"Steckbrief": Robert Prosser
- Website: http://www.robertprosser.at
- Profil: Robert Prosser, *1983 im Tiroler Alpmassiv, Komparatistik- und Anthropologiestudium in Innsbruck und Wien, Graffitivergangenheit, längere Aufenthalte in Asien und in der arabischen Welt. Im Textvortrag performanceorientiert, Mitveranstalter der Innsbrucker Lesebühne "Text ohne Reiter", musikalische Arbeit im Bereich Experimentalhiphop.
Veröffentlichungen: Strom - Ausufernde Proas (Klever 2009), Feuerwerk (Klever 2011), sowie in Zeitschriften, Anthologien, im Rundfunk und www. Einige Auszeichnungen, ua: Literaturpreis Floriana 2010, Österreichisches Staatsstipendium für Literatur 2010/2011, Aufenthaltsstipendium Schloß Wiepersdorf 2010, Autorenprämie 2009.
Nähere Infos: www.robertprosser.at
Beiträge von Robert Prosser:
Was schreibe ich zum Blogfinale als Abschluss des Prager Aufenthalts? Ich kann noch nachholen, die Teyn-Kirche zu empfehlen, vis-a-versa des Uhrenspiels am Altstädterring, zum einem, weil es ein schönes Beispiel mancher dem Tourismus geschuldeten Absurditäten ist, lässt sich der Eingang des massiven Baus doch nur zwischen Restaurants und Souvenirshops, am Ende eines Durchgangs versteckt, erreichen, zum andern, weil der Holzaltar auf der rechten Seite ungemein kunstfertig bis ins kleinste Detail dreidimensional herausgearbeitet wurde und die polierte Schnitzperfektion sogar mit einem Blutschwall aus dem Hals eines gerade geköpften Märtyrers aufwartet. Meinem Abschied möchte ich aber einen jener alten Männer widmen, die versoffen am Busbahnhof Florenc in den Tag gammeln, in der Mittagshitze oder während der Abendgewitter auf Bänken und Bordsteinen schlafen, erwacht im Dämmerzustand mit aufgedunsen roten Gesichtern Schnapsflaschen kreisen lassen und manchmal in Camouflagemontur als Karikatur eines Parkrangers oder Guerillakämpfers unbewaffnet, aber samt gewichster Stiefel in adretter Soldatenkluft durch die Straßen taumelnd gradewegs ins Buschwerk hoch zum Metronom und dem dort oben gelegenen Biergarten zielen.
Vor drei Wochen kam ich in Richtung Letna am andren Ende der Stefanikuv-Brücke, dort, wo der Tunnel und die Wege hinauf zu Grünflächen und Regierungssitz beginnen, mit einem etwa 50jährigen Obdachlosen ins Gespräch. Ursprünglich aus Litauen sitzt dieser nun seit einiger Zeit in Prag fest, da ihm seine Papiere, wie er mit versicherte, während „Geschäften mit Zigeunern“ gestohlen worden waren, und er erzählte von seiner Vergangenheit, der jahrelangen Arbeit in Hessen, wie auch vom nunmehrigen Leben in Tschechien. Seine Art und der Umstand, dass ihm der Daumen der rechten Hand fehlte, ließ mich für längere Zeit nicht los, ständig dachte ich daran, ob ich das Gespräch nicht noch ausdehnen oder mich zumindest herzlicher verabschieden hätte sollen, denn Alter, Erscheinung und vor allem die Verletzung treffen auch auf den Hauptcharakter jenes Textes zu, an dem ich gerade schreibe. Wie wir uns trennten, bat mich der gestrandete, versoffene Litauer, ihm in nächster Zeit ein Buch von mir vorbei zu bringen, er wäre jeden Tag irgendwo zwischen Turm und Park nahe der Brücke. Ich habe seither einige Male versucht, ihn wieder zu sehen und es waren oft die gleichen Gesichter, die im Park auf der Wiese oder im Schatten einer großen Eiche mit verquollenen Augen in ihren Albert-Plastiktaschen wühlten, sich um ein paar Kronen stritten oder versonnen im Anblick gemächlichen Moldaufließens ihre eigne Leere am Flaschengrund entdeckten, meine Bekanntschaft allerdings war nicht mehr aufzufinden. Zwar hatte ich bei jeder Suche ein seltsam mulmiges Gefühl, als würde die Ähnlichkeit zu offensichtlich sein und als würde die Annäherung zur Romanfigur ein Sakrileg bedeuten, aber ich hätte ihm gern ein Buch und nicht nur ein paar Münzen gegeben, als eine Art von Respekt, die ich meiner entstehenden Geschichte schuldig bin. Vielleicht hat er einen neuen Park und andre Saufkumpanen oder sogar einen Weg nach Litauen gefunden, ich möchte daher diesen Blog damit abschließen, dass ich mir einerseits die sinnlose Suche nach ihm eingestehe und andrerseits erleichtert bin, ihm nicht nochmals begegnet zu sein und er wird es zwar nicht lesen, wie er auch mit dem Buch vermutlich nicht viel hätte anfangen können, aber trotzdem: Na zdravi und alles Gute.
geschrieben am 30. Juli 2011 in
Allgemeines
Nun enter ich also die letzte Woche des einmonatigen Prager Aufenthaltes, und da die Zeit hier mit dem Buch „Nicht bei Trost“ von Franz Dodel begann (übrigens, der Titel ist für vier Wochen in einer Dachgeschoßwohnung, die sich mehr oder minder mit Text füllt, sei es in Form abgetippter Seiten oder ideeller Kopfgespinsten, nicht unpassend, wie ich mir manchmal denke, gerate ich plötzlich wieder ins Stadttreiben), das daher, wenn ich in Zukunft danach greifen und die Seiten zwischen den Fingern haben werde, sogleich auch die Momente in Prag mitentblättern wird, möchte ich, um gegenwärtige Schreib- und Wohnsituationen zu veranschaulichen, die Verse 06104 bis 06128 zitieren:
alles beschwört mich: bleibe / zu Hause warnt mich / vor den unbeleuchteten / samtenen Rücken / gezogener Vorhänge / den aufgewölbten / steilen Halden aus Geröll / scharfkantig durchsetzt / mit blaugespaltenem Eis/ ich warte Warten / stanzt Eile aus der Zeit aus / dem langen dünnen / Schatten der mich umkreist mit / der Gewalt einer / Inschrift: ich bin die Stange / und das Tuch im Wind / (wobei ich und bin nichts sind / als leere Stellen / die notdürftig markieren / wo ich vorkommen / könnte im eigenen Text) / still halten damit / die Dauer sich verwundert / und sich Wörter bloß / scheuern an mir klimatisch
Im Silbentakt 5-7-5-7 spricht es hier von der Lust, seit letzten Donnerstag in der selbstgesponnenen Welt zu verbleiben, noch am Abend zuvor fand die offizielle Stipendiatenlesung statt, nämlich im ärgsten Wolkenbruch des Juli 2011 auf einem der kleinen, wendigen Moldauboote, die gekonnt über den Fluss brettern. Während der Regen nichtendendwollend fiel, erzählte ich zur Kreuzfahrtsuntermalung von Recherchereisen und trug ein paar Texte vor, bis die seit zwei Nächten andauernde Tour durch die Prager Club- und Kneipenkultur in ihrer dritten Fortsetzung mündete, erneut unter der charmanten Leitung meines verehrten Kollegen, des Wachauer Wein- und Volkstumspezialisten Wolfgang Kühn, dessen Findigkeit als Prag-Guide darin ihren Schluß- und Höhepunkt fand, dass wir uns zum Frühstück nicht ohne Schunkelbewegung als Alternative zu Karel Gott Hansi Hinterseers Geträller von wegen „Schöne Tiroler Berge“ anhörten.
Mit der schreibend stillen Intensität stehe ich mir allerdings in Bezug aufs Bloggen selbst im Weg, ich befasse mich zugegebenermaßen zum ersten Mal mit dem Schlagwort des Web 2.0, das, wie ich verschiedenen Medien zu entnehmen glaube, auch schon wieder passé bzw. in Krisenstimmung ums Überleben kämpft, und wunder mich deshalb oft über die unterschiedliche Herangehensweisen, die das eigne angelebte Schreiben und das vom Zeitdiktat bestimmte Pflegen eines Blogs erfordern, der als hingefetzter Beobachtungsspeicher (unverdient) belanglos erscheint, auch, weil ich mir einige der Prager Erlebnisse und Geschichten bewahren möchte, für kommende Texte oder als Erinnerungen, höchstprivat. Andrerseits eröffnet das Bloggen neue Möglichkeiten, verlangt nämlich ein genaues Achten auf Prager Alltäglichkeiten und die sofortige Beschäftigung mit Eindrücken, die durch den Formatfilter gebündelt und geordnet werden, ich möchte daher auch die Divoká Šárka, vorbei an Bürogebäuden und Hotelkomplexen an der Endstation der Straßenbahn 26 gelegen, zitieren, auf die hochgewachsenen Disteln und deren violette Blüten, worin sich Hummeln / unsäglich langsam und von / nichts zu stören auf / Pollenjagd suchend tummeln (ein Kindervers im Dodeltakt!) hinweisen, hindeuten auf die Signalfarbe der Vogelbeeren. In unmittelbarer Nähe zur Stadt liegt das Naturschutzgebiet samt Bach am Talgrund, umgeben von Hochhäusern und Verkehrstraßen, sowie einer McDonalds-Filiale, die nach Ende der Wanderung auffällig viele der Waldflaneure betreten und ähnlich gefühlsversetzt ins Prager Alltagsleben platziert zeigt sich die Cyrill-und-Method Kirche nahe des Karlovo Namesti, die im Vorraum zur Krypta mit einem winzigen Museum über den tschechischen Widerstand gegen den Nationalsozialismus aufwartet. Von hier gelangt man in die eigentliche Totenkammer, in der sich als allerletzten Fluchtort die Attentäter Reinhard Heydrichs in die Sargöffnungen der Kirchenmauer kauerten, sich Pistolen an die Schläfen setzten oder Giftampullen zerbissen, kurz bevor die SS die Treppen runterkommen und das von der Straße eingeleitete Tränengas wirken konnte.
geschrieben am 27. Juli 2011 in
Allgemeines
Das phantasievolle Engagement der Prager Unternehmer, das bereits in Form der Absinth- und Kaffeeverkäufer augenscheinlich wurde (siehe Blogeintrag zur Reibungselektrisiermaschine) findet seine logische Fortsetzung im Artwork einiger Clubs. So besteht das Interieur des Cross Clubs unweit der Metro Station Nadrazi Holosevice aus unzähligen sich drehenden, rotblau durchs Punk- oder Tekknobassgedröhne blinkenden Zahnrädern, Bügeleisenplatten und sonstigen Stahlkonstrukten, die unentwegt angekurbelt dem gesamten Komplex trügerische Lebendigkeit einflößen. Die an den Decken des Kellergewölbes wie im Vorgarten und an den Wänden montierte, bedrohlich ausgewachsene Technikfreakshow lässt direkt der Matrixtrilogie entsprungen mit bewundernden Blicken staunend durch die Räume taumeln, während das vom Dach bis zum Grundwasserspiegel reichende Labyrinth mit genug Gängen, Bars und Bühnen ausgestattet ist, um zumindest kurzfristig im Innern dieser vollautomatischen Clubmaschinerie verloren zu gehen, und von emigrierten Amerikanern bevölkert wird, die sich hier noch den letzten Schuss des legendären Boheme-Lifestyles besorgen, aber bereits von Berlin oder Barcelona als den absolut heißesten Tipp für freischaffende Lebenskünstler schwärmen. Ein unverschämt-verschmitztes tschechisches Understatement ist dagegen eine Bar nahe der Karlsbrücke, deren Namen ich zwar vergessen habe, die aber übersetzt in etwa „Zum Nilpferd“ heißt. Darin gibt’s alteingesessenes Mobiliar samt Wirt und Kellnerin, die definitiv zu den Sonnenscheinchen ihrer Zunft gehören, sowie hölzerne Nilpferde in allen möglichen Formen und Größen. Diese Kneipe liegt in einer Seitengasse versteckt genug, um von den unweit zur Burg hochschnaufenden Touristen nicht entdeckt zu werden, Feierabendbiere trinkende Tschechen haben sich hier inmitten der Holzhippos ein Freigehege bewahrt. Nicht minder extravagant ist das Dekor des Chapeau Rouge, auch wenn dieses im Altstadtzentrum den Sommerferien feiernden, für Mallorca oder Ibiza vermutlich noch zu jungen Partygören aus Westeuropa als Ansaufstelle und Sangriatrog dient. In den Auslagen und auf den Regalen des bordellfarbigen Lokals stapeln sich Totenköpfe, Hirne, Särge und einiges an pathologischem Instrumentarium, der beste Cocktail Prags (BEcherovkaTONic) wird aber standart-strandmäßig mit Sonnenschirmchen serviert.
Im Keller des Chapeaus Rouge wiederum hatte ich letzten Montag einen der schrägsten Auftritte seit langem. Über Mailkontakt wurde ich eingeladen beim Freestyle Monday – einer regelmäßigen, dem HipHop verpflichteten Show – mitzumachen und war, da ich nicht rausfinden konnte, was mich erwarten wird, schon sehr gespannt darauf. Letztlich geriet ich in eine wahnsinnig mitreißende Show Prager Rapper, die mindestens zu sechst plus Liveband im Freistil einiges Können bewiesen. Die Texte konnte ich zwar nicht verstehen, allerdings war nie von Motherfucker oder BlingBling die Rede, die Freestyles dürften also nicht nur reimtechnisch sondern auch textlich einiges geboten haben und pushten den rappelvoll gefüllten Club zu Jubelschreien. Es wurde ordentlich Party gemacht, das Publikum tobte und schrie, tanzte und soff, speiste sich größtenteils aus Pub-Crawl-Touren (also ca. jeweils 50 Jugendlichen, die ein Saufgelage durch die Prager Clubszene buchen und innerhalb vierer Stunden von einem Animateur, der Gratiswodka in die durstigen Mäuler schüttet, angespornt zehn Lokale abklappern) die bei der zweiten Band des Abends, einer SkaRap-Band aus Mexiko, endgültig alle Hemmungen und Gläser fallen ließen. Springender Punkt, bzw. der Fehler in der Partygleichung war allerdings, dass zwischen diesen beiden Acts ich dran war, die Veranstalterin war zuversichtlich und stellte mich einer schwitzenden, grölenden Meute gegenüber, die gerade vom Freestyle angeheizt aufs nächste Lied zum Tanzen wartete. It`s a bloody job, but somebody gotta do it. Dacht ich mir und posaunte in die Runde: Come on Pub Crawlers! You like Spoken Word? Who likes Spoken Word? Gimme some hell-yeah! In den hinteren Reihen jubelten sogar ein paar Touris, ich legte also los und performte zwei Texte, während denen sich die Augen des Publikums weiteten, alle wie festgefroren und mundoffen zu verstehen versuchten, was dieser Typ in welcher Sprache da gerade auf der Bühne abzieht und wo denn die ganze Partymucke hinverschwunden ist. Es muss allerdings gerade schräg genug gewesen sein, immerhin geizten die tschechischen HipHopper nicht mit Schulterklopfern und Bieren, ein dunkelhäutiger, an beiden Unterarmen tätowierter Amerikaner mit Baseballcap und Goldkette gratulierte mir zum Auftritt, umarmte mich und gab mir noch mit auf den Weg, dass ich unbedingt weiterhin freestylen solle, besäße ich doch definitiv Potential dafür. Auch nicht schlecht.
geschrieben am 22. Juli 2011 in
Allgemeines
Vorweg eine Momentbetrachtung: Die Reibungsfläche, die sich aus den Stadtlauten und dem im Wohnungsinneren vorsichgehenden Denken und Schreiben ergibt, lässt vor allem nachts aufhorchen; einerseits Tastaturgeräusche und gelegentlich laut gesprochene Textpassagen, während andrerseits von Draußen das Johlen der Betrunkenen, Feuerwerksexplosionen und die Musik eines Openair-Konzertes durch die offenen Fenster dringen. Beinah in jeder zweiter dieser Nächte werden sämtliche dieser Geräusche von Unwettern vereinnahmt, der Raum füllt sich mit Regenklang und Blitzleuchten, das manchmal von der Ofenoberfläche in weißblauem Licht gespiegelt wird. Und noch eine weitere Beobachtung, in die ich vorhin gestolpert bin: Die Show der Hare Krishna-Anhänger auf dem Platz vor der Teyn-Kirche, mitten im Touristenherd Prags, war wirklich ganz große Klasse. Es findet dort nämlich gerade ein Fest statt, um die Vielfalt der Vedischen Kultur vorzustellen, mit Essenständen, Buchverkauf etc. und als Highlight gab`s heut Abend ein Konzert, und was die (bis auf die beiden Tontechniker und eine Tänzerin allesamt definitiv nicht aus Indien stammenden) JüngerInnen der Krishna-Religion mit ihren charakteristischen Frisuren und orangen Roben boten, war tatsächlich ein Musterbeispiel an Effizienz. Aus ein paar Trommeln, Tambourinen und einem größtenteils nur aus „Hare Hare Krishna Krishna!“ bestehenden Text derart viel Rhythmus rauszuholen ist – frei von allem Sarkasmus, stattdessen bewundernd und ehrlich gemeint - eine reife Leistung. Interessant auch zu beobachten, wie ein enthemmter Krishnahaufen vor der kleinen Bühne wildgeworden tanzte, mitsang, Kreisel drehte und umsonst versuchte, die ungläubig starrenden, auf Holzbänken platziert Bier süffelnden Rentnern und Familien zum Mittanzen zu animieren.
Nun aber zum Wesenskern dieses Blogeintrags: Unterwegs (ua auch zum alternativen Kunst- und Performancepalais Meetfactory am südwestlichen Rand und dabei entlang den Bahngleisen und der Autobahn an einigen Ruinen vorbeigekommen, die gelegentlich Schrotthändlern als Abstellplatz dienen, meistens aber nur von Stacheldraht umzäunt dem Verfall preisgegeben werden, höchstens für ein paar wenige Graffitis die Galerie bilden und ich frage mich nicht zum ersten Mal, wo die ganzen Prager Farbpracht hinverschwunden ist, denn es gab Zeiten, da kamen unzählige Österreicher von der Schulwoche in der tschechischen Hauptstadt ob der dortigen Stilvielfalt mit glänzenden Augen zurück, hatten ihr Erweckungserlebnis samt erstem Biervollrausch hinter sich und begannen aufgeregt, selbst zu sprayen) lassen sich in der Josefsstadt, dem vormals jüdischen Viertel, ähnlich wie in Wien am Gehsteig eingelassene Goldplatten entdecken, um den in den jeweiligen Häusern wohnhaft gewesenen Juden zu gedenken, die im 2. Weltkrieg deportiert und ermordet worden waren.
Auf vielen der in den Asphalt eingelassen zur Erinnerung dienenden Platten wird als Zielort der Deportierung Terezin (Theresienstadt) angegeben, und das ist mit ein Grund, weshalb ich mich in dieser Woche dorthin aufmache, vom Nadrazi Holosevice einen Bus in Richtung Dresden nehme und nach gut 50 Minuten an der Haltestelle zwischen Garnisonsstadt und Kleiner Festung aussteige. Erstere diente den Nazis, nachdem die tschechische Bevölkerung umgesiedelt worden war, als Auffanglager, um die Transporte nach Auschwitz oder Treblinka zu koordinieren sowie zur Vortäuschung einer nach Außen hin jüdisch selbstverwalteten Stadt (interessant sind in diesem Zusammenhang die erhaltenen Propagandafilme und andre Illusionen, die auch das Rote Kreuz täuschten. Es gibt etwa im ersten Hof des Gefängnisses einen Waschraum, mit beidseitig aufgereihten Spiegeln und Becken, die allerdings über keine Wasserleitung verfügen, sondern nur gebaut wurden, um den Inspektoren der internationalen Gemeinschaft den eigentlichen Sinn des Ghettos zu verheimlichen.) Die Kleine Festung wiederum war seit Grundsteinlegung Theresienstadts 1780 durch die Habsburger als Gefängnis konzipiert, in welchem unter anderem Princip, der Attentäter von Sarajewo, starb. Im Zweiten Weltkrieg übernahm Gestapo das Gelände, baute aus und sperrte ca. 32000 Juden, tschechische Oppositionelle und Widerstandskämpfer in die Kerker, die sich nach 1945 wiederum mit internierten Deutschen füllten.
So besuche ich also innerhalb der Schutzwälle der Stadtanlage besondere Punkte des Ghettos, das von Informationen überbordende Museum, die Totenhalle samt Kutsche und Särgen, die mit Originalkoffern, Jacken und Alltagsgegenständen vollgepackten Zimmer, worin die verschleppten Menschen jüdischen Glaubens auf Tod, Befreiung oder aber den Weitertransport in eines der Vernichtungslager warteten, betrachte in Dachstühlen gefundene Manuskripte, Zeichnungen und Schulzeitschriften, die von den jüdischen Kindern selbst herausgebracht und redigiert worden waren, lese von Einzelschicksalen und während in den Fensterecken Schwalbennester mit hungrig fiependen Küken kleben, geraten die Zeiten durcheinander: ein Galgen, Orte für Erschießungen, Steinigungen und Massengräber, modrige Einzel- und Gemeinschaftszellen (in einem der Holztische wurde sogar ein Schachbrett eingeritzt) und durch, zwischen und in diesem letzten Zeugenrest von Leid und Verbrechen folgen die Touristen den vom Guide vorgegebenen Pfaden, lachen, fotografieren, unterhalten sich, kaufen eisgekühlte Getränke, und ringsum zirpt der Sommer wie Schwalben in den Zellen aufgestört pfeifend nach draußen fliegen. Auf einer Sandinsel der Eger sitzen einheimische Jugendliche in der Sonne und werfen Steine in den Fluss, einige Meter stromabwärts von jener Stelle, an der zu Kriegsende die Gefangenen den Ascheinhalt von rund 22000 Urnen ins Wasser schütten mussten, um die Spuren der Naziverbrechen zu vertuschen.
Es lässt sich allerdings nicht von der Hand weisen, dass in Theresienstadt, inmitten des früheren Ghettos, nun wieder Familien leben, Pensionisten und Penner (einer davon gibt breitwillig Auskunft über die Busverbindungen, streicht sich dabei über den Bauch und lässt, wie er die Hand ausstreckt und als Gegenleistung Essen, Zigaretten oder Geld haben möchte, die schielenden Augen größer werden), dass es Restaurants gibt und Shops (gegenüber des Kasernenmuseums verfällt ein ähnliches Bauwerk, das Nahrungsdepot aus dem 17. Jahrhundert ist im Innenhof mit Autokarosserien und pflanzlichem Wildwuchs vollgestopft, hinter zerschlagenen Fenstern finden sich mit Gerümpel, geleerten Bierdosen und Schnapsflaschen übersäte Räume, und am Eck direkt gegenüber des Museums gibt es zudem einen Antik-Shop, ein als Flohmarkt vollgeräumter Laden mit CDs, Schallplatten, Akkordeons, Möbeln, Degen, Militärgewändern, Orden und Sturmgewehren samt Bajonettaufsatz), dass also eine Kleinstadt versucht, irgendwie über die Runden zu kommen, aufgrund der Vergangenheit allerdings kaum Möglichkeiten dazu hat. Denn der Großteil der Besucher macht es wie ich: Man kommt mit dem Bus, bleibt ein paar Stunden und haut, ohne viel zu konsumieren, abends mit der letzten Möglichkeit, fortzukommen, auch wieder ab. Denn sehen möchten Theresienstadt viele, länger als nötig bleiben will allerdings niemand. Vielleicht erscheint das Alltagsleben deshalb derart perspektivlos, im Schatten der abwechselnd renovierten und verfallenen Gebäuden sitzen Jugendliche am Straßenrand und betrinken sich, sitzen mit den Alten schweigend im Gasthof übers Bier gebeugt und niemand schert sich um die Flipperautomaten, oder fahren mit einem VW-Golf über die Sandwege des Hauptplatzes zum Stadtbrunnen, um dort ihren Hund schwimmen zu lassen.
geschrieben am 17. Juli 2011 in
Allgemeines
Es ist recht auffällig, dass beinah alle hiesigen Shopbesitzer in absoluter Vollkommenheit von Leib, Seele und Geist ihrer Arbeit als Passion nachgehen: egal ob die Inhaberin der Absinth-Delikatessen (ich weiß nun in gebeugter Demut, dass sich sogar Eis samt Waffeln mithilfe des grünen Goldgetränkes herstellen lassen, jeden Wunsch, den die kleinen, an die Hausfassade gemalten Teufelchen dem Besucher einflüstern, lässt die Frau mir ihrer würdevollen Ausstrahlung im Innern eines verspiegelten, schwarz/grün ausgepolsterten Empyreums der Schnapsdrosseln wahr werden, es genügt ein sehnsüchtiger Blick, und schon erwacht die Van-Gogh’sche Melodramatik – verdammte Nostalgie, verdammt guter Innendekorateur) oder der junge Tscheche, der in einer Seitengasse ein winziges Kämmerchen voller Kaffee-Spezialitäten führt, seiner Kundschaft von den Regalen herunter Gläser mit frischen Bohnen Panama-Carmen sowie anderweitiger koffeinhaltiger Schweinerein afrikanischer, asiatischer oder südamerikanischer Hochlandkulturen auftischt und dabei eine fühlbare Begeisterung für die per Dampf herbeigedrückten Geschmacksexplosionen an den Tag legt. (Dennoch kann davon ausgegangen werden, dass die wirklich harten Sachen, wie grün oder schwarz Schwaden spuckende, vielleicht eisgekühlte, vielleicht brodelnde Gesöffe, die Krähenschwärme nicht nur in Herzkammern oder über Sonnenblumenfelder schicken, sondern noch viel Schrecklichschrägeres bewerkstelligen können, in Hinterzimmern, unter Falltüren verwahrt und nie von hereingeschneiter Zufallskundschaft entdeckt werden.)
Nun aber zu etwas anderem und doch naheliegendem: Hegt ein Mensch dieselbe Leidenschaft fürs Schreiben, ist dem wuseligen Kaffeeverkäufer oder der schweigenden, in vermutlich grünlich schimmernden Welten entrückten Absinthfachfrau nicht unähnlich (wobei die Begierden natürlich nicht in gegenseitiger Verleugnung, bzw. Abstinenz geknebelt existieren müssen) so ist es an sich wiedersinnig, diesem Menschen einen Blog anzuvertrauen – in diesem speziellen Fall also mir. Denn: Von was soll ich im Pragblog schreiben, wenn ich die Zeit mit dem Schreiben eines Buches verbringe? (Das könnte nun aber schon fast als Koan taugen). Nachdem ich zugegebenermaßen die vergangene Samstagnacht dazu nützte, in unbekannte Bezirke vorzustoßen und letztlich in einer als Apres-Ski-Hütte aufgepimpten Kellerbar bei spottbilligem Mojito versumpfte, um dort mit den Dämonen des Tiroler Winterwerbeverbands zu kämpfen, allen voran mit dem unsäglichen DJ Ötzi, der aber wirklich jedem betrunkenen Tschechen die nötigen Sprachkenntnisse zu vermitteln scheint, um lauthals “Ich bin so schön…” mitzusingen, mache ich mich deshalb heute auf ins Literaturmuseum des Strahovská-Klosters. Dazu muss ich mich über die Karlsbrücke drängen, die tagsüber derart voll ist, dass die Touristenhorden fast dem Beispiel des Heiligen Nepomuks folgend über die Brüstung in gemächliche Moldauwogen fallen, da sie entweder von als Matrosen verkleideten Bootstourverkäufern oder wildgewordenen Segwayrasern in die Mangel genommen nur noch diesen einen Ausweg sehen. Zwischen dem alltäglichen Prager Drama kauern einige Straßenmusiker im Schatten der Brücken-Statuen und teilen, gestapelte Münzen vor sich, die Ausbeute des Vormittags, eine besondere Tragik weist aber die junge Opernsängerin auf, die von ihrer Mutter am Keyboard begleitet wird, barfuß in der sengenden Hitze steht und mit geschlossenen Augen Arien schmettert.
Das Museum entpuppt sich als einzelner, mit naturhistorischen Exponaten und jahrhundertealten Büchern bewehrter Gang, der zwar keine sonderliche Länge aufweist, sich aber immerhin am gegenüberliegenden Ende mithilfe Barocker Trickmalerei um einige Meter und Schattenspielchen erweitert und durch Türen Einblicke in die beiden Bibliothekssäle des Klosters bietet, vor allem aber mit faszinierenden Details aufwartet. So finden sich in den Kästen ausgestopfter Tiere inmitten von Hammerhaien, Schildkröten und Tapiren ein kleiner Rochen und ein Wasservogel, denen der Präparator ein eigentümliches Gesicht modelliert hat, mit großen, runden Augen und hämisch lachenden Mündern – vielleicht ein Witz unter Mönchen, wer weiß, warum diese beiden Exponate durchs Glas die Museumsbesucher derart auffallend anstarren. Daneben tragen, in einem Schrank aufgereiht und mit dem Jahre 1825 datiert, sämtliche Titel einer Büchersammlung deutsche Bezeichnungen wie Pappel, Tanne oder Gemeine Weide sowie, als schöne Entdeckung im oberen Regal, Lebensbaum. Die Buchrücken wiederum wurden aus dem jeweiligen speziellen Holz gefertigt, wirken daher je nach Art knorrig, verwachsen, moosüberwuchert oder glatt, schaut man allerdings genauer hin, zeigt sich, dass es gar keine Bücher sind, sondern vielmehr Schatullen in Literaturcamouflage, die sich aufklappen lassen und in sich die Früchte, Samen, Blätter und Äste des jeweiligen Baums verwahren. Noch interessanter wird es, als die alte Frau, die als Wächterin am Ende des Ganges sitzt und fast im 3D-Illusionsgemälde verschwindet, mit einem Mal in ungemein schnellem Deutsch drauflos erzählt.
Einige der so erhaltenen Informationen möchte ich nun kurz auflisten:
„Die Reibungselektrisiermaschine für Experimente mit statischer Elektrizität“, ein aus Wien stammendes Wunderwerk des 17. Jahrhunderts, das auf dem ersten Blick einem kleinen, roten Feuerwehrwagen ähnelt, funktioniert tatsächlich noch, man muss nur das große Rad drehen, woraufhin am goldenen Eisenpfahl Blitze zu zucken beginnen und sich die Luft derart auflädt, dass es der Wächterin laut Eigenaussage die Haare aufstellt.
Die auffallende Häufigkeit von weißen Büchern liegt darin begründet, dass diese aus dem 15. oder 16. Jahrhundert erhalten geblieben sind und damals weißes Schweinsleder als Einband unglaublich modern war - der letzte Schrei einstmaliger, trendbewusster Verlagsszenen sozusagen.
Sämtliche Personen der Deckenmalereien im kleineren Saal haben lange, spitze Nasen, womit sich der Maler, ein jahrelang an den Fresken arbeitender sowie ungemein lang- und spitznasiger Mönch, erstens verewigen und zweitens gegen die üble Nachrede sichern wollte, er könne ein derartiges Werk nicht alleine geschaffen haben.
Das Schreibpult in eben diesem Saal kann als „erster Computer“ betrachtet werden, immerhin ist ihm eine Art von Hamsterrad aus Buchregalen angeschlossen, das sich in jede beliebige Richtung vor und zurück drehen lässt, womit der am Pult sitzende Mönch zwischen den zum Studium notwendigen, aufgeschlagenen Büchern bequem hin und her wechseln konnte.
Es finden sich einige Himmels- und Erdgloben, wobei erstere bereits recht exakt sind, den weltlichen allerdings Australien aufgrund damaliger Unbekanntheit noch fehlt.
Im hintersten Eck der Bibliothek steht ein goldener Schrank, in dem der Abt alle bekannten religiösen Schriften der Häresie verwahrte, zugleich aber den Schlüssel besaß, um diese verbotenen Texte bei Bedarf dem studierenden Novizen zur Verfügung zu stellen.
Das sind nun einige Highlights, die im Wortschwall der Museumswärterin aufleuchten, wie sie da plötzlich von ihrem Stuhl aufspringt, hier wie dorthin zeigend am Rad der Reibungselektrisiermaschine dreht und eine ansteckende Begeisterung offenbart, so als wäre auch sie infiziert vom Geheimnis, welches mitunter im Absinth oder im Kaffee zu finden ist.
Fazit: Es geht immer nur um die Leidenschaft - its all about transcending an idea into life, wie der Hauptcharakter am finalen Ende der 2. Staffel von Dexter augenzwinkernd anmerkt, um mal abseits vom ganzen Museums- und Aufputschmittelgeschreibe die Popkultur ins Blogboot zu holen.
geschrieben am 13. Juli 2011 in
Allgemeines
Notizen zweier Orte, die ich gestern und heut in Prag entdeckt habe, und die mich beide mit dem Verlangen baldiger Rückkehr entließen, oder eher mit dem sicheren Gefühl, dass es lohnenswert wäre, dort mit Papier, Stift und Fotoapparat einige Zeit auszuharren, um versteckte Schönheiten einzufangen. So folgte ich gestern der lauten Musik, die durch Bäume und Buschwerk des Stromovka-Parks zu hören war und gelangte zu einem hohen Metallzaun, dessen weitoffene Tore von einem “Arrividerci”-Schriftzug überragt wurden. Innerhalb des Zauns wirkte alles verfallener, im Gegensatz zum restlichen Parkgelände lag hier Müll auf dem Boden, gemähtes Gras verwelkte zwischen Nadelbäumen und ein riesiger Quadratbau – der Palast der Industrie, wie ich später erfahren sollte – stand in beginnendem Verfall faszinierend und alles überragend am Beginn der Ansammlung aus Hallen und Freiflächen. Gleichsam vom Rest der Stadt vergessen wirkten die notdürftig abgesperrten, um einen Teich gruppierten Tribünen vor dem zu Ehren der Industrie erbauten Palastklotz. Ein Ensemble aus verlassenen Sitzflächen, Unkraut und abgestandenem Wasser vegetiert dort vor sich hin und ist eigentlich eine Fontänen-Musik-Tanz-Show-Arena, ein Spektakel, dass ich bereits vom Hauptplatz in Yerewan kenne. Der Wächter, ein alter Mann, kam plötzlich hinter einem Eck hervor, ging zur Begrüßung lächelnd an mir vorbei zu einer Tür mit Aufschrift WC, sperrte diese auf und verschwand hindurch, ohne sich darum zu kümmern, dass ich übern Zaun geklettert war und staunend durchs Gelände tappte, ohne recht zu wissen, wo ich war, bis endlich zwischen einer Ausstellung zu Mammut und Eiszeit sowie einem mit „Goja Music Hall“ betitelten Pyramidenbau eine Tafel das gesamte Gebiet als EXPO-Areal entlarvte. Vorbei an einer Imbissbude, deren grauhaariger Besitzer mit einem Besucher unter den Sonnenschirmen zum aus den Boxen dröhnenden Technopop tanzte und dabei laut mitsang (Prag scheint eine gute Stadt für alte Männer zu sein, um hier in Ruhe und als Rentenzeitvertreib verfallene Fontänen zu bewachen oder sich ungestört bei Diskoschund zu besaufen) ging ich weiter Richtung Riesenrad, das über den Baumwipfeln zu erkennen war und zum Herzstück des umzäunten Rätselreiches gehörte: dem Vergnügungspark im hinteren Eck. Bis auf zwei Mütter, die mit ihren Kleinkindern die Karusselle, Achterbahnen und Autodrome besuchten, hatte sich außer den gelangweilten Damen im Innern der Schießbuden und den Schausteller, die in Wohnwägen auf der Hinterseite der Attraktionen leben, und an diesem Sommernachmittag schlafend in Gartenstühlen lagen, kein Mensch hierher verirrt. Auf dem leeren Autodromparkett kauerte ein ungemein zotteliger Schäferhund, daneben, von einem Karussell, das im Wesentlichen aus zwei Drachen bestand, die sich gegenseitig in die Schwänze bissen, schallte in voller Lautstärke Dschingis Kahn (Ho Reiter He Reiter) ins Nichts. Man kann sich hier tatsächlich auf einen der am Weg abgestellten, kaputten und verrosteten Automaten setzen, etwa zum Armdrücker oder zum Sex-Tester, um diesen absurden, in seiner Ausweglosigkeit wunderschönen Ort zu genießen, der vollkommen aus der Stadt gefallen zentral gelegen hinter einem hohen Metallzaun ähnlich unscheinbar und langsam existiert, wie der Schatten des Riesenrades gemächlich über die Wohnwägen und Baracken gleitet.
Der zweite Ort, der ein Prag aus Dreck und Leben offenbart, anders, als es die Altstadt vermuten lassen würde, zeigt sich dagegen aufgeregt und vollgedrängt: es ist Wochenende und daher Flohmarkt am Fabriksgelände gegenüber der UBahnstation Kolbenova. Auf der Kiesfläche, die, je weiter Richtung Mittag die Stunden versickern, umso heißer wird, finden sich in Hütten oder auf ausgebreiteten Plastikplanen, direkt aus den Kofferräumen der dahinter parkenden Autos in den Staub geladen so gut wie jeder erdenkliche Ramsch. Die Zeiten der Urahnen überdauert liegen nebeneinander, gestapelt oder vergraben unter andren Schätzen: Schwerter, Degen, Olympia-Schreibmaschinen, Fotoapparate, Fernrohre, Monokel, Pfeifen, Gemälde, Pistolen, Tassen, Stühle, Sofas, Autoreifen, das Österreichische Handelsgesetzbuch (Originalausgabe aus dem Jahre 1883!), Spielzeug, Hosen und noch abertausend andre Gegenstände, wie etwa Sonnenbrillen, Schremmbohrer, Hämmer, Vergaser, Zeitungen, Äxte, Schuhe, Kleidung, Uhren und Radios aus den 1920er Jahren. Besonders interessant sind die angebotenen Militärsachen, die verhältnismäßig oft zu finden sind und beispielsweis von einem gänzlich in Camouflage gekleideten Mann mit langem, grauen Vollbart verkauft werden. Hier gibt es Helme in allen erdenklichen Arten und Metallen (auf einem steht in großen, weißen Buchstaben sogar M.A.S.H geschrieben), Orden, Stiefel, Messer, Feldflaschen, Gewehre, Bajonette, Messer, Jacken und immer wieder – nackte Plastikpuppen. Warum dieses Kinderspielzeug inmitten der Militaria liegt, konnte ich nicht rausfinden, auch nicht, wie es eine alte, kaputte Schachtel ins Gewühl eines großen Standes schaffte, der ansonsten nur Keramiken und Wecker zum Kauf anbietet. Darin findet sich ein Arbeiterausweis der Deutschen Reichsbahn, ausgestellt am 10. Januar 1944 für den 20jährigen Bohumil Markes, seine gesammelte, an ihn adressierte Korrespondenz, die in faszinierender Schönschrift größtenteils aus dem Jahre 1947 datiert, sowie nicht entwickelte Filmrollen. Hält man diese Negative gegen den blitzblauen Julihimmel, so zeigt sich darauf ein lachender junger Mann oder Mädchen, die allein oder zu zweit auf Wiesen stehend gleichfalls glücklich in die Kamera blicken: Momentaufnahmen eines Lebens, das offenbar den Zweiten Weltkrieg überlebt und sich Erinnerungen bewahrt hatte, die jetzt auf einem Flohmarkt im Prager Nordosten zu finden sind.
geschrieben am 9. Juli 2011 in
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Schenkt man den liebevoll gestalteten oder schnell hingefetzten Grüßen im Gästebuch, vom vorherigen Bewohner auf dem Heizkörper platziert, und den vergessenen, unscheinbaren Zeugen wie Büchern, Gewürzen und Badartikeln genug Beachtung, so offenbart sich die Dachmansarde, in der ich in unmittelbarer Nähe zu Altstadtring samt Uhrenspiel untergebracht bin, als ein Ort dauernden Ankommens und Abschiednehmens, als Auftakt und Schlußapplaus zugleich für unzählige Ideen und Leben, die in den eineinhalb Räumen ineinander übergehen, zusammenfließen, geschriebene Nachrichten oder Habseligkeiten zurücklassen. Hier, in der Josefstadt der Gegenwart, unterscheidet nicht weiterhin ein Buchstabe zwischen Wahrheit und Tod, nur ein Geldschein mehr oder weniger trennt zwischen Prada und Gucci, da kein aus Moldauschlamm anwachsender Golem beschützend wie mordlustig durch die Gassen wankt, sondern ein andres monströses Ungetüm, halb blind hinterm Stadtplan verschwunden, mit abertausend Füssen und ebenso vielen Kameras durch die drückende Schwüle stolpert. Die einzigen Personen, die hier wirklich Contenance bewahren, egal, welches Wetter oder welcher Straßenbelag gerade vorherrscht, sind die auf Stöckelschuhen mit 15cm-Absätzen stolzierenden Prager Frauen. So etwas fällt am Sonnenstrahlen unnachgiebig reflektierenden Pflasterstein natürlich auf, denn die derzeitige Hitze lässt zum klassischen Pragbesucher werden: inmitten von einem Bier zum nächsten zwischen all den Kneipen, von denen eine charmanter als die andre Utopenci offeriert, manchmal eine Bloody Mary eingeschoben (zwecks nicht behirnter, aber jetzt auffälliger Bezugnahme zum ersten, im Gedenken an Hemingway, bzw. dessen Todestag vom 02. Juli verfassten Blogeintrag, immerhin wird Ernesto als Ideengeber für den Namen dieses Cocktails gehandelt) sowie ein Buch von Bohumil Hrabal besorgt.
Denn lokal-literarischen Legenden ist man verpflichtet und die Geschichte von Hrabals fingiertem Fall aus dem 5. Stock des Krankenhauses, um der Prager Historie mit diesem Freitod (erneut ein zufälliger Querverweis auf den ersten Blogeintrag!) einen vierten Fenstersturz hinzuzufügen, ist sowieso ein Knaller, bisher versuchte ich allerdings vergebens in einer wüsten Mischung aus Deutsch und Englisch den gleichsam mit Bier Abkühlung suchenden Tschechen davon zu erzählen, bzw. sie um ihre persönliche Meinung dazu zu fragen. Während draußen also Schwalbenschwärme bis zur Abenddämmerung ihr Spiel aus Schrei und Flugmanöver treiben, surrt über mir der Ventilator und apropos, Fenstersturz: die schräg nach oben weisenden Dachfenster der Wohnung wären ein Fluch für die Prager Geschichte, denn für (es folgt ein Wort, auf welches ich im hier rumliegenden Universalwörterbuch des Dudendeutschen gestoßen bin und das meiner Meinung nach seinesgleichen sucht:) Defenestrationen, so der Fachbegriff, eignen sich diese nolens volens nur schlecht. In der deutschsprachigen Abteilung der Buchhandlung, in der ich heute den Hrabal-Neoklassiker erstanden habe, gab es ansonsten nur sämtliche Werke Kafkas (so eine Überraschung aber auch), sowie, und das war tatsächlich erstaunlich, „Der Mann ohne Eigenschaften I und II“ von Robert Musil. Während sich also ganz Prag irgendwie gegen die Hitze zu wehren scheint, absurd, vergebens aber hartnäckig dran glaubt, dass irgendwann wieder Brisen aufkommen, um die Windräder am Lysý vrch erneut in Bewegung zu setzen und die darbende Bevölkerung zu kühlen, trotte ich, der urbane Gefolgsmann, langsam und wie auf einem bereits am Juliwetter krepierten Maulesel festsitzend gutgläubig durch Parks oder Palác-Passagen hinterdrein und order mir noch eine Bloody Mary. Denn irgendjemand hat mir mal erzählt, diese gehöre zur Kategorie der „Corpse-Revivers“ – hoffen wir das Beste.
geschrieben am 8. Juli 2011 in
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Es mag an den bisherigen Reisen liegen, dass ich mir nun selbst unweit meines derzeitigen Wohnortes Wien angewöhnt habe, die ersten paar Momente und Tage an einem neuen Ort in einer Art Stille zu verbringen, die stumm fordernd Besitz ergreift, aushöhlt, und darauf wartet, das neue, andre Gegenwarten Zugang finden. Vermutlich ist es einfach Lust, die darin versteckt ein Schweigen bringt, um in einer solchen Leere Fremde anzunehmen, ein neues Zimmer zu beziehen und darin auf dem Boden sitzend durch eines der fünf Dachfenster starrend eindeutig zu wissen, dass das Gefühl von Außenseitertum und Neugier noch da ist, weiterhin hellhörig macht und sensibel für Eindruck, Gespräch, Beobachtung. Diese Augenblicke verschieben sich nun sogar ein wenig, nach meiner Ankunft und der ersten Nacht in der Dachgeschosswohnung geht es am Tag darauf erneut per Bus zwecks Lesung nach Berlin, wodurch sich das erste richtige Erleben Prags verzögert, mir dafür aber den Gefühlszustand des Ankommens, der Stille, länger bewahrt. Passenderweise, wie um diese Momente, die nicht einer gewissen meditativen Zärtlichkeit entbehren, zu bestärken, bekomme ich in Berlin ein Buch geschenkt: Nicht bei Trost / Haiku endlos, erschienen in der Edition Korrespondenzen.
Es handelt sich dabei um einen Auszug des bewundernswerten Unterfangens von Franz Dodel, seit 2002 an einem sich ins Unendliche fortspinnenden Haiku im Silbenmaß 5-7-5-7 zu schreiben, das vor allem lautgesprochen in halbschläfrige, zugleich ungemein inspirierende Zustände wiegt, sich aus aberzig Zitaten und Inspirationsquellen speist und überquellend neue Netze webt, so (ähnliche Querverweise fingen mich auch im vom Regen verschlammten Berlin: Unweit des Lesungsortes am Wannsee liegt das Grab von Kleist und Henriette Vogel, die an eben dieser Stelle gemeinsam aus dem Leben schieden, der verkannte Dichter erschoss vor fast auf den Tag genau 200 Jahren zuerst die an Krebs erkrankte Begleiterin und daraufhin sich selbst. Etwas später an diesem vorgestrigen Abend erzählte mir in einer Kneipe ein Musikjournalist, dass die beiden höchsten Selbstmordraten Europas in Finnland und Ungarn zu finden seien, weshalb er vermute, dass der Grund dafür in der gemeinsamen Sprachfamilie liege. Das sei dahingestellt und muss erst einer genauen Überprüfung standhalten, auf jeden Fall geriet ich von einer Selbstmordgeschichte zur nächsten, und in gewisser Weise fanden sämtliche Freitode ihren Grund darin, eine Sprache zu verwenden, die entweder niemand verstehen oder lesen will, wie auch immer) verläuft dieses Endloshaiku Dodels über die rechten Buchseiten, während links die darin eingeflossenen Gemälde, Zitate, Hinweise und Fotos zu finden sind. Zu diesem Wissen, das der Phantasie genug Raum und Beschäftigung schafft, um damit den gesamten Wolkenhimmel über den Altstadtdächern anzufüllen, die, stelle ich mich ganz an den Rand der schrägen Fenster, zu sehen sind, fällt mir, denn immerhin befand ich mich in einer Berliner Kneipe nahe des Tiergartens, wo, das Maß Bier grübelnd hochgestemmt, über die suizidalen Neigungen der finno-ugrischen Sprachgruppe philosophiert und im Raucherseparee der Boxkampf Klitschko-Haye kritisch kommentierend verfolgt wurde, folgendes ein: auffällig viele Boxer lassen sich operativ das Nasenbein entfernen, damit der empfindlichste Punkt im Gesicht, der zudem statistisch betrachtet die häufigsten Schläge und Treffer anzieht, entschärft nur mehr ein in alle Richtungen zu schiebendes, drückendes, beinah gleich Gummi elastisches Musterbeispiel der Flexibilität ist. Ähnlich willenlos wie daher Boxernasen es sind, lasse ich mich auf der Suche nach dem andren Prag abseits der Altstadt und Tagesstouristen treiben und lande an den Flanken des Wenzelsplatzes am Eingang zum Lucarna-Kino. Dort bleibe ich zuerst aufgrund einer seitlichen Treppe aus roten Marmor, die sich nicht ganz ins Gesamtbild der Einkaufspassage fügt, stehen und bemerke plötzlich, dass über mir eine Pferdeskulptur baumelt, verkehrt herum an den Hufen aufgeknüpft, mit hängender Zunge und Schweif, und auf dem Bauch sitzt aufrecht, stolz ein Ritter samt Helm und Lanze.
An den Balustraden, vor den Glasmalereien der Göttin Aphrodite mit zwei Satyrn an der Seite, ließe sich über diesen absurden Anblick versunken sinnieren, andrerseits kann man sich auch ins Cafe im Obergeschoß setzen, durch die Glasfront Pferdearsch und Rittersrücken begutachten und über deren Bedeutung nachdenken. Der Kellner antwortete auf mein Nachfragen zwar mit einem Schulterzucken samt: „Pferd kaputt“ und einem Zeigefingertippen an die Schläfe, wieder in der neubezogenen Mansarde forsche ich aber nach und erfahre, dass es sich bei diesem meinem derzeitigen Prager-Sightseeing-Highlight um eine Persiflage des Reiterdenkmals vom Wenzelsplatz handelt, angefertigt von David Černý, tschechischer Bildhauer und Hüter sämtlicher türkischer Toiletten in Bulgarien. Zudem lässt sich nun von Seite 366 des Dodel-Haikus folgendes Zitat Sören Kierkegaards erneut zitieren: „Er [der Glaubensritter] hat in unendlicher Resignation auf alles verzichtet, und dann hat er alles wieder ergriffen in kraft des Absurden.“ Das passt ja wie die Farbe Blau ums Auge und so sitze ich nun auch die erste richtige Nacht im neuen Schreibraum, warte darauf, dass die Stille abfällt und sich meine Zuneigung zu Prag in genug Inspiration und Energie verwandeln lässt, um alle Vorhaben in die Tat umzusetzen, raus zu kommen aus dem engen Ring von Notiz und Beobachtung. Aber andrerseits muss man seine Nase wie ein Boxer nicht nur nach dem Wind, sondern auch nach den Schlägen richten, manchmal muss man, ums angelehnt an Kleist zu schreiben, während des allgemeinen, dem Ideal verpflichteten Glücksstrebens, dass einem grade die Prager Nachtszenerie mit ihren geflüsterten, neonrot hingeknallten Angeboten schnell als Konzentrat anbietet, damit zufrieden sein, den Gaul immer noch unter sich zu haben, selbst wenn dieser schon längst übern Moldaujordan vorangaloppiert dem Reiter die Zunge zeigt, denn Pferd bleibt Pferd, egal ob tot oder auf allen vier Hufen mit der Zunge im Maul als Denkmal platziert. Ein Mensch dagegen ist nur dann ein Reiter, sitzt er auf dem dazugehörigen Tier, ja, selbst wenn es bloß der Bauch desselben ist, selbst wenn man sich nur mit Notizen und Ideen und Utopien trägt, die von jeder neuen Ankunft eingeflüstert werden, bis sich wieder Greifbares formen und fangen lässt, so ist ohne totem Pferd, ohne entstehendem Manuskript der Mensch besonders im Juli hier in Prag: nur ein Tourist.
geschrieben am 5. Juli 2011 in
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