Prag ist auf dem Papier ehrwürdig und alt und voller Geschichte, und wenn du durch seine Straßen gehst, ist es noch immer ehrwürdig, aber auch jung und flirrend von Ge¬schichten. Prag erinnert dich an Wien, aber der Stadt an der Moldau fehlt das Perfekte und Pompöse an allen Ecken, auch wenn sie so viele Prunkbauten hat wie New York Wolkenkratzer. Dafür gewinnt sie dich mit Lust und Leben, Licht und Schatten, mit bröckelnder Eleganz und einer Schönheit und Herrlichkeit, die immer ein wenig am Verschwinden ist und gerade deshalb ewig bleiben wird. Schade nur, dass es im Zentrum fast nur noch Hotels, Restaurants, Läden und Büros, aber offenbar keine bezahlbaren Mietwohnungen für die »kleinen Leute« mehr gibt. Aber dieses Schicksal teilt Prag mit unzähligen anderen Großstädten.
Prag war für mich natürlich auch Literatur - nicht nur wegen Kafka. Ich, Erica Pedretti und Klaus Merz waren zur Buchmesse eingeladen, haben vor einem interessierten Publikum gelesen und Leute getroffen und diskutiert. Wir waren bei der Schweizer Botschafterin, Frau Dominique Petter, und zu einem Treffen im Goethe-Institut eingeladen, und wir wurden während unseres gesamten Aufenthalts fabelhaft betreut und verwöhnt. Ich hatte das große Vergnügen, noch ein paar Tage mehr in der tollen Stadt verbringen zu dürfen als meine Kollegin und mein Kollege: ein „Mini-Writer-in-Residence“ ermöglichte mir u. a. ein Treffen mit der tschechischen Autorin Lenka Procházková, die mich und eine Gruppe von Literatur- und Pragbegeisterten auf einen Rundgang durch die Stadt mitnahm und allerlei Wissenswertes, Spannendes und Kurioses zu erzählen wusste. Zum Schluss des Spaziergangs ging es ins kleine, aber wunderbare Prager Literaturhaus, wo sich Jana Klika um uns kümmerte und wir einen auf einer Geschichte von Lenka basierenden Kurzfilm gezeigt bekamen und ich eine Passage aus meinem letzten Roman gelesen habe.
Am nächsten Tag wurde es auch für mich Zeit, Prag zu verlassen - und selten fiel mir der Abschied von einer Stadt so schwer. Aber ich habe der Stadt nicht den Rücken gekehrt - nicht einmal beim Fliegen, denn zum allerersten Mal in meinem Leben flog ich aufgrund der Sitzanordnung im kleinen Flugzeug so, dass ich während des gesamten Fluges in Richtung Prag schaute, der Stadt, in die ich schon sehr bald zurückzukehren gedenke - vielleicht schon in diesem September! Das hat den einfachen Grund, dass ich noch nicht genug von Prag gesehen habe, und dass ein Kapitel meines nächsten, zur Hälfte fertigen Romans, Band 3 meiner »Amerikanischen Trilogie«, deren beiden ersten Bände 1994 und 1995 erschienen sind, in Prag spielen wird. Und wer weiß, wie viele Besuche für die Beendigung dieser Trilogie, die ich jetzt wirklich endlich angehen sollte, noch nötig sein werden?
Vielleicht ergibt sich ja auch irgendwann die Möglichkeit einer Übersetzung eines meiner Bücher ins Tschechische, was ebenfalls eine weitere Visite in Aussicht stellen würde. Auf das Treffen mit Professor Milan Tvrdik freue ich mich jedenfalls schon jetzt!
