(26.05.2011) während ich in Prag eine freilichttheateraufführung auf dem berg Vyšehrad besuchte und die “blindheit” des königs in “King Lear” (William Shakespeare, ca. 1605) mich schockierte, der von seinen drei töchtern eine liebesbegründung verlangte, vor der versammelten mannschaft der männer, die die bühne noch regierten und auch in den folgenden schlachten, während derer sich auch manche frauen gegenseitig umbrachten, war morgens der ehemalige General Ratko Mladic nördlich von Belgrad verhaftet worden. “«Mit dieser Verhaftung hat Serbien einen grossen Fleck von sich abgewischt»”, zitierte die NZZ den präsidenten Serbiens, Boris Tadic. leider hat sich Ana Mladic, tochter des generals, 1994 das leben genommen, wie anzunehmen ist, sich mit einer waffe ihres vaters erschossen, was wir jetzt auch alle wissen, nachdem Madlic offiziell ihr grab besucht hat und bekräftigt, dass sie ermordet worden sei.
(sarah rehm)
"Steckbrief": Sarah Rehm
- Website: http://
- Profil: Sarah Rehm wurde 1982 in Dachau geboren und lebt seit 2008 als freie Autorin in Dresden. Sie studierte Theater- und Musikwissenschaften in Berlin und von 2006-2010 Kreatives Schreiben und Kulturjournalismus in Hildesheim. Zudem war sie als Regieassistentin im Theater in München und Berlin sowie als Lektorin bei verschiedenen Zeitungen und Verlagen tätig. Seit mehreren Jahren unternimmt sie Recherchereisen, u.a. auch nach Tschechien, Kroatien, Serbien und Bosnien-Herzegowina. Seit 2011 arbeitet sie in den Schreibwerkstätten "Starke Federn" am Literaturhaus Villa Augustin (in Dresden) mit Jugendlichen an literarischen Texten. Neben anderen Auszeichnungen bekam sie 1998 den Förderpreis für Nachwuchskünstler des Bezirks Oberbayern; 1999 erhielt sie den 3. Preis des „Max-Brod-Preises“ der Franz-Kafka-Gesellschaft Prag. 2002 wurde ihr Werk „Das Fahrradstück“ in den Connewitzer Cammerspielen Leipzig uraufgeführt. Bisher erschien der Essay „Inmitten des Flusses sozialer Ungerechtigkeit“ in „Landpartie Null Acht.“ (Glück & Schiller Verlag 2008), der Prosatext „Nacht und Tag“ in: „Landpartie Null Neun.“ (Edition Pæchterhaus 2009) und „Splitter in Gedanken“, Romanauszug in „EDIT Nr.50“. Während ihres Aufenthalts in Prag wird sie an ihrem aktuellen Roman „Splitter in Gedanken“ arbeiten.
Beiträge von Sarah Rehm:
zeit und geschehen
prager tee
(25.05.2011) ich habe ein prager teehaus und den autor Jaromir Typlt kennengelernt. unser erneuter versuch uns zu treffen wurde nicht durch ein erdbeben verhindert. ich hatte diese befürchtung geäußert, nachdem er geschrieben hatte, er hoffe wir werden nicht wieder verraten. Jaromir erzählte von einem mann, der über achtzig jahre alt ist und den er ab und an besucht. dieser mann wurde, als er ein kleiner junge war, von Henlein, dem sudetendeutschen nationalsozialisten, in die luft gehoben und einer menge als perfekter soundso-mensch geprießen. ich weiss nun gar nicht mehr, was der junge hätte sein sollen, was er aber gar nicht war, in jedem fall hatte er deutsche abstammung und blieb und überlebte bis heute. außerhalb deutschlands sind die spuren des zweiten weltkrieges aufgefächert wie ein schnitt durch urgestein sicht bietet; folgst du den linien, gelangst du an alle orte und zeiten. es ist mir manchmal so vorgekommen, auf reisen, dass ich zur allerersten zuhörerin wurde an einem ort wie auf einer insel gelandet und fragen stellte, die lange in der luft gelegen und die menschen schwer atmen lassen hatten. das geschieht in südosteuropa, da die menschen ihre eigene emotionalität kennen und nicht verdrängen. hier in prag erzählen die menschen von der erinnerung anderer, der krieg ist schon sechsundsechzig jahre her. innerhalb deutschlands ist alles klar, wir wissen, dass es wir waren oder die vor uns und mehr lernen wir auch nicht, wenn wir nicht hinausgehen. tee heisst hier so wie in bosnien-herzegowina, tee ist ein friedliches getränk.
(sarah rehm)
das theater
(24.05.2011) (…) prag ist wie hinter einem vorhang, einem so weissen schleierhaften, wie sie hier in der wohnung hängen. manchmal zieht die luft sie nach außen. ich frage mich, warum die blume, eine Gerbera, die ich mir vor über einer woche an der metrostation unter der erde beim i. p. Pavlova schenkte, noch nicht verwelkt ist. ihre orangenen strahlen werden mir unheimlich. nun habe ich aber, seitdem gestern das gerüst am haus gegenüber steht, einen gefragten fixierungspunkt, wenn ich pause mache. meine schreibmaschine hat an einem bestimmten punkt in jeder zeile einen hänger, ich muss das kopfteil anheben, doch kenne die einzelnen namen der schreibmaschinenglieder nicht, kann es also nicht ausreichend beschreiben und so meine lage verständlich machen.
jetzt beginnt es: zwei männer unterhalten sich, schon im schatten, denn die sonne hat sich von osten her um ein paar grad bewegt, auf dem gerüst, auf seinem vierten stock, heben die arme, deuten auf die mauer, und verschwinden dann. theater in prag. männer, die auftauchen, reden und verschwinden sind klassische typen. ich habe in den letzten tagen eine ausstellung, eine theateraufführung und einen wald besucht und mir kommt der gedanke, dass prag alles in einem ist, prag ist voller bilder, erinnerungen, fotografien aus cernobyl von Antonin Kratochvil über 20 jahre nach der katastophe in der ukraine, blicke, hunde, tänzer, glassplitter, runzelige haut, von arbeit oder krankheit gezeichnete, geballte und aufgehaltene hände, niedergelegte köpfe, streichelnde fingerkuppen, prag ist ein theaterstück aus biederer moderne und belebter tradition, in dem im europaparlament das lied “kde domu moje” (wo ist meine heimat - nationalhymne) gesungen wird. das publikum steht auf, als es endlich im ganzen gesungen wird. ich mache fasziniert ein foto vom publikum, doch mir wischt ein blitz aus und aus dem finsteren zischt eine dame auf mich zu, stößt mir den finger in die brust und ruft: no foto, no foto! I got it, sage ich. im raum steht jetzt die frage, während ich meinen foto einpacke, ob die zelebration des publikums inszenierung ist, aber woher kam der befehl oder woher kommt der nationalstolz, der mir peinlich ist? mich packen zweifel, ob dieses stück, von dem ich nur wenige worte verstand - fast nur die deutschen sätze einer interessanten nebenfigur, die am ende des stückes in die gesellschaft integriert wird -, authentisches prag ist. das publikum ist gezielt in robenanmut gekleidet und ich bin von der strasse, an gerade im abendlicht aktiven fixern entlang der kirche am platz des friedens hineingelaufen und habe beschlossen, dass mich der titel und seine derniere interessiert. ich würde mich vielleicht verbeugen vor dem leben, wenn es gut zu mir war, aber vor der kunst, meinem guten freund, der manchmal seltsames tut, brauche ich doch nicht aufzustehen und ein lied zu singen, eine nationalhymne! ich bin die erste in prag zurück auf der strasse und bekomme gerade noch luft. (…) am nächsten tag würde ich an einem mir noch unbekannten rande prags im wald zwei menschen kennenlernen, die mich vor einem mann mit katze an der leine retten würden und gleich hier in der nähe wohnen; der eine neugewonnene freund würde mir sagen, dass er das betreffende theaterhaus nicht mag. ich würde nur nicken. (…)
nahe der letzten metrostation der grünen linie, auf der ich wohne, in den westen hinaus, noch ein paar tramstationen weiter liegt ein wunderschönes naturgebiet und eine fahrrad- und wanderroute an einem bach entlang, die am sonntag und bei sonnenschein stundenlang verwöhnen kann; auch ein kleines freibad liegt mitten im wald. zuerst muss man sich aber einem gewöhnlichen bild aussetzen, wenn man auf den näher liegenden see trifft, ein see mit halbnackten an ufern und erstaunlichen betonwohnblöcken im hintergrund. ich will nicht erzählen, wie sehr ich mich vor einem mann mit katze an der leine in einem wald, der von ausflüglern gut besucht war, fürchten musste; wahrscheinlich war so furchterregend nur das bild der gefangenen katze, die so gequält aussah. immerhin hat es mich dazu gebracht, dass ich nach einer rast an einem wie aus dem himmel auftauchenden kiosk, zu dem hin mich der mensch verfolgte, ein pärchen ansprach. Milan hat eine theaterausbildung und arbeitet als psychotherapeut und Martina ist restaurateurin. ich ging mit ihnen und freute mich über ein sonntägliches gespräch.
ich mag den gerüstbauer. er ist wieder da, der junge blonde, hat ein dunkelblaues shirt an, auch dunkel die hose, und hebt eine metallstange im letzten stock des gerüstes nach oben, prüft die platzierung. baut er noch weiter? eine elster tänzelt an der front jenes hauses gegenüber und pickt dann in eine der fensterecken hinein, verschwindet hinter dem meinen. jetzt ist auch der arbeiter verschwunden. (…) er taucht wieder auf, hebt ein seitengeländer an und den hammer in die luft, stützt sich auf nichts mehr. ich halte mir die hand vor augen. (…) gerne würde ich ein spektakuläres foto machen, doch ich befürchte, dass er durch mich zu fall kommen könnte. man sollte niemandem eine beziehung aufdrängen. wenn frauen gerüste aufstellen, ist das anders. sie hätten mich längst gesehen, mir gewunken. ich stelle mir vor, dass ich gerüstbauerin bin. ich fühle mich inspiriert von Irena Breznas roman “Die beste aller Welten”, den ich lese und in dem die junge protagonistin in der tschecheslowakei eine heldin werden will. mir kommen die bauarbeiter auf dem balken in den wolken, die new york wachsen ließen, in den sinn. ich denke lieber daran, einen roman zu schreiben über einen ehemaligen bauarbeiter, der die zwillingstürme in new york mit aufgebaut hat und sie dann im hohen alter fallen sieht. nun müsste ich recherchieren, ob die geschichte zeitlich möglich wäre. doch habe ich ja schon gestern sinnlos im internet gesucht. weder dies noch über den wald am nordwestlichen rande prags sprechen will ich noch, dass der gerüstbauer, der etwas baut, was noch nicht ist, fällt; ich will, dass er lebt, so wie prag, die alte frau, von der man schwer wissen kann, was früher mit ihr war, noch lebt.
prag wird laut werden, noch lauter. (…) oft gehen sirenen. ein freund merkte deshalb über skype einen satz über die hintergrundtöne aus prag an: prag ist eben eine metropole. nun schlage ich doch im internet nach. “metropole” kommt aus dem altgriechischen und bedeutet “mutterstadt”. heute wird es im allgemeinen als synonym für weltstadt verwendet. es tritt auch mit relativer und nicht absoluter bedeutung in einem bestimmten gesellschaftsbereich auf, z.b. die “kunstmetropole”, meistens, denke ich, die “wirktschaftsmetropole”. für mich ist prag ein theater, das manchmal erschreckt. ich weiss nicht, mit welchen sinnen und welchem sinnen mich prag noch berühren wird. prag lässt in jedem fall meine angst zu wie andere städte europas weniger, die auch nicht das herz europas sind. (sarah rehm)
die arbeiter
(23.05.2011) heute vormittag war ich über stunden im internet, um herauszufinden, was daraus ich wollen sollte. (…) irgendwann habe ich aufgesehen und dabei bemerkt, wie lange ich nicht aufgesehen hatte: an der hausfassade gegenüber schwebte ein junger mann, muskulös und mit blondem haar in der sonne, genau am eck, so dass hinter ihm als silhouette die hohen bäume standen gegenüber jenes hauses in der nebenstrasse, die die terrasse der bibliothek berühren. in wenigen stunden war ein gerüst aufgestellt worden und es sah so aus, als hätte er es alleine getan. ich fühlte mich mit ihm, seiner guten absicht, verbunden. ich habe in den letzten jahren immer größere höhenangst entwickelt. (…) der junge mann sah zu mir herüber, ich weiss nicht, ob er mich sah, über zehn meter entfernt durch das fensterglas. ich hoffe, er wird niemals fallen. jetzt, nachts, ist das gerüst noch neun stockwerke hoch, bis fast zur vollen höhe des hauses gegenüber. und wie er dort stand, einen bohrer in die hand nahm, etwas am haus befestigte, wieder herausnahm, so dass ich dachte, warum!? ein poetischer moment: jemand tut etwas sonderbar erscheinendes, einen schritt hin zur verwirklichung einer vorstellung, dass etwas so oder anders werden soll. ich habe ihn und seinen kollegen, der dann auftauchte und wieder verschwand, bewundert, dass sie an etwas glauben, was noch nicht ist. wie der junge mann eine metallstange hob, sie über sich setzte, noch eine daneben, dann ein metallbrett darauflegte, hochstieg und darauf stand, weitermachte. (…) (sarah rehm)
gesichter
(21.05.2011) langsam lösen sich die fäden eines dichten festen fremden netzes der stadt oder sie blinken auf, zeigen sich, wie sie sind, menschen mit gesichtern, mit fragenden, lachenden, sich öffnenden, zuziehenden augen, menschen mit aufgaben, die zu erledigen sind, mit der hoffnung auf anschliessende erleichterung, menschen mit plänen in urlaub zu fahren, menschen mit der freude für andere orte, für fremde länder, menschen, die mit ihren grosseltern sprechen oder sich an sie erinnern. Marek nahm sich trotz seines prüfungsstresses zeit für ein treffen und erzählte von einem grammophon, das er im keller seiner eltern ausgegraben hat. es ist dieses seiner grosseltern mütterlicherseits, mit denen er nicht so viel kontakt hat, aber sein grossvater väterlicherseits saß nun schon in Mareks zimmer neben Marek und war nahe am weinen, als er die töne hörte. es war so schön mir vorzustellen, wie Marek mit seinem opa sitzt und grammophon hört und Mareks opa tränen in den augen hat vor freude. Marek hatte mich bei mir abgeholt, was ein gefühl von zuhause war, und wir fanden das dobra traffica in der Korunni, das ich schon tage zuvor gesucht hatte. (…) Marek trug ein gelbes Shirt mit gezeichneten radioapparaten darauf, was mich an die überwachung zu sozialistischen zeiten erinnerte, die ich ja selbst nicht erlebt hatte. 1989 war er erst vier jahre alt; wir rechneten wegen der geburtsdaten unserer urgrosseltern und grosseltern hin und her und wie lange sie zu dieser und jener ereigniszeit gelebt hatten. er erzählte, dass sein grossvater etwa 1923 geboren war und dessen vater etwa 1896. sein grossvater kam dementsprechend später auf die welt, nachdem sein urgrossvater aus dem 1. weltkrieg zurückgekommen war. sein urgrossvater stellte sich an einem punkt des krieges gegen die habsburger und auf die russische seite, dann aber musste er am ende über japan fliehen, zurück nach tschechien. ich muss das nachlesen, sagte ich. Marek meinte sein grossvater habe das aufgeschrieben. (…) ich meinte, das mit dem grammophon sei wunderbar, (…), ich versuche auch immer mit meinem grossvater wege zu finden, die leicht sind, ihn zur erinnerung verhelfen. (…) gestern und heute vormittag saß ich wieder auf der terrasse der bibliothek gegenüber, las und schrieb. (…) gestern habe ich dort Lenka, die ich am kaffeeautomaten ansprach, kennengelernt, die hier in einer nebenstrasse aufgewachsen ist. sie lernt in der bibliothek für ihre abschlussprüfung in politikwissenschaften. sie spricht auch deutsch und hat ein halbes jahr in leipzig studiert. ich freue mich schon darauf, wenn sie die prüfung hinter sich hat. sie ist ein herzlicher mensch und hat mir vorgeschlagen, dass sie mir auch einmal ihr fahrrad leihen kann. (…) hier im viertel wohnen einige fremde. so saßen auch heute auf der terrasse zwei laut englisch sprechende männer. ich legte meine ohrenstöpsel ein, um arbeiten zu können. (…) später kam eine blonde frau und gesellte sich zu ihnen. nun sehe ich sie alle drei, die männer mit nackten oberkörpern, die frau in sehr kurzen hosen, wie sie die stühle als liegestühle benutzen und nun alle schweigend lesen. anschluss zu finden ist nicht einfach und das gepäck vollständig abzuladen auch nicht. (…) es ist nicht möglich sich zu entspannen bei so vielen offenen fragen. wäre europa nicht vielfach zersplittert, denke ich, so hätten mehrere menschen die chance und den mut sich frei zu bewegen. man geriete in der gegenwart aufgeschlossener sich ganz fühlender kulturen nicht in die zwickmühle des hier und dort, sondern könnte das jetzt genießen, hingehen, aufstehen für den anderen. ich erscheine mir müde. ich sehne mich nach einem ort zum bleiben. (…) sehne ich mich nicht nach einem menschen, der mir nahe ist und das geflecht aus orten, an die ich denken muss, nachvollziehen kann durch meine erzählung, dem ich lauschen kann? und zwischen den zeilen, aktiv durchbrächen wir das schweigen, wir verstünden das geschehene beieinander und würden uns trauen das ausgesprochene loszulassen, zu leben, zu sprechen. wird wirkliche begegnung immer schwieriger für uns werden, je weiter die welt ist, oder liegt es an den ohrenstöpseln, die wir verwenden, dass wir einsamkeit kaum feststellen können? wer sich mit der eigenen einsamkeit beschäftigt, sollte sie gutheißen. jetzt hat sich die blonde einsamkeit auf der terrasse der bibliothek vor den ihr bekannten männern ihres t-shirts entledigt, sie reckt ihren hals, cremt ihren oberkörper ein, ihr bh ist nur ein wenig heller als die haut. sie lehnt sich wieder zurück. ich gratuliere ihr und weiss nicht, wozu. (sarah rehm)
ein nichtort
(19.05.2011) (…) meine ankunft in der stadt ließ mich mein gepäck spüren und einen taxifahrer, der mir gegenüber vor meinen freunden, die mir zum taxi tragen halfen, seine englischkenntnisse leugnete und sie später für die abrechnung auftat. das trinkgeld reichte ihm bis vor die haustüre und ich bewies stolz mein gepäck zum aufzug zu schleifen. gepäck für meinen aufenthalt mit dem wunsch nach alltäglichem leben und natürlicher arbeit lassen nicht vergessen, dass der mensch, wo und wie lange auch immer, im unterwegssein begriffen ist. es hackte an meinem verständnis für die mechanismen des aufzugs im haus, worüber ich, spät am abend und von so kurzer reise vom pragrand in die stadt prag müde wie lange nicht mehr, wieder einmal vergaß, wo ich war. der taxifahrer hatte mich an den taxifahrer vor zwei jahren in Sarajevo erinnert, der mir und einer freundin drohend nachsah, als wir uns zu ihrer wohnung entfernten. ich war aus Tuzla gekommen und sie hatte mich vom busbahnhof abgeholt. in Tuzla hatten mich am busbahnhof bettelnde kinder umringt. ich hatte jedem kind genauso viel wie dem busfahrer, der auch bei uns stand, für das einladen meines rucksacks gegeben. meine freundin in Sarajevo wollte mich als echte Sarajlija auf die beendete fahrt einladen, vermutlich auch, weil sie wusste, dass es so günstiger würde. ich aber in fremdem eifer und gekonnt taxiunkundig, mich nicht an die gepflogenheiten erinnernd, zog meinen geldbeutel und der fahrer wechselte die meinung über den betrag ins mehrfache. mit meinem bosnisch versuchte ich eine diskussion, sah aber ein, dass die situation an meiner dummheit lag, dumm also setzte ich meinen rucksack auf, einen idioten nannte ich ihn scherzhaft im dunklen treppenhaus und vergaß ihn, als wir vom fenster im wohnblock aus am zerfledderten gebäude gegenüber kiffende jugendliche betrachteten und ihnen zurückwinkten. einige taxifahrer Sarajevos haben während der belagerung mit einsatz des eigenen lebens krankentransporte gefahren, wenn ein angriff auf zivilisten von den bergen aus geschehen war, was ständig vorkam. sollen die taxifahrer aller städte mich oder meine unterstützer auf verschiedene weise seltsam behandeln, falls ich taxi fahre. ich kann dankbar sein, dass kein krieg ist. geld macht menschen nervös. so vieles gar nicht erwähnbare ist in südosteuropa teil einer unermüdlichen gastfreundschaft; zu wünschen ist dieser, dass sie sich nicht verwunden lässt. von prag, der stadt, in der ich die alte frau vermisse, die mich eingelassen hat im traum, erwarte ich nicht viel. prag ist nur zurückhaltend. ich ahne, dass spuren schwierig zu lesen sind. ich bin eine fremde, noch niemand hat mich besucht und ich sitze mit einem fein gegossenen schwimmstöpsel im linken ohr bei offenem fenster, an dem die strasse vorübergeht. mit dem rechten lausche ich, falls jemand kommt, um ihn mit offenen armen zu begrüßen. es gibt einen metallenen sicherheitsriegel an der wohnungstüre, dem ich mich, nachdem ich ihn das erste mal vehement aufschloss, verweigere. ich stand im zweiten stock mit dem herausgeschobenen koffer, mein rucksack im erdgeschoss, und schwebte im nirgendwo. (…) in welcher stadt befindet sich dieses treppenhaus, fragte ich mich. (…) später fand ich die richtige wohnung im dritten stock. atemlos riss ich die fensterflügel auf und drehte mich inmitten der durchgehend weissen ikeaeinrichtung auf staubigem boden. dies ist ein nichtort, dachte ich; ich werde ihn zu einem wirklichen ort machen. (sarah rehm)
die erinnerung
(18.05.2011) ich stelle mir vor, dass sie die bedeutung der wörter verlor, dass sie ins nichts schwammen, übermütig wurden, sie beunruhigten, sie sie freilassen musste und dann kamen andere, die worte mussten sich erneuern, weil die dinge verschwanden. ich habe keine vorstellung. hat sie denn eine kiste gepackt wie ich vor meiner fahrt von dresden nach prag, mit gegenständen darin, die sie an etwas gutes erinnern würden in der fremde? (…) es ist seltsam, dass ich mir ein offenes meer vorstelle, auf das sie als junges mädchen hinausschwebt, auf einem koffer sitzend. (…) alles ist anders als zuvor und alles ist besser als das, was noch geschehen hätte können oder auf dem weg gesehen worden ist, als die eigenen augen sich abgrenzten vom fühlhammer des herzens, als die einzige angst gleich tot zu sein die luft wurde zum atmen.
langsam werden die tage wieder blau, hell, heiterer in prag. die zeit im geglaubten herzen europas verläuft in sich zusammen, durch den überfluss wasser aus vier polen in wellen, die täler nicht zu vergessen, die hier entstehen. prag sollte am meer sein, ich würde hingehen und einen tag dortliegen, um neue kraft zu erreichen. (…) ich hämmere buchstaben gegen motorengeräusch, um das leise rauschen der bäume anzurufen, zu empfangen und auch diese welt in welten zu verstehen. der südpol wie der nordpol verlieren eis und wo die welt im osten oder westen am kaltesten ist, weiss ich nicht. ich weiss, dass das junge mädchen, das meine grossmutter war, gehofft hat wärme zu finden. ich weiss jetzt, dass in mähren schon nach dem 8. mai 1945 den deutschstämmigen einwohnern weisse armbinden verpasst wurden und sie nicht zusehen konnten, wie sie fortkamen; sie versuchten es. hier taucht aus der ahnungslosigkeit einer nachkommenden zuhörerin wie mir eine verbindungsschnur zu der erinnerung in bosnien-herzegowina auf. Erica Pedretti, als ich mit ihr und ihrem mann in prag spazierenging, hat mir das vorgestern erzählt: sie und ihre familie bekamen weisse armbinden verpasst mit rotem “N” für němci, deutsche. sie habe versucht das weisse möglichst klein zu rollen. das weisse möglichst klein rollen in sich. mit den muslimen in bosnien-herzegowina wurde das auch gemacht. überall haben sich menschen ungeheuere symbole ausgedacht und farben gewählt und sie an menschen geheftet, als ob sie ein spiel entwarfen und sich über die ihrer ansicht nach möglichen spielfiguren vergnügten, die unmöglichen hinausschleuderten und die nicht gebrauchten auf unendliche reise schickten. es ist eine monsterszenerie und es geschieht auch jetzt. (…) nachdem wir eine ausstellung besucht hatten, luden mich die Pedrettis auf einer terrasse am wasser der moldau auf ein bier ein. wir sprachen über das schreiben und sie erzählten, wie sich das Engadin bei St. Moritz, wo sie viele jahre wohnten, in einen tourismuspool verwandelt hat. dass ihre tochter als schulkind angefahren wurde. der fahrer war ein gast eines der nobelsten hotels. die polizei meinte, sie könne gegen die gäste dieses hotels nichts ausrichten. manchmal erscheint der schlechte friede wie krieg. der krieg wird mit geld gemacht, denke ich. das ist unglaublich, sage ich nach einer weile. herr Pedretti sagt: unglaublich ist es eben nicht! er hat recht; es erleichtert mich, dass er das sagt. die Pedrettis wohnen jetzt am bielersee, wo sie sich selbst ein haus gebaut haben. (…) mit Irena Brezna, die, wie Erica Pedretti, auch auf der buchmesse gelesen hat, bin ich letzten freitag nach einem empfang im goetheinstitut spazieren gegangen. Irena hat aus ihrer zeit in tschetschenien erzählt, wo sie kriegsreporterin war. ich habe von bosnien-herzegowina erzählt und was ich dort nach dem krieg gehört habe. schweigend sind wir, so erinnere ich mich, nachdem wir noch über das leben philosophiert haben, über die erleuchtete karlsbrücke zurückgewandert ins zentrum der stadt (sarah rehm)
ein foto
(16.05.2011) ich blicke auf eine alte gasse bei nacht. ab der hauswand links von ihr ist eine laterne angebracht, die sie anstrahlt. fensternischen liegen im schatten, nur ein fenster ist ganz zu sehen am rechten haus in der schief nach hinten laufenden gasse, die anderen liegen ferner, entziehen ihre front dem auge. schatten werfen auch die in der luft hängenden kleinen mauern, von denen zwei zu sehen sind, die über der gasse stehen und wirken, als ob sie häuser zusammenhielten. ich habe dieses foto in kleinem rahmen in prag bei meinem ersten aufenthalt hier vor jahren gekauft, es ist schwarzweiss und darunter steht: praha. das glas ist gesplittert, vom transport nach prag. ich habe es aus der mitgebrachten quadratischen kiste gezogen. noch niemals für einen aufenthalt oder auf reisen habe ich eine solche kiste mitgenommen, mit dingen, die mich an etwas erinnern. (…) (sarah rehm)
vertreibung
sie kommt ohne schuhe
ohne papier gar ohne erinnerung
und ohne graues haar
doch über nacht wie die
endlose zeit gräbt sie
gelernte worte gerechte gestalten
oftmals um und wirft sie und
die vertrauten zeichen hinaus
in die fremde die wächst
wie das aufbegehren der kurzen
machthaber einen augenblick nur
doch dieser und die eigentliche zeit
sind gepackt wie du
es ist keine wanderung in den
wiesen die du kennst auf denen
nebenan ein dorf gerodet ist
sie ist eine schnellfahrt zum mars
ins nirgendwohin zurück und
nicht unglaublich
(sarah rehm. 16.05.2011. prag)
meldung aus Prag
(15.05.2011) Prag, wo ich mich aufhalte, könnte ein schlagendes herz sein. oder rauscht es? es empfängt in der gegenwart alte signale. in fernere tiefen leitet das vergangene als dem gegenwärtigen angenehm ist. wer weiss, würden wir leichter leben, ohne dem schlepptau der erinnerung? das vergangene jahrhundert steht wie ein wall mitten im meer; es ist die kaum überwindbare grenze; ich verstehe so und kann so schwer die einzelnen stimmen des rauschens, das von allen ufern her widergeworfen ist, der wellen vernehmen. ich verstehe nichts mehr, es ist ein unbestimmbares rauschen. es ist ein widergegenwärtiges geräusch, mit dem ich kaum zu tun habe, am liebsten nichts mehr zu tun haben möchte. manchmal erinnern mich in Prag, das ich mir als herz Europas vorgestellt habe, die vorüberfahrenden straßenbahnen und motoren an den verschwommenen klang einer einst unvorhersehbaren veränderung; ich habe sie nicht erlebt; ich komme nach. ich wünsche mir die ruhe, die am rande ist, und ich weiss, dass ich geboren bin in einer zeit der verdichtung. ich vermisse die poesie. sie wohnt in den falten einer alten frau, die mich neulich im traum befragt hat. sie tat es in weisem interesse: warum willst Du von außerhalb woanders hin? sie ließ mir zeit nachzudenken und am ende des traumes fiel mir das schwierige wort “spurensuche” ein. ich möchte an land gehen. und gehe ich zu fuß über äcker, felder, wege und über asphalt, wird etwas bleiben und etwas anderes mag sich nicht ändern. ich höre auf nach einem ort zu verlangen. es gibt so viele herzen. eines von jenen, die mir nahe sind, ist Sarajevo. es hat im letzten jahrzehnt des letzten jahrtausends ganz heftig geschlagen. trotz allem, was wir durch es finden können, wurde es überhört. und es schlägt. (…) so viele orte blinken auf, wenn ich an land gehe und es dunkel und wieder hell geworden ist. an einem winzigen punkt eines firmaments ziehe ich mein schlepptau hervor und finde worte. und immer hoffe ich, dass sie alle am leben sind. (…) ich lasse sie ins meer zurück und ich hoffe, dass sie alle und all die anderen von Euch unter dem wall mitten in ihrem element ab und an hindurchtauchen. es ist nicht angenehm dort hindurchzutauchen und ich selbst kann es kaum. (…) das vergangene, mit dem ich am liebsten nichts mehr zu tun haben möchte, ist das ausgesprochene. das gegenwärtige ist, worüber ich sprechen möchte. ich komme nicht dazu. es geschieht. es ist ein gutes leben ohne krieg. (sarah rehm)
fremde sprachen
(14.05.2011) sie kam mit stöckelschuhen und entschuldigte sich sie habe eine halbe stunde lang keinen parkplatz gefunden. ich lächelte; tags zuvor war sie gar nicht erschienen und ich hatte irgendwann toilettenpapier kaufen müssen. jetzt war sie da und fragte mich, was sie tun müsse. (…) um ruhe zu bewahren, tippte ich sätze ab, die ich tagsüber geschrieben hatte, während sie wischte. mit jedem gegenstand aber, den ich sie über den boden hinaus zu reinigen bat, wurde sie wütender. (…) sie sprach ein wenig englisch und ich bat sie auf englisch. mag sein, dass sie dachte ich sei eine engländerin oder aus den usa. oh, no, sagte sie ab und an, not this. not this. ich blieb freundlich, aber sie warf am ende die türe zu. ich verbrachte den abend damit mir zu sagen, dass mein handeln in ordnung war. ich dachte daran, dass ich aus einem anderen land komme, dass sie mindestens zehn jahre älter als ich ist und dass der makler ihr vermutlich nur den boden aufgetragen hatte. der makler war aus dem englischsprachigen ausland. ihre wut betraf nicht mich, sondern eine erfahrung, die zurücklag und die ich nur aus beobachtung und vorstellungs zusammensetzen konnte. wirklich deprimiert war ich erst, als ich jemandem davon beim chatten erzählte und derjenige scherzte, ob ich ihr auf gründlich deutsche art den dreck gezeigt hätte. jetzt denke ich meine freunde im ehemaligen jugoslawien würden lachen. manche von uns würden selbst solche witze über unser aller vergangenheit erfinden. es ist eine art des umgangs mit dem, was in unserer generation von dem, was wir nicht taten oder unterließen, an uns herangetragen wird. am nächsten tag, also vorgestern, kündigte sich Ivana wiederum an, da sie das inventar noch prüfen musste. tags zuvor war es spät geworden und ich hatte deshalb nicht mehr nachgefragt. (…) die englischsprachige liste des inventars war ihr und mir hilfe bei einem leichteren oberflächlichen zugang zueinander. ich hatte nie gelernt, was “hood” heisst, wie auch sie nicht. ja, sagte ich, englisch ist nicht meine muttersprache. da wurde sie fröhlich und sprach ein paar worte deutsch. ich schob meine schreibmaschine auf dem schreibtisch nach hinten und warf mein notebook an, recherchierte nach “hood”. sie erzählte sie fahre am wochenende (…) nach Berlin. Berlin ist schön, sagte ich. ich denke jetzt an ihre etwas mollige gestalt, ihr, wenn sie wollte, blühendes gesicht, und wie ihre stöckelschuhe über den boden gingen und sie verneinte, als ich ihr anbot, mit ihr das bett beiseite zu schieben. sie bot mir nun an einen briefkastenschlüssel für mich anfertigen zu lassen. ich bin nur für zwei monate hier. tage sind ins land gegangen in einer stadt wie einem rätsel. sie ließ mir zeit “dobrou noc” zu wünschen und ich blieb mit anderen wünschen aller sprachen, die ich nicht spreche, alleine. (sarah rehm)
