Ist es noch zu früh für einen Abschieds-Blog-Eintrag? Wahrscheinlich. Es könnte ja noch alles mögliche passieren, immerhin bin ich in Prag.
Trotzdem bin ich schon länger dabei, bei jeder meiner Wanderungen durch die Stadt eine Liste von den Dingen zu machen, dich ich vermutlich vermissen werde.
Die vielen Blumenläden zum Beispiel, die sich offenbar halten können, obwohl ich niemanden mit Blumen gesehen habe.
Den Jingle von „Oldies Radio“ beim Frühstück.
Die Damen vom Literaturhaus, die überhaupt nicht alt und distinguiert sind, wie ich anfangs vermutet hatte, sondern in der Tat „traumschön“, wie Stefan Beuse so treffend schrieb.
Die Ausblicke über die Stadt von meiner Seite der Moldau aus. Wahrscheinlich ist das die Küstenbewohnerin in mir, die solche Überblicke braucht. Tatsächlich habe ich mich in diesen Momenten oft gefragt, wieso ich IN die Stadt gehen soll, wo ich doch auch einfach drüber gucken könnte.
Die kurzen Ampelphasen für Fußgänger, die mich längst nicht mehr überraschen (ich passe mich dem Tempo der Eingeweihten an).
Die Buchstaben auf dem Bürgersteig vor einer Kneipe, in Größe und Farbe von Straßenbemalung: PIVO.
Die Ansagen in der Metro.
Die seltsamen Worte, auf die ich lange starre, bevor ich begreife, dass ich sie eigentlich kenne: Filozofie, Sendviče.
Die Gassen der Kleinseite, wenn im Vorbeigehen aus dem offenen Fenster des Konservatoriums auf einmal Klaviermusik zu hören ist.
Den Geruch nach Pferdepisse auf dem Altstädter Ring.
Den Hradschin am Abend, wenn die Gebäude märchenhaft beleuchtet sind und die letzten Touristen sich im Flüsterton unterhalten.
Die Verheißungen der tschechischen Gastronomie: „Old Czech Cuisine: Grilled beef navel“ (gegrillter Rindernabel?).
Die vernünftigen Verbots- bzw. Gebotsschilder. Denn NATÜRLICH gehört es verboten, einen Einkaufsladen mit einer Waffe zu betreten.

"Steckbrief": Mareike Kruegel
- Website: http://www.mareikekruegel.de
- Profil: Mareike Krügel, 1977 in Kiel geboren, studierte am Deutschen Literaturinstitut in Leipzig. 2003 erschien ihr erster Roman DIE WITWE, DER LEHRER, DAS MEER. Sie lebt in Schleswig. Mareike Krügel erhielt zahlreiche Stipendien, zuletzt war sie als Stipendiatin des HALMA-Netzwerks in Polen und Wales. Für den Roman DIE TOCHTER MEINES VATERS wurde sie 2003 mit dem Förderpreis der Stadt Hamburg ausgezeichnet. 2006 erhielt sie den Friedrich-Hebbel-Preis. Ihr dritter Roman BLEIB WO DU BIST erschien 2010 im Verlag Schöffling & Co.
Beiträge von Mareike Kruegel:
Prag-Liste
Aus den Wolken kommt das Glück
Gestern Abend wollte ich zu einer Lesung ins Goethe-Institut. Ich hatte mir die Adresse aufgeschrieben, mit Hausnummer. Ich lief die Straße an der Moldau entlang und hielt Ausschau nach einer kleinen blanken Plakette neben einem der Eingänge, auf der „Goethe-Insitut Prag“ stand. Und dann das.
Was für ein Gebäude. Und dann auch noch mit einem Adler oben drauf. Die Schrift in Stein über dem Portal, drinnen Teppiche, ein Fahrstuhl, Gänge, Wegweiser, ich dachte, ich wäre in einem Theater gelandet. Als ich den Raum fand, in dem die Lesung stattfinden sollte, hielt ich mein Portemonnaie bereit, aber als ich nach dem Ticketverkauf fragte, wurde ich beinahe ausgelacht. Sie hätten davon gehört, dass es in Deutschland üblich sei, für Lesungen Eintritt zu nehmen, aber hier sei das anders.
Eine zweisprachige Lesung, in der eine emsige Simultanübersetzerin via Kopfhörer in mein linkes Ohr wisperte, so etwas ist für mich eine eher skurrile Erfahrung.
Auf dem Gang fand ich alte Filmplakate: Heinz Rühmann, Der blaue Engel, Amphitrion – Aus den Wolken kommt das Glück. Seit ich von zu Hause ausgezogen bin, habe ich diese Art von Film nicht mehr gesehen. Überhaupt kommt es mir so vor, als könnte ich ausgerechnet hier in Prag an Zeiten anknüpfen, die ich für unweigerlich vergangen gehalten hatte.
Noch immer sind viele Touristen in der Innenstadt. Aber es ist auffällig, wie höflich sie miteinander umgehen. Wenn jemand fotografiert, bleiben die anderen stehen oder machen einen Bogen, um nicht im Weg zu sein. Vielleicht ist einfach genug Prag für alle da, so dass sie großzügig sein können. Oder vielleicht stimmt einen die Schönheit der Umgebung irgendwie milde.
Seit ich nicht mehr mit einem Kind unterwegs bin, das nur etwas größer ist als einen Meter, schaue ich viel nach oben und entdecke die lustigsten Figuren, Hauszeichen und Fassadenverzierungen. Mehr als einmal bin ich fast auf die Schnauze geflogen, weil ich nicht auf den Boden vor mir geguckt habe und irgendwo mit dem Fuß hängengeblieben bin. Irgendwann liege ich sicher tatsächlich mal lang. Wahrscheinlich gibt das dann Prag-typische Touristenverletzungen, die man hier in den Notaufnahmen zur Genüge kennt.
Zwei Fremde im Zug
Gestern habe ich zum dritten Mal die lange Zugfahrt zwischen Prag und Kiel gemacht. Das schöne Elbsandsteingebirge habe ich diesmal allerdings verpasst, weil ich in eine Unterhaltung verwickelt war und nicht aus dem Fenster sehen konnte. Das war die erste Zugbekanntschaft seit Jahren. Ich bin fest überzeugt, dass Zugbekanntschaften vom Aussterben bedroht sind aufgrund des exzessiven Einsatzes von Großraumwagen. Nur in einem Abteil mit geschlossener Tür bin ich bereit, meine Lebensgeschichte auszubreiten.
Wie viele klassische Zugszenen werden mit den Abteilwagen aus der Literatur verschwinden …
Dabei bin ich endlich in dem Alter, in dem ich für gute Unterhaltungen im Zug überhaupt offen bin. Früher habe ich jeden Mann, der sich zu mir ins leere Abteil setzte, mit Misstrauen betrachtet, habe mich hinter meinem Buch verschanzt und ihm die schlechtesten Absichten unterstellt. Inzwischen verdächtige ich niemanden mehr irgendwelcher Hintergedanken, wenn er sich zu mir setzt, sondern nehme einfach an, dass er den erstbesten freien Platz nimmt, den er findet.
Zwischen Dresden und Prag habe ich mir gestern eine dieser unglaublichen Wende-Biografien erzählen lassen, die zutage treten, wenn man mal nachbohrt. Mit dem Gefühl, einfach noch überhaupt nichts in meinem Leben erlebt und geschafft zu haben, kam ich im Dunkeln in Prag an.
Mein Rat an alle, die wissen wollen, wo man in Prag echte Prager trifft: Nach 20 Uhr in der Metro. Der Prozentsatz der Touristen sinkt drastisch um diese Zeit.
Das Prag der Literaten
Gefunden an einer Treppe zum Petřín, direkt gegenüber vom Restaurant Pinocchio. Ich habe mich angesprochen gefühlt, immerhin.
Nichts gegen Plastiktüten
Im Königsgarten, durch den mich mein Weg fast täglich führt, war heute ein verliebtes Paar zu besichtigen. Selbst meinem Sohn fiel auf, dass da länger als üblich geküsst wurde. Es muss schön sein, in Prag verliebt zu sein. Vor allem an einem Tag im Oktober, der so makellos ist.
Ich habe ein Buch gekauft. Es wurde im Buchladen in Papier verpackt, richtig mit Tesafilm (so wie ich es selber oft gemacht habe, als ich zur Weihnachtszeit in einem Buchladen gejobbt habe). Ich habe es nicht in meine Tasche gesteckt, sondern es in der Hand getragen, und dann, in der U-Bahn, habe ich es ausgepackt wie ein Geburtstagsgeschenk. Ein feierliches Gefühl. Nichts gegen Plastiktüten, aber wer hätte gedacht, wie viel glücklicher so ein bisschen Papier einen Konsumenten machen kann.
Dazu dann auch noch eine Besichtigung der Bibliothek im Kloster Strahov. Von allen Dingen, die ich hier unternehmen wollte, was das das einzige, auf das ich bestanden hätte. Und tatsächlich – diese zwei Räume, die man nicht betreten durfte, vor denen man warten musste, bis man an der Reihe war, um einen Blick hineinzuwerfen, haben mich wirklich beeindruckt. Dazu ein paar Vitrinen voller seltsamer Präparate, einige davon kaum zu identifizieren, Kanonenkugeln neben dem Zahn eines Narwals, Vogelnester, und immer wieder Bücher, handgeschrieben.
Wenn man danach über die Dächer der Kleinseite schaut, auf die die Sonne herabscheint, weiß man nicht, was an Prag auszusetzen sein sollte.
Šnuptychl
Endlich habe ich die lachenden Hexen entdeckt. Mein Sohn fand sie toll, immerhin.
Auf dem Weg durch die Altstadt habe ich mich gefragt, wann eigentlich die Fotos in meinem Merian-Heft aufgenommen wurden – es sind so wenig Menschen darauf zu sehen. Mein Mann meint, vermutlich ganz früh morgens.
Ich hoffe natürlich, dass die herbstliche Kälte, die hier in den letzten Tagen Einzug gehalten hat, auch ihren Beitrag zur Touristenvertreibung leisten wird. Allerdings haben wir hier die Spielplätze, aufgelassenen Grundstücke, winzigen Grünanlagen, die mein Sohn überall entdeckt, ohnehin für uns alleine. Da kann ich die Altstadt gerne teilen.
Leider hat mich eine dicke Erkältung erwischt; sie wird mir allerdings versüßt durch die Tatsache, dass ich auf einer Liste von tschechischen Lehnwörtern das Wort „Šnuptychl“ gelesen habe. Wann immer ich ein Taschentuch heraushole, freue ich mich heimlich, ein so schönes Wort dafür gefunden zu haben.
Vor dem Kafka-Museum steht eine Brunnenskulptur: Zwei nackte Männer pinkeln ins Wasser, wobei sie ihre beweglichen Becken unablässig hin- und herdrehen. Nachdem einige japanische Touristen sich daneben gestern hatten fotografieren lassen, kam ein Obdachloser und füllte seine Wasserflasche am Brunnen, indem er sie einem der Männer unter den Schwanz hielt.
Ob die Toilette im Kafka-Museum Teil der Ausstellung ist oder, bleibt ungewiss. Wenn man dort hineinkommt, erwartet einen zunächst eine dunkle Abstellkammer. Die Toilettenkabine ist beleuchtet und wird mit einer schweren Schiebetür geschlossen, die sich nur wenige Zentimeter bewegen lässt. Man fühlt sich beobachtet und irgendwie machtlos. Dass aus dem Seifenspender eine Überraschungsseife kommt, ist allerdings wohl einfach nur landestypisch. Ich habe noch keinen einzigen Seifenspender gefunden, in dem die Seifensorte enthalten war, die außen draufstand.
“Starbucks”, sagte sie auf Tschechisch
In der Kafka-Straße (benannt nach Bohumil Kafka, nicht nach Franz) stieß ich heute auf ein besonders hübsches Stück sozialistischer Kunst:
Weil es in unserer Unterkunft zur Zeit kein Internet gibt, gehe ich zum Bloggen zu Starbucks. Das ist etwas, das ich mir mein Leben lang schon vorgenommen habe: Mit dem Laptop zu Starbucks, konzentriert auf den eigenen Bildschirm dort herumsitzen, während um einen herum die Menschen wie im Zeitraffer herein- und hinausströmen, Kaffee holen, aufstehen, sich hinsetzen. Natürlich ist es letztlich halb so lustig, wenn man es ausprobiert. Das Gute an Starbucks in Prag ist allerdings, dass mein Gehirn sich weigert, sich mit Zahlen im Hunderterbereich überhaupt auseinanderzusetzen, und ich auf diese Weise nicht merke, wie teuer der Milchkaffee ist. Laut Reiseführer hat ein Rentner hier in Tschechien oft monatlich nur ca. 95 Euro zur Verfügung.
Gestern Abend habe ich den Film „Die unerträgliche Leichtigkeit des Seins“ gesehen. Da fast alle Hauptdarsteller Amerikaner sind - bis auf Juliette Binoche, die ist Französin -, hat man sie Englisch mit tschechischem Akzent sprechen lassen. Das Problem der Fremdsprache verfolge ich schon länger mit Interesse in der Literatur; im Zuge der Globalisierung, die auch in der deutschen Gegenwartsliteratur Einzug hält, stellt es sich immer öfter. Eine elegante Lösung scheint es nicht zu geben (obwohl häufig der kleine Hinweise „sagte er auf Tschechisch“ bereits ausreicht).
Und wieder einmal verwenden in diesem amerikanischen Film die Leute amerikanische Bettwäsche. Das ist fast immer so bei Hollywood-Produktionen. Wann verrät denen einmal jemand, dass man eigentlich in ganz Europa die Bettdecken mit Bettwäsche bezieht und nicht unter weißen Laken mit Überwürfen schläft? Andererseits – was weiß ich schon von europäischen Bettwäsche-Gepflogenheiten?
Sechsunddreißig Stunden Prag
Erste Eindrücke von Prag sind reichlich gesammelt. Meine Füße tun weh und meine Beine sind müde. Ich nehme an, das ist normal. Lachende Hexen habe ich noch nicht gesehen, dafür einige Massagesalons - es lohnt sich, die Blogs der Vorgängerstipendiaten zu lesen, wenn man sich vorbereiten möchte.
Hier eine kleine Auswahl der Eindrücke aus sechsunddreißig Stunden Prag:
Im Zug sitzt mir ein Mädchen gegenüber, das ein Buch liest: „Mary Poppinsová“ von P.L. Traversová. Wer wird mich verstehen in einem Land, in dem Autoren und Buchtitel kaum Wiedererkennungswert haben?
Aber ein Rätsel meiner Kindheit ist gelöst. Endlich habe ich begriffen, wieso der kleine Maulwurf „Ahoi“ sagt. Es ist nicht, weil er früher zur See gefahren ist, sondern weil er Tscheche ist und einfach nur „Hallo“ sagt.
Auch weiß ich jetzt, wie der Satz weiterging, den Genscher vom Balkon der deutschen Botschaft aus sagte. „Wir sind zu Ihnen gekommen, um Ihnen mitzuteilen, dass heute Ihre Ausreise … möglich geworden ist.“
Am Balkon der deutschen Botschaft gibt es inzwischen eine Tafel, auf der der genaue Wortlaut steht. Der letzte Teil des Satzes ging im Jubel der Menschen unter. Anlässlich der Feier zum Tag der Deutschen Einheit stand ich gestern auf dem Balkon und ließ mich von der Geschichte anwehen, während über der Landschaft der Mond stand und im Garten des Gebäudes ein riesiges Skoda-Zeichen leuchtete.
Nach zwei Wanderungen mit dem Stadtplan in der Hand bin ich bereits zur Expertin geworden und beschreibe gerne jedem Touristen den Weg zur Burg oder zur Karlsbrücke. Und wenn dann ein älteres polnisches Ehepaar nachts in Tschechien eine Deutsche auf Englisch nach dem Weg fragt, dann stellt sich ein kleines, warmes Europagefühl ein. Bei mir jedenfalls.
Außerdem habe ich alles gemacht, was man als Tourist machen soll: Ich bin eine Station in der Straßenbahn schwarz gefahren und habe Blut und Wasser geschwitzt dabei. Ich habe ein Taxi genommen und für eine kurze Fahrt die Hälfte des Geldes bezahlt, das ich am Bahnhof umgetauscht hatte, ohne auf den Wechselkurs zu achten. Ich habe meine Handtasche mit dem Reisverschluss an meinem Körper getragen, meinen Sohn beim Überqueren der Straßen fest an der Hand gehalten, meine tschechischen Vokabeln an lebenden Menschen ausprobiert, die allesamt verständnislos geschaut haben, und auf alle anderen Touristen geschimpft, zuversichtlich, dass ich mich spätestens in einigen Wochen ganz und gar von ihnen unterscheiden werde, dann nämlich, wenn das Stipendium zu Ende ist und ich ein richtiger Prag-Kenner geworden bin.


