind, sind nicht da. Dafür ist die Brücke gelborange angeleuchtet, und aus dem Augenwinkel sehe ich dahinflitzende Schatten, Tiere, Windhunde vielleicht, so dünn und flink sind sie. Überall huschen sie umher, kommen von allen Seiten, und versucht man, sie genau zu sehen, entpuppen sie sich als - Nichts. Ob sie im Sommer auch da sind, diese Schattenhunde? Als ich das letzte Mal da war, 2004, habe ich sie jedenfalls nicht bemerkt.

Am nächsten Tag führt mich mein Weg zu einer früheren Tageszeit über die Brücke. Sie sind natürlich doch da, die Stände, die Musiker, und auch die Touristen. Ich bin etwas beruhigt, als ich höre, dass der Geiger nicht immer nur Ave Maria spielt, sondern manchmal auch Ombra mai fu. Sein Schicksal erscheint mir dennoch sehr grausam, und mir fällt kein Grund ein, warum man sich seine CDs mit der klassischen Musik kaufen sollte, außer man wäre entsetzlich betrunken und übermäßig rührselig.

An der Havelska sind allerhand Marktstände aufgebaut. In erster Linie gibt es dort Krempel für die Touristen. Spieluhren aus Holz in Form eines Karussels, auf dem sich die Pferde drehen, während die Musik erklingt, wieder die nämlichen Klassiker, die schon auf der Brücke dominieren. Erstaunlicherweise nicht Smetanas Moldau.

Ein Mann steht an einem Stand mit den gewissen tanzenden Hexen, die aus irgendwelchen Gründen bekannt sind; mir ist nicht ganz klar weshalb und welche Geschichte dazugehört. Er klatscht in regelmäßigen Abständen in die Hände, damit die Hexenfiguren anfangen zu kreischen und mit den Füßen zu strampeln. In ihren Augen leuchten kleine rote Lämpchen auf. Kaum hören sie auf, klatscht er wieder in die Hände. Diese Tätigkeit erscheint mir noch schlimmer als Stunde um Stunde Ave Maria auf der Geige zu spielen und so zu tun, als ginge einem dabei das Herz auf. Wie gut muss das Geld sein, das man damit verdient, damit man das macht, frage ich mich, und wie lange kann man das machen, ohne dabei wahnsinnig zu werden.

Um kurz vor zwei bin ich an der astronomischen Uhr. Die zwei Minuten, bis die Glocken läuten, kann ich auch noch warten, denke ich, und reihe mich in die Gruppe der Menschen ein, die sich auf dem Platz versammelt haben. Dafür, dass im November keine Touristen da sind, ist es ganz schön voll; ich möchte mir nicht ausmalen, wie das im Sommer ist. Eine junge Frau hat sich zwei Hüpfespinnen gekauft, eine in schwarz, eine in rosa. Die, bei denen man auf einen kleinen Blasebalg drückt und sie springen, und oft erschreckt man sich darüber und findet sie eklig, obwohl man den Mechanismus durchschaut. Sie hält sie ihrem Begleiter hin, mit einer Mischung aus Stolz und Verlegenheit.

Ich schaue mir die Menschen um mich herum an, und fast verpasse ich darüber den Moment, in dem das Uhrwerk mit seinen Bewegungen beginnt. Aber ich hebe doch rechtzeitig den Kopf, von der Glocke erinnert, und sehe, wie die Figuren mit den Köpfen nicken, wie der Tod seine Sense schwingt, wie die Fenster sich öffnen und die Aposteln vorbeidefilieren.
(Ich gebe zu, die Sense vom Tod hab ich erfunden, für die Dramatik. Die gibt es gar nicht. In Wirklichkeit hat der Tod eine Laterne in der einen Hand, und mit der anderen hält er einen Faden, an dem er zieht und vielleicht alles auslöst. Aber das habe ich gar nicht gesehen, ich habe ja den Anfang verpasst, und so habe ich zumindest die Sense erfunden, mit der sich so ein Faden durchschneiden ließe.)
Das Ganze dauert nicht sonderlich lange, eine leichte Enttäuschung macht sich breit: wie, das war alles? Und dafür stehen all diese Menschen hier? Ich bin verwundert, dass sich danach nicht ein ausuferndes Gelächter auf dem Platz breit macht, weil dieser Massenauflauf angesichts des tatsächlichen Geschehens doch ziemlich lächerlich ist.

Oben auf dem Turm streckt ein Mann in einem rotgelben Gewand eine Trompete über den Marktplatz und spielt eine Fanfare. Die Menschen oben auf dem Turm, die neben ihm stehen, machen Fotos. Die Leute, die unten stehen, machen auch Fotos. Den letzten Ton hält er sehr lang und mit viel Vibrato, mit Dramatik wird hier nicht gespart. Als der Trompeter absetzt, klatschen die Leute. Ich wundere mich über dieses seltsame Schauspiel. Was ist der Sinn? Bevor ich noch greifen kann, was mich eigentlich daran stört, dass diese Dinge eigens und allein für die Touristen stattfinden, die sich brav über die für sie inszenierte Realität freuen, erheben die Reiseführer ihre durchdringenden Stimmen, ihre Schirme und anderen Leitgegenstände, um ihre Gruppen zur nächsten Attraktion zu führen, und ich stürze in die nächste Gasse, um ihnen zu entkommen.

geschrieben am 8. November 2011 in Autoren-Blogs

Havel – Hafel – Hejvl – Spejbl

Mein erster Ausflug aus der Pension heraus führt mich über die große Straße an der Metrostation und um eine Baustelle herum. Ein endloser Zaun verhindert das Überqueren einer Gleisbaustelle. In Berlin würde ich mich aufregen, wie man das so planen kann, wie man so selbstverständlich davon ausgeht, dass Fußgänger so weite Umwege auf sich nehmen. Und die Läden auf der anderen Seite, muss ich denken, und wie geschäftsschädigend das für die ist, vom Fußgängerstrom so lange abgeschnitten zu sein. Hier reihe ich mich ein, laufe einmal herum, versuche mich anzupassen und geduldig zu sein.

Auf einem recht unbelebten Platz am Ende einer Kastanienallee, Pod Kastany steht auf einem Schild, krame ich kurz meinen Stadtplan hervor.
Kaum habe ich ihn wieder verstaut, steht ein kleiner, älterer Mann im Jogginganzug vor mir, in der Hand eine Plastiktüte mit Bananen. Was ich auf meiner Karte gesucht hätte, fragt er mich auf Englisch. Ich antworte, ich hätte nachgeschaut, wo ich bin. Mit ausladender Geste weist er auf den Platz und sagt: „You are here! Thats were you are!“
Er lacht ein tiefes, trockenes Lachen, das mich an einen Freund erinnert, ein Beckett- und Bukowski-Kenner, der anfing ganz ähnlich zu lachen, so abgründig, nachdem ihn ein heftiger Liebeskummer niedergestreckt hatte. Ein Lachen, um den Schmerz auszuhalten. Ein Lachen gegen die Absurdität des Seins.
Der Mann hat mir unterdessen erzählt, hier gleich sei „the castle, the small one“ und da drüben die Botschaft, „U.S., you know“, und da hinten das Sparta-Stadion, und früher sei ja schon Hitler hier gewesen, „Mein Kampf“, sagt er und lacht wieder so, „Mein Kampf“, ein Witz, und die Tüte mit den Bananen raschelt ein bisschen dabei.
Er ist etwas kleiner als ich, kommt aber mit dem Gesicht immer sehr nah an meines, will mir etwas übermitteln, ich kann mich ihm gar nicht entziehen. Eingestreut in sein wild umherhüpfendes Erzählen höre ich immer mich selbst, wie ich „well“ und „aha“ und „ok“ sage, ein darunter liegender Grundton.

Dass früher hier fast keine Autos gewesen wären, erzählt er, aber jetzt doch sehr viele (wieder eine Geste zur großen Straße hin), und was danach hier noch gewesen sei, und 1938, und schließlich, wo ich denn eigentlich herkäme. Als ich „Germany“ sage, entgegnet er: „Warum sprechen wir denn dann überhaupt Englisch?“
Ab jetzt amüsiert er sich beim Sprechen immer über das sprachliche Durcheinander, das er fabriziert – ein englisches Deutsch, ein deutsches Englisch, und sowieso alle Sprachen auf einmal. Als ich sage, ich sei aus Berlin, kommt er auf seine Tochter, die gerade eine Reise mit dem Fahrrad von Kopenhagen aus durch Europa gemacht habe, und das bringt ihn zum Fluss in Berlin, die Havel.
Sein Name sei Havel, und die Deutschen, schon früher, hätten dann immer „Hafl“ gesagt, so wie sie eben den Fluss aussprechen. Und später, die Amis, als er als Stürmer in einer Fußballmannschaft mit denen gespielt hat, hätten „Hejvl“ gesagt, so wie Spejbl. Und es schüttelt ihn vor Lachen. Ich werfe ein, dass in Berlin gerade überall Plakate von Spejbl und Hurvinek hängen, und das freut ihn ungemein. „Eine halwe, halbe Kilometer von hier is die Theater von Spejbl und Hurvinek“, eine extraordentliche Sache sei das, und ich solle mir das ruhig mal ansehen, während ich hier sei. Und so plötzlich wie er mich in den Klammergriff seines Gesprächs genommen hat, verlässt er mich wieder – alles Gute und auf Wiedersehn, da ist er schon ein paar Schritte weit entfernt, geht die Straße hinunter, und ich muss mich erst mal wieder sammeln, schauen wo ich bin, ach ja, Pod Kastany, sagt das Schild.

geschrieben am 4. November 2011 in Autoren-Blogs

Nádraží - Bahnhof

Welch eine Erleichterung, endlich im Zug zu sitzen, den Koffer verstaut zu haben und Berlin hinter mir zu lassen. Wie das so ist mit einer solchen Abreise für längere Zeit – am Abfahrtsdatum stauen sich auf einmal all die Dinge auf, die man noch gemacht haben wollte, schier undurchdringliche Wellen und Falten und Berge aus Aufgaben.
Unter anderem: der Computer war kaputt, ein Lüfterproblem, nichts Schlimmes, eigentlich, eine Routineangelegenheit, die sich noch vor der Abreise hätte bewältigen lassen müssen. Aber die Routineangelegenheit wuchs sich aus, der Reparateur hatte den Rechner den halben Tag auf seinem Schreibtisch, um mich am Ende des Tages entnervt anzurufen: es würde nicht mehr klappen bis zu meiner Abreise. Wie aber bloggen ohne Computer?
Kurz vor knapp noch das Netbook meiner Nachbarin ausgeliehen, dieses Problem gelöst, zumindest – aber auf der fremden Tastatur, auf der die Hände anders liegen, das Passwort für den Mailaccount falsch eingegeben, drei Mal, gesperrt, mich selbst ausgesperrt, und die Sicherheitsfrage vergessen, verbindungslos, kommunikationslos für einen Monat nach Prag.
Doch all das fällt von mir ab, während ich zusehe, wie der Berliner Süden an mir vorbeizieht. Eine Freundin hat gesagt, das sei ein Zeichen, ich solle eben unplugged sein und mit Papier und Stift durch die Prager Straßen und Cafés ziehen, ganz traditionell. Vielleicht werde ich das tun, trotz Netbook.
Wir fahren durch das Elbsandsteingebirge, die goldenen Birken draußen, der Himmel dahinter, der Fluss, die Felsformationen, Steinmännchen. Unterdessen bin ich nicht nur erleichtert, sondern in mir jubiliert es: Nach Prag, oh ja, nach Prag.

Kurz nach der Grenze ist eine Station, an der sehr viele Menschen einsteigen. Die Zugansage ist ab hier auf Tschechisch, und auch die vielen Menschen sprechen tschechisch. Ich habe das Gefühl, jetzt fängt es an, jetzt wird etwas Realität, was vorher nur eine Vorstellung war, mein Schreibaufenthalt in Prag. Doch ich komme mir unvorbereitet vor – in der Aufgabenwellenlandschaft vor der Abreise habe ich es nicht geschafft, die einfachsten Worte, Hallo, Bitte, Danke, Entschuldigung, Ja, Nein, in meinen Kopf zu kriegen. Nur Nádraží, Bahnhof, das hab ich mir gemerkt, das ist das einzige, was ich bei der Ansage verstehe.

Eine ältere Dame fragt, vermutlich, ich versteh es ja nicht, ob der Platz neben mir noch frei ist. Als sie mich darauf aufmerksam macht, dass mein USB-Stick noch auf dem Sitz liegt, bin ich ihr sehr dankbar, möchte ausdrücken: Oh vielen Dank, nicht auszudenken, wenn ich den hier hätte liegen lassen. Aber ich sage nichts, gucke nur groß – verstanden hat sie mich trotzdem.
Komisch, dass am Anfang dieser Reise, einem Stipendium zum Ermöglichen des Schreibens, erst mal das Gefühl des Sprachverlusts steht.

geschrieben am 4. November 2011 in Autoren-Blogs
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