"Steckbrief": Lars Reyer

Website: http://www.poetenladen.de/lars-reyer.htm
Profil: Vom 1. Mai bis 30. Juni 2010 ist Lars Reyer als Stipendiat im Prager Literaturhaus zu Gast. Lars Reyer wurde 1977 in Werdau geboren. Er studierte zunächst Philosophie, Anglistik und Ethnologie in Münster, danach am Deutschen Literaturinstitut Leipzig, wo er 2006 seinen Abschluss machte. Lars Reyer ist freier Autor und hat Gedichte in Zeitschriften und Anthologien veröffentlicht, so wie den Lyrikband "Der lange Fußmarsch durch die Stadt bei Nacht" (2006). Das Stipendium wird in Zusammenarbeit mit der Kulturstiftung des Freistaates Sachsen vergeben.

Beiträge von Lars Reyer:

Ich kaufe mir eine Hose und gehe mit mir selber essen

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geschrieben am 19. Juli 2010 in Autoren-Blogs

Wie ich zum Schwimmen gezwungen wurde

Ich wollte noch einmal zu den Arschköpfen. Schon mehrmals bin ich an den Arschköpfen vorbei gelaufen und habe sie ein bißchen von der Seite angeschaut, und wenn nicht so viele Touristen, die die Arschköpfe immer gern fotografieren, um mich waren, verweilte ich auch wohl ein wenig länger bei den Arschköpfen, um ihr Wesen zu ergründen. Aber so eine Wesensergründung braucht ihre Zeit, das macht man nicht mal eben im Vorbeigehen. Und so gehören die Arschköpfe eigentlich auch in eine andere Geschichte, die ich hier noch werde schreiben müssen.

Diesmal kam ich nicht bis zu den Arschköpfen, denn auf dem Weg dorthin tappte ich in meine eigene Vergangenheit. Das passiert mit öfters. Ich habe sozusagen eine Veranlagung dafür, über die ich allerdings nicht immer erfreut bin.

Auf den Moldauinseln wurden Vorbereitungen für ein mehrtägiges Musikfestival getroffen. Das hatte ich, als ich zu den Arschköpfen aufgebrochen war, ganz vergessen. Nun geriet ich in allerhand Betriebsamkeit. Eigentlich habe ich es immer gern, anderen Leuten beim Arbeiten zuzusehen, doch es kam mir plötzlich ein bekannter Geruch in die Nase. Ich mochte den Geruch nicht und ich konnte ihn sofort identifizieren. Es roch nach Zeltbahnen, die man frisch entrollt hatte.

Warum sind frisch entrollte Zeltbahnen schlimm? Eigentlich sind sie neutral, wie jedes Ding.

Ihr Geruch steht jedoch für mich als Zeichen von Gruppenzwang, vormilitärischem Erziehungswahn und einer Einsamkeit, die sich nur inmitten Vieler wirklich ausprägen kann. Das hört sich nun an, als sei mir in meiner Kindheit etwas schlimmes zugestoßen. Im Prinzip nicht, ich musste nur Schwimmen lernen. Und da ich aus dem Osten komme, wurde ich zu diesem Zweck in den Sommerferien, das heißt während einer oder zwei Wochen, in ein sogenanntes Schwimmlager geschickt. Das Schwimmlager war kein Ferienlager. Ferienlager mochte ich. Zweimal bin ich im Betriebsferienlager der IFA in Lychen gewesen, ca. 80 km nördlich von Berlin. Sandboden, Kiefern und übersichtliche Seen. Ich konnte mich nicht beklagen.

Anders das Schwimmlager. Das wurde im Fraureuther Waldbad veranstaltet. Wer sich nun für die geographische Lage Fraureuths interessiert, der nehme einen Atlas zur Hand; es wurde in dem kleinen Ort ein im Deutschen Reich (da kann ich nichts dafür) recht beliebtes Porzellan hergestellt, was mich noch heute verblüfft, da es dort nur zwei richtige Straßen gibt und ein paar davon abgehende Wege. Was für einen Anblick der Flecken damals geboten haben muss, möchte ich mir gar nicht vorstellen.

Aber zurück zum Schwimmen. Das Fraureuther Waldbad nannte sich Waldbad, weil ein paar Nadelbäume drum herum standen. Außerdem war das Schwimmbecken nicht mit heutigen Standards zu vergleichen. Eine rechteckige Grube war hier ausgehoben worden, deren Grund mit Steinplatten, wie sie auch vielerorts in Innenstädten und auf Bürgersteigen Verwendung fanden, fixiert wurde. Keine sehr stabile Konstruktion, und man musste aufpassen, dass man sich nicht, wo das Wasser noch flach genug war, die Zehen brach an einer klaffenden Fuge. Überhaupt das Wasser: Das Wasser war Schuld daran, dass das Fraureuther Waldbad so ein scheußliches Bad war. Selbst dort, wo einem das Wasser bloß bis zu den Hüften reichte, konnte man nicht bis auf den Grund sehen. Chlor war etwas für Hallenbadbesucher und sonstige Weicheier. Ich denke sogar, dass das Fraureuther Waldbad nur als Waldbad deklariert wurde, um die Betriebskosten zu sparen, die sich ergeben hätten, hätte man das Waldbad als richtiges Freibad betrieben. Mit gefließtem Becken und gechlortem Wasser. Gechlortes Wasser ist zwar auch nicht die Welt, es bietet aber den Vorteil der Klarheit. Man sieht, worin man schwimmt bzw. was einen beim Schwimmen umgibt.

Wahrscheinlich liegt es an der Art und Weise, wie ich das Schwimmen erlernt habe, dass ich heutzutage ein eher widerwilliger Schwimmer bin. Ich beherrsche zwar das Brust- und Rückenschwimmen und ein wenig auch das Kraulen, möchte aber meistens lieber nicht. Ich mochte auch damals lieber nicht, musste aber. Und zwar ins trübe undurchsichtige Wasser springen. Am Rand ging ein Schwimmlehrer, der im echten Leben mein Werkunterrichtlehrer war, mit einer Stange neben mir her. Wenn einen die Kräfte verließen, konnte man sich an der Stange festhalten, gern gesehen war das allerdings nicht. Wahrscheinlich widersprach es dem sozialistischen Weltbild, dass ein sozialistischer Schüler überhaupt das Schwimmen erst erlernen musste. Ich hielt mich oft fest. Denn ich konnte, als ich zum ersten Mal ins Wasser des Fraureuther Waldbades sprang, nicht ansatzweise schwimmen.

In den Pausen zwischen den Schwimmeinheiten dämmerte man in einem Großraumzelt auf Feldbetten vor sich hin und ging dann zum Mittagessen in ein anderes Großraumzelt, wo man an Campingtischen beisammen saß und nicht sehr redselig miteinander umging.

Kann sein, dass ich das alles falsch erinnere. Aber der Geruch, der mir am Moldauufer, an der Kleinseite, auf dem Weg zu den Arschköpfen entgegenschlug und der von eben solchen Großraumzelten herrührte, verursachte ein krampfartiges Gefühl in der Magengegend. In diesem Fall genügte mir das, um meiner Erinnerung ein gewisses Maß an Wahrheit zuzusprechen. Auf dem kürzesten Weg ging ich in meine Wohnung zurück. Ihr habt es besser, Arschköpfe, da ihr keine Nasen habt! Aber das ist, wie gesagt, eine andere Geschichte.

(So wollte ich schon immer mal enden.)

geschrieben am 28. Juni 2010 in Autoren-Blogs

Das Ohr schreibt mit

Auf dem Fenstersims sitzen die Tauben und gurren. Normalerweise steht mein Fenster offen, weswegen ich das Gurren der Tauben deutlich hören kann, wenn ich am Schreibtisch sitze und arbeite oder im Sessel döse oder einfach mit meinen Gedanken beschäftigt bin. Zu Anfang hatte ich noch die Befürchtung, die Tauben könnten mutig werden und so etwas wie Forscherdrang entwickeln und durchs offene Fenster in mein Zimmer hereinfliegen. Aber die Tauben sind nicht dumm und sie scheinen zu wissen, dass so ein Ausflug (eigentlich ja Einflug) sowohl ihnen als auch mir nicht guttun würde. Die Tauben bleiben also, wo sie sind und ich bleibe, wo ich bin. Aber nicht mehr lange. Denn in Kürze bin ich wieder fort aus Prag und ich werde mich zu Hause erst eingewöhnen müssen. Der Wegfall der für mich spezifischen Prager Geräuschkulisse wird vermutlich besonders schwer wiegen. Genauer gesagt: Der Wegfall der spezifischen Prager Geräuschkulisse vor meinem offenen Fenster. Dort unten findet sich nämlich der Havelské tržiště, ein permanenter Basar, an dessen recht übersichtlichen Buden man extrem überteuertes Obst, abgelaufene Schokolade und touristische Mitbringsel erstehen kann. Gegen 5.30 Uhr geht es jeden Morgen los, die ersten Händler trudeln ein und sprechen in ihrer vertrauten Händlersprache miteinander, deren Tonfall dem zwischen Geschwistern gleicht, die sich manchmal nicht recht leiden können, sich am Ende aber immer wieder zusammenraufen. Die Händler wissen nicht, dass ich dicht an der Straße und nur ein Stockwerk über ihnen noch ein wenig zu schlafen versuche; und wüssten sie es, wären sie vermutlich auch nicht leiser. Im Halbschlaf dämmere ich vor mich hin, während die Geräuschkulisse langsam aber beständig anwächst und schließlich den normalen Tagespegel erreicht. Das ist der Pegel, der mir ein entspanntes Arbeiten ermöglicht. In einem langen, ruhigen Klangfluss rollt die Leichtigkeit des Seins, die gar nicht so unerträglich ist, stetig voran. Die Passanten, die tagsüber in großer Zahl hier vorübergehen (und wohl auch mehrmals im Kreis laufen, denn man verirrt sich recht angenehm in den kleinen Gassen um den Staroměstské náměstí) produzieren mit ihrem vielsprachigen Reden einen Teppich auf dem sich das Ohr ausruhen kann und gleichzeitig in Spannung versetzt wird. Die Tage wirken also sehr leise, obwohl sie vielleicht in Dezibel gemessen recht laut sein würden. Selbst das mechanische Lachen der böhmischen Hexen, die aussehen sollen, als seien sie aus Holz geschnitzt, in Wirklichkeit aber nur aus mittelmäßig verarbeitetem Plastik bestehen, fügt sich in die Kulisse ein, ebenso wie die Spieluhr, aus der unablässig eine kurze Variante von pour Élise erklingt. Alles wirklich sehr schön. Manchmal habe ich sogar Kreislers Klassiker im Ohr, aber ich glaube, es handelt sich dabei um eine reine Sinnestäuschung.

Gegen 18.00 Uhr laden die Händler ihre Waren auf Hand- und Sackkarren und ziehen von dannen, das dauert alles ein bißchen, denn die Händler sind, so vermute ich, waschechte Prager und somit in ihrem Tun nicht der Hektik verfallen. Schließlich sind sie aber fort und mit ihnen die Passanten. Dann ist es, als habe sich vor meinem Fenster die Erde aufgetan und alle Menschen und alle Geräusche verschluckt. Ich gehe aber nicht zum Fenster und schaue nach. Die Nacht kommt nämlich bald und dann wendet sich das Blatt. Es wird laut. Nachts is’ kälter als draußen, pflegte ein von mir besonders gehasster Gymnasiallehrer zu sagen, wenn er witzig sein wollte. Ich sage heute, zwischen Tag und Nacht liegt ein Unterschied wie Tag und Nacht, und ich bewege mich damit womöglich auf einem ähnlichen Niveau. Die Nacht wirkt wie ein Verstärker für alle Geräusche, vielleicht weil die Nacht so dunkel ist, aber auch das ist ja nur Allgemeinwissen. In der Nacht ist es hier so laut wie anderswo tagsüber auf Baustellen oder Kinderspielplätzen. Nicht durchgehend, versteht sich, sondern in unberechenbaren Intervallen. Manches Mal bin ich schon weggenickt und war gerade dabei in den Tiefschlaf zu sinken, als mich das Grölen besoffener Touristenhorden wieder in den Wachzustand zurück befahl. Dagegen ist nichts zu machen, und einmal hielten zwei italienische Frauen über Stunden hinweg eine Unterhaltung vor meinem Fenster, dass ich, als sie schließlich ihrer Wege gingen, glaubte, ich spräche nun selbst fließend Italienisch. Ich werde mich zu Hause also wieder umgewöhnen müssen. Aber so lange das alles noch da ist, der sanfte Geräuschfluss am Tag und der Lärm in der Nacht, werde ich beides in mein Arbeiten hineinwirken lassen. Und womöglich fliegt am Ende ja doch noch eine Taube in mein Zimmer herein. Dann aber werde ich sie nicht verscheuchen oder böse auf sie einreden, denn vor Kurzem habe ich gelesen, dass in jeder Taube, die sich freundlich auf einen zu bewege, die Seele eines Zaddiks wohne. Seitdem ist mir das Gurren auf meinen Fenstersims noch lieber als zuvor und ich habe ein unglaublich schlechtes Gewissen, wenn mir die Melodie von Kreislers Taubenvergiften im Kopf herumschwirrt.

geschrieben am 28. Juni 2010 in Autoren-Blogs

Kafkas Glück

Was Kafka für ein Glück hatte! Sicher, er war etwas depressiv und tuberkulös, aber ansonsten konnte er sich kaum beschweren. Er musste einfach nur die Tür aufmachen, nach draußen gehen und schon befand er sich auf den Straßen Prags (wenn er sich nicht gerade in Berlin, Reiff am Gartsee oder anderswo aufhielt). Andererseits arbeitete Kafka tagsüber für die Arbeiter-Unfall-Versicherungs-Anstalt, was ihm sein Prager Glück ein wenig vergällt haben dürfte. Vielleicht hegte er deshalb den Wunsch, Indianer zu werden. Vielleicht aber auch nicht. Im Goethe-Institut hängen zur Zeit Kafka-Bilder, auf denen Kafka naturgemäß nicht vorhanden ist. Kafkas Kleinheitswahn, seine Sucht zu verschwinden, würde ein Unternehmen, das es sich zur Aufgabe macht, Kafka abzubilden, von vornherein ad absurdum führen. Es wäre vermutlich sogar als Angriff auf den toten Autor zu verstehen. Die Bilder, die dort hängen, sind vielmehr eine zurückhaltende Konversation mit Kafkas Texten. So wäre es dem Autor auch wohl am liebsten gewesen: Wenn man ihn gar nicht wahrgenommen hätte vor lauter Geschriebenem. Vor dem inneren Auge des Lesers löst sich der Autor in dem Textgefüge auf, das er hinterlassen hat. Ich bin schon mehrmals immer wieder vor Pavel Schmidts Zeichnungen auf und ab gegangen und habe die Textzitate gelesen, die jedem Motiv, wie ein Kommentar aus der Urzeit, beigegeben sind. Und mir ist immer stärker bewusst geworden, dass Kafkas Wucht aus dem Filigranen und Kleinteiligen stammt. Auch die Zeichnungen sind filigran, manchmal geradezu verschüchtert in ihrer Darstellung von weiblicher Scham oder bitterer Übervatersymbolik. Angesicht einer solchen Menge an Feinheit und hoher geistiger Struktur, wird mir immer ganz flau im Magen und ich denke darüber nach, dass man selbst eigentlich vollkommen überflüssig ist und niemals dazu in der Lage sein wird, etwas ähnlich Haltbares zu schaffen. Ich bin bisher stets allein gewesen in der Kafka-Ausstellung. Die Ruhe der alten hohen Räume gefällt mir, die Holzdielen knarren, während ich einen Fuß vor den anderen setze, als könnte ich ewig im Kreis laufen ohne müde zu werden. Einmal ist eine Putzfrau in die Toilette am Ende des Ganges verschwunden und kam nicht mehr heraus. Ich frage mich seitdem, ob es dort einen Hinterausgang gibt, traue mich aber nicht, in die Damentoilette hineinzugehen und nachzuschauen. Mitten im Ausstellungsraum steht ein schwarzer Flügel. Er ist mit einer Plane bedeckt, die das Eindringen von Staub in das empfindliche Instrument verhindern soll. Auf dem Flügel findet sich ein schlichtes Pappschild: Bitte nicht benutzen. Das, denke ich, hätte Kafka gefallen, und ich fasse den Entschluss, beim nächsten Mal, wenn die Putzfrau wieder aus der Toilette herauskommt, mich vor den Flügel zu setzen und das Adagio von Gideon Kleins Klaviersonate zu spielen. Aber ich kann gar nicht Klavier spielen und ich fürchte, wenn ich es trotzdem versuchte, würde sich unter meinen Händen die Klaviatur auflösen, Saiten und Resonanzboden verflüchtigten sich langsam und am Ende säße ich bloß noch vor dem Skelett eines Flügels. Die Putzfrau würde kopfschüttelnd an mir vorüber gehen.

geschrieben am 14. Juni 2010 in Autoren-Blogs

Das Ministerium der Wörter

Im Anfang war das Wort, heißt es so leichtfertig in einem alten Buch. Ich stelle mir Gott vor, wie er durch sein noch ödes Universum streift, dem ruhelosen Wolf in seinem Gehege nicht unähnlich, und um den passenden Ausdruck ringt. Dann war das Wort bei Gott und Gott selbst war das Wort. Seitdem, möchte man meinen, bedarf es oftmals gar nicht mehr des Wortes. Es genügt zum Beispiel die Stadt, die jedes mögliche Wort bereits in sich aufgenommen und manifestiert hat. In Stein, Asphalt, Beton. Ganz prosaisch gesprochen. Denn die Welt ist die Gesamtheit der Tatsachen, nicht der Dinge. Das steht in einem anderen Buch, das nicht ganz so alt ist, sich dafür aber nicht unwesentlich dem seligen Geist der k.u.k. Monarchie verdankt, was man angesichts der Nüchternheit der Ausführung kaum glauben mag. Aber man mag ja vieles nicht glauben. Kürzlich ging ich – die Sommerhitze war endlich ausgebrochen – sehr langsam und für mich also untypisch auf der Spátelná in Richtung Süden und dann weiter auf der Vyšehradská meinem Ziel, dem Vyšehrad, entgegen, nicht nur weil ich einmal die sozusagen zweitbeliebteste Prager Burg sehen wollte, sondern vor allem, weil man mir gesagt hatte, dass dort in grauer Vorzeit die Fürstin Libuše auf den Felsen residiert und in sonderbaren Visionen die Gründung Prags vorausgesehen haben soll, was mir wiederum in Erinnerung rief, das ich vor annähernd 10 Jahren einmal ein paar Tage in einer Pension Libuše im Stadtteil Holešovice gewohnt hatte. Ein seltsamer Kreis, der sich hier schließen sollte. Indes kam ich gar nicht bis zur Burg. Zu meiner Rechten lag plötzlich das Emauzy. Wobei plötzlich hier ein in die Verwirrung führendes Wort ist, denn selbstverständlich liegt das Emmauskloster schon seit langer Zeit genau dort, wo es heute noch liegt. Und so sieht es auch aus. Mich durchfährt stets ein kalter Hauch der Freude, wenn ich an alten Gebäuden vorüber oder durch diese gar hindurch gehe. Beim Emauzy war das nicht anders; ich erkundete das Gelände und die Gemäuer, die, wie ich lese, nach den Beschädigungen während des Zweiten Weltkrieges nicht mehr vollständig rekonstruiert wurden, was für jemanden, der an den deutschen Sanierungswahn gewöhnt ist, einem Segen gleichkommt. Was der Fall ist, die Tatsache, ist das Bestehen von Sachverhalten. Innerhalb der erhaltenen Klostermauern steht dicht neben dem über mehrere Epochen hinweg erweiterten Sakralbau aber noch ein ganz anderer Gebäudekomplex. Das Gesundheitsministerium hat hier seinen Sitz. Die von sozialistischer Nützlichkeit gekennzeichnete Architektur wirkt aber nur im ersten Augenblick Fehl am Platze. Selten kommt einem das Neue neben dem Alten so plausibel vor wie hier. Ich ging den beschatteten Kiesweg entlang und dachte auch wohl ein wenig über irgendetwas nach und fand mich in einem Innenhof wieder, der mir keinen Durchlass mehr gewährte. Kurz hatte ich das Gefühl, an einem Ort meiner Kindheit zu sein, weil der graue Verputz der Wände so aussah, wie er auch vor 1990 in diversen westsächsischen Kleinstädten ausgesehen hatte. Ein unscheinbares blau-weißes Schild wies darauf hin, dass sich, in dieser eindeutigen Sackgasse, eine Praxis für plastische Chirurgie befand. Der Sachverhalt ist eine Verbindung von Gegenständen, dachte ich mit einer fremden Stimme, die in meinem Kopf herumredete. Und während ich in Richtung Moldau lief, naturgemäß sanft bergab, machte die Stimme weiter, denn sie wusste: Das Bestehen und Nichtbestehen von Sachverhalten ist die Wirklichkeit. Ich stützte mich mit den Ellenbogen aufs Moldaugeländer und sah dem Zieleinlauf eines Ruderwettbewerbes zu. Immer, wenn ein Boot den imaginären Zielstrich überquerte, ertönte ein lautstarker Hupton. Solch eine Bestätigung fehlt im allgemeinen den Wörtern, dachte ich, und starrte dumpfer aufs Wasser. Libuše, die Seherin, musste noch ein Weilchen auf mich warten.

geschrieben am 8. Juni 2010 in Autoren-Blogs

Český

Es ist jetzt einige Tage her, seitdem wir Weltmeister geworden sind. Erst dachte ich, der Sieg gegen die Sbornaja, der zum Ende des letzten Drittels noch einmal ins Wanken geriet und womöglich nur durch eine dumme Strafzeit des Russen Malkyn nach Hause geschaukelt werden konnte, habe das entspannte Gemüt der Prager nicht großartig anheizen können. Ich lag jedoch falsch. Sehr falsch, wie sich gegen 23:00 Uhr Ortszeit herausstellte. Von da an zogen nämlich die Menschenmassen zum Wenzelsplatz, direkt an meinem Fenster vorbei. Der Zustrom nahm kein Ende; es war, als habe sich ganz Prag in Bewegung gesetzt, um gleichzeitig am selben Ort zu sein und gemeinsam den unerwarteten Ausgang eines Eishockeyspieles zu feiern. Bis 5 Uhr morgens rissen die Český Český Rufe nicht ab. Was zwischendurch geschrien und im Überschwang herausgesungen wurde, flackerte an mir vorüber wie eine schöne fremde Melodie. Ich stand am Fenster und ließ meinen Blick im Menschenstrom mittreiben. Alles rot und blau und weiß und voller Fahnen. Nirgendwo mehr konnte ich einen der Bettler ausmachen, die tagsüber auf den Knien vor den Prachtbauten der Touristenmeile kauern und demütig auf ihre Mützen starren, die sie vor sich hingelegt haben, in der vagen Hoffnung, ein Vorübergehender schmisse ihnen ein paar Kronen da hinein. Nachts höre ich sie manchmal streiten; um Zigaretten oder Schnaps oder Liebe. Ich kann es nicht sagen. Ich horche bloß auf den Klang der Wörter und rieche den Zigarettenrauch, der in mein Zimmer hereinzieht. Die betrunkenen Touristen haben sich dann schon längst ausgegröhlt und liegen in ihren Hotelbetten. Sie schlafen ihren Rausch aus, während die Bettler unten vorm Fenster sich immer weiter in ihren Rausch hineintrinken. Mit den ihnen zur Verfügung stehenden Mitteln und Methoden. Ein Rausch ist das, der einer ganz elenden Nüchternheit gleichen muss. Ich stand also am Fenster und versuchte, irgendwo einen der Bettler auszumachen und war seltsam erleichtert, als es mir nicht gelang. Vielleicht hatten sie sich an einem geheimen Ort versammelt, um ebenso wie ich die ganze Feierei zu beobachten; und vielleicht machten sie sich auch Gedanken über den Typen da oben am Fenster, der nicht Český Český rief, weil er nie irgendwas ruft oder sagt, auch nicht, wenn er tagsüber an ihnen vorübergeht, als wäre er schwer beschäftigt, der also nichts tat, als in die glitzernde Nacht hineinzustarren.

Vielleicht wussten sie gar nicht, dass sie Weltmeister geworden waren; und ich wusste es auch nicht mehr, aber ich trage jetzt immer Kleingeld in meiner Hosentasche mit mir herum.

geschrieben am 31. Mai 2010 in Autoren-Blogs

Die verdammten Gedichte

Langsame Einfahrt in die zerstörte Stadt: so beginnt (oder endet?) irgendein Gedicht, ich weiß bloß nicht mehr genau, von wem es stammt. Grünbein? Beyer? Kling kann ich ausschließen (was darauf hindeutet, dass er mit der höchsten Wahrscheinlichkeit der Urheber ist); der wäre nicht langsam in eine zerstörte Stadt eingefahren, sondern sehr schnell. Ich kriege diese Zeile aber nicht aus meinem Kopf. Umso weniger, da ich mich gerade in einer Umgebung befinde, die alles andere als zerstört ist. Der vom Altstädter Ring eingeschlossene Teil Prags ist für die Touristen hergerichtet. Nicht, dass das schlimm wäre. Ich bin ja selbst eine Art Tourist. Allerdings habe ich einen Hang zum Zerstörten, den ich nicht abstellen kann. Und so bewege ich mich mehr und mehr in konzentrischen Kreisen um den Stadtkern herum. Denn an den Rändern kann man erkennen, was eine Stadt in ihrem Innersten verschweigt. Oft ist das nicht viel. Sondern eben das Übliche. Und dass das Verschwiegene eine Stadt in ihrem Innersten zusammenhält, zu dieser Schlussfolgerung möchte ich mich gar nicht versteigen. Wenn ich mich aber wegbewege vom inneren Kern, sind mir zumindest zwei Dinge möglich, die mir ansonsten sehr erschwert werden: sehen & hören. Und solchermaßen mit dem Auge und dem Ohr bewaffnet, gehe ich ganz anders in der Welt herum. Nicht mehr eingeschüchtert von den Eindrücken, die ungebündelt überall in der Luft umherschwirren. Sondern mit einem offenen Kopf (da kommt mir in die Erinnerung, wie ein Freund von mir, als ich noch ein Kind war, einmal von einem Fenstersims stürzte und mit dem Hinterkopf auf den Pflastersteinen aufschlug; er wurde genäht und trug seine Narbe voller Stolz, ich aber hatte kurz durch das Loch im Kopf in seinen Kopf hineinblicken können und sah das Weiße und das Graue; und ich hatte fortan fürchterliche Angst vor Löchern im Kopf).

Also: mit offenem Kopf. Das heißt aber nichts anderes, als ganz bei sich und gleichzeitig außerhalb seiner selbst zu sein. Die Gänge an den Rändern der Stadt sind somit eine Art Vorstufe oder schon der Beginn des Schreibens von Gedichten. Denn auch dort ist man gleichzeitig ganz bei sich und außerhalb seiner selbst. Langsame Einfahrt in die zerstörte Stadt: leider ist die Zeile nicht von mir. Ich muss sie also irgendwie loswerden, wenn mir wieder, möglichst bald, eine eigene Zeile im Kopf herumgehen soll. Die verdammten Gedichte hören aber nur selten auf mich. Sie treiben sich fast immer dort herum, wo man sie am wenigsten erwartet. Deshalb müssen mir nun die Prager Außenbezirke helfen, die fremden Geister zu vertreiben, damit die eigenen zu mir finden können.

geschrieben am 27. Mai 2010 in Autoren-Blogs

Mein guter Receptionist

Der Mensch denkt immer gleich, dass er stirbt. So auch ich. An einem der ersten Abende meines Aufenthaltes verfiel ich auf die kümmerliche, mir aber in dem Moment ganz lebensfroh erscheinende Idee, in meiner kleinen Küche einen Salat zuzubereiten. Ich hatte tagsüber das Supermarktangebot sondiert und mich mit den nötigen Grundnahrungsmitteln eingedeckt. Ich bin eben doch der typische Nestbauer. Aber schon das Kleinschneiden des Salatkopfes misslang. Ich hatte die Schärfe fabrikneuer Messer unterschätzt und den schrägen Zuschliff der Klinge. Allerdings hätte ich auch nicht unbedingt ein Steakmesser für diese simple Tätigkeit verwenden müssen. Das Sinnieren half nichts mehr, die halbe Fingerkuppe war ab. Zumindest der Blutfluss legte eine besondere Schwere der Verletzung nahe. Innerhalb kürzester Zeit blutete ich alle vorhandenen Pflaster und Papiertücher restlos voll. Aber ich bin ein Mensch, der Blut sehen kann ohne umzukippen; und selbst die immer wieder aufs Neue einreißende Wunde, dieser feine Schmerz, der einen an seine Nervenbahnen erinnert, bereitete mir eine zwar merkwürdige, doch spürbare Freude. Es wurde später und ich wollte auf keinen Fall das Bett vollbluten. Man kann den Eindruck, den man dadurch hinterlässt, nur schwerlich wieder wettmachen. Und Erklärungen auf Tschechisch, die ich dann der Putzfrau, die jeden Tag aufopferungsvoll mein Chaos zusammenräumt, hätte machen müssen, sind noch immer nicht meine Stärke. Was also tun? Ich ging zu Jaroslav. Jaroslav ist mein Receptionist, mein guter Receptionist. Als ich am ersten Tag eincheckte, erfreute er mich bereits mit der Nachricht, er sei vor ein paar Jahrzehnten einmal in Leipzig zu Besuch gewesen. So etwas schafft gleich Verbundenheit, stellte ich mir doch Jaroslav vor, wie er, im damals noch vollkommen ruinösen, unter einer gelblichen Dunstglocke steckenden Leipzig seine Runden drehte und womöglich an meiner zukünftigen Wohnung vorbeikam wie einer, dessen Vorahnungen ihn sicher durch die Welt leiten. Ich ging also hinunter zu Jaroslav an die Reception, in der Hoffnung, er könne mich mit Pflastern versorgen. In dem etwas zerriebenen Schuhkarton, den er aus der Abstellkammer heranschaffte, fanden sich Mullbinden und Ampullen mit unbekanntem Inhalt, Einwegspritzen und Zungenstäbchen – jedoch kein einziges Pflaster. Jaroslav fragte mich, in seinem vom Akzent schöngeschliffenen Deutsch, ob ich denn gegen Tetanus geimpft sei, dann würde ich sicherlich nicht sterben. Manche Menschen haben die Fähigkeit, einen durch ihre Worte in einen Zustand der Zuversicht zu versetzen; und Jaroslavs gutmütiges Gesicht, sein umständliches Gestikulieren, das mich ein wenig an das meines Vaters erinnerte, taten ein übriges, um mich beschwingt in meine Wohnung zurückkehren zu lassen. Dort merkte ich dann erst, dass ich gar keine Zuversicht gebraucht hätte, weil ich nämlich nicht unzuversichtlich, sondern nur auf der Suche nach einem Pflaster gewesen war. Stattdessen stellte sich nun Unbehagen ein; in den dunklen Räumen meiner Wohnung hallte Jaroslavs Frage dunkel nach. War ich denn tatsächlich gegen Tetanus geimpft? Und was sollte an Tetanus überhaupt so schlimm sein? Das war doch auch wieder nur eine von den Geschichten (eines der Wörter), mit denen man Kindern Angst einjagt. „Wenn du dich nicht impfen lässt, holt dich der Tetanus!“ Wikipedia allerdings förderte es zutage. Das ganze grausige Bild. Ich las von grippeähnlichen Anfangssympthomen, vom Teufelsgrinsen, das sich einstellt, weil die Kiefermuskulatur verhärtet, von einer Überspannung der langen Rückenmuskulatur, die schnell mal zum Wirbelbruch führen kann und schließlich vom Tod durch Ersticken. Danke, Jaroslav. Der Mensch denkt immer gleich, dass er stirbt. Und er hat damit, auf lange Sicht, vollkommen Recht. Ich aber war froh, als ich, nach langen Telefonaten und offen zur Schau gestellter Verzweiflung, herausfand, dass ich doch gegen Tetanus geimpft war. Geimpft bin. Als mich am nächsten Morgen Jaroslav zum Frühstück begrüßte, sagte ich ihm, ich hätte prächtig geschlafen, das Bett sei aber dennoch vollgeblutet. Das macht nichts, sagte Jaroslav, solange wir noch bluten, ist alles in bester Ordnung. Mein guter Receptionist!

geschrieben am 24. Mai 2010 in Autoren-Blogs

Kalte Gans

Von der Hand eines anonymen Arrangeurs.

geschrieben am 24. Mai 2010 in Autoren-Blogs

laufen atmen schweigen

Schon immer bin ich ein ausdauernder Spaziergänger gewesen. Wo ich mich auch aufhalte, gehe ich spazieren. Wobei mein Spazierengehen oftmals eher einem Laufen gleicht. So spaziere ich also durch die Prager Straßen und Gassen wie ein untrainierter aber immer noch ehrgeiziger Langstreckenläufer. Jedoch wird mein Lauf immer wieder unterbrochen – von Menschen, die mich anreden. Ich werde nach dem Weg gefragt, nach Kleingeld zum Telefonieren, nach Zigaretten und anderen Drogen, nach der Uhrzeit etc. Das Verwunderliche ist: Niemand sonst wird jemals auf der Straße von fremden Menschen angesprochen. Zumindest nicht, wenn ich in unmittelbarer Nähe bin. Außerdem werde ich fast ausnahmslos auf Tschechisch adressiert. Das ehrt mich natürlich einerseits. Andererseits verwirrt es mich nur umso mehr, nicht nur, weil ich leider so gut wie gar kein Tschechisch verstehe (was sich ändern muss), sondern auch, weil ich mich frage, warum man mich offensichtlich als Tschechen, wenn nicht sogar als Prager identifiziert. Es tut mir immer ein bisschen leid, wenn ich die Leute dann enttäuschen und mich als den zu erkennen geben muss, der ich bin. Kein Einheimischer, sondern Sachse mit mangelnden Sprachkenntnissen. Wenn es sich um Touristen handelt, die mit der Karte wedelnd nach dem Weg fragen, kann ich ruhigen Gewissens auf Englisch eine Route anweisen, von der ich selber kaum ahne, wohin sie führen wird. Leider klappt das nicht immer. Die etwas navigationskundigeren Reisenden lassen sich nur mit Mühe in die Irre schicken. Der Rausch der vielen Worte ist oft müßig und Schweigen die bessere Alternative; weil im Schweigen vermutlich ein tieferes Verstehen liegt. Als ich kürzlich über die most Legií, die mir sehr viel lieber ist als die Karlsbrücke mit ihren wuchtigen Assoziationsketten, in Richtung Kleinseite ging, blockierte ein Lieferwagen den Bürgersteig. Nur ein schmaler Durchlass blieb zwischen Automobil und Brückengeländer offen. Unter mir, auf der Střelecký Insel, blühten die Kastanien in einem etwas matten weiß, und vor mir zwängte sich eine Frau samt Kinderwagen durch die Lücke. Erst wollte ich ihr zu Hilfe eilen, doch in ihrem Blick erkannte ich deutlich den Willen zur Selbstbestimmung. Ich ließ sie in Ruhe und sah zu, wie sie mit den scharfkantigen Teilen des Kinderwagengestells den Lack von der Tür des Lieferwagens scheuerte. So geht es also auch, dachte ich, und warf ihr, die mit versteinerter Miene an mir vorüber ging, meine gleichermaßen versteinerte Miene zurück. Für einen kurzen Moment fühlte ich mich nun tatsächlich wie ein Einheimischer. Der ehrgeizige Langstreckenläufer in mir nahm seinen Hut. Ich atmete leichter und mit leichteren Schritten setzte ich meinen Weg fort, den Hungerwall entlang und den Hügel hinauf zum Rosengarten.

geschrieben am 12. Mai 2010 in Autoren-Blogs
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