Gleich muss ich das Internet weggeben, morgen geht der Zug. Und ein Blog ist wie ein Fotoalbum: Die Fotos sind für den Fotografen, nicht für den gelangweilten Betrachter, weil das Wesentliche immer dazwischen passiert. Die Bilder erinnern den Fotografen an das Dazwischen.
Wird das Leben zu stark, denkt niemand daran, die Kamera zu heben und auf den Auslöser zu drücken. Ein Album ist voll von Schatz-stell-dich-doch-mal-vor-den-Abgrund. Wenn Schatz fällt, braucht der Fotograf beide Arme.
"Steckbrief": Stefan Beuse
- Website: http://stefanbeuse.de
- Profil: Stefan Beuse wurde am 31. Januar 1967 in Münster geboren. Zurzeit lebt er mit seiner Familie in Hamburg. Er arbeitete u.a. als Texter, Fotograf und Journalist für DIE ZEIT, die Welt, Frankfurter Rundschau. Er schreibt Erzählungen, Romane, Drehbücher, Reportagen sowie Bücher- und Filmkritiken. Er erhielt bereits mehrfache Auszeichnungen und Stipendien, u.a. den Preis des Landes Kärnten beim Ingeborg-Bachmann-Wettbewerb in Klagenfurt 1999 und den Hamburger Förderpreis für Literatur (1998 und 2006). Im Frühjahr 2005 war er Poet in Residence an der Cornell University in Ithaca, New York, und Gastdozent für deutschsprachige Gegenwartsliteratur. 2006 gewann er zusammen mit Till Endemann den Magnolia Award in Shanghai für das beste Drehbuch (Verfilmung des Romans Kometen). Stefan Beuses neuer Roman Alles was du siehst ist 2009 im Verlag C.H. Beck erschienen.
Beiträge von Stefan Beuse:
Fotoalbum, letztes Bild
Krallen
Zum Ende hin legt sich Prag nochmal mächtig ins Zeug und fährt auf, was es hat. Das ist rührend, Prag, wenn auch ein bisschen spät. Hättest du nicht die ganze Zeit so seltsam und schön, so betörend und magisch und was-weiß-ich sein können? Oder warst du das die ganze Zeit und ich erkenne es erst jetzt, da ich deine Krallen doch noch zu spüren bekomme?
Nach Luft schnappen
Nur einmal, das weiß ich noch, einmal hab ich gedacht, ich hätte den richtigen Winkel erwischt, um einzutauchen, hätte deine Frequenz entschlüsselt und mich auf die Schwingung gebracht, die es braucht, um nicht hart auf deine Oberfläche zu knallen und mit schmerzenden Knochen abzugleiten, sondern mitzuschwimmen, in deinem Rhythmus: unvermittelt eintauchen, plötzlich die Augen aufreißen, endlich unter Wasser sehen. Doch dann hab ich mich natürlich sofort wieder verschluckt und bin hustend aufgetaucht.
Ganz anders
Alles gelogen natürlich, Prag, du bist natürlich gar nicht so, das ist ja dein Prinzip. Denkt man etwas über dich, kippst du sofort ins Gegenteil, das ist nicht ungeschickt, Prag, aber dass du die Leute zerreißt, das stimmt.
Übrigens, Prag,
es ist nicht so, dass ich es nicht versucht hätte. Aber ich kann in dir weder das alte Mütterchen sehen, das einen mit Krallen festhält und nicht mehr fort lässt, noch sind deine Leute für mich brave Schweijks oder gutmütige und etwas schlitzohrige Trottel, die halt etwas langsam sind. Du bist überhaupt nicht langsam, Prag, wie kommen die Leute darauf? Du bist ständig auf Speed und rennst rauchend und hektisch durch die Gegend. Du machst einen wütend und gleichzeitig traurig, sehr wütend und sehr traurig, und wie du das schaffst, Prag, das würde ich wirklich gern mal wissen.
Gold
Das Gute an einer Stadt mit Fluss ist, dass man nicht verloren gehen kann. Nicht wirklich. Egal, wo man ist, man findet irgendwie wieder zum Fluss, und wo der Fluss ist, ist eine Strömung und eine Richtung, sind Brücken, die man nur abzählen muss. Das ist Luxus für mich hier: Den Vormittag schreiben, danach in U-Bahnen, Trams und Busse steigen und irgendwo aussteigen, egal wo, sich treiben lassen, egal wohin, und dann wieder zum Fluss gehen. Gehen, bis man nicht mehr kann. Überraschend, dass die Karlsbrückenachse, also zwischen Burg und Altstädter Ring, WIRKLICH magisch ist; man merkt das erst, wenn das Tageslicht geht und die Touristen weg sind, aber dann ist es deutlich, dann spürt man den kühlen Flügelschlag der Engel in jedem Stein.
Popstar
Komisch, dass hier immer alle Titel haben. Frau Sekretärin. Frau Direktorin. Ich war schon dreimal Herr Schriftsteller. Zuletzt in einer Schule. Die Kinder standen nach der Stunde Schlange. Ich sollte meinen Namen in kleine Bücher schreiben, Hefte, Zettel. Notfalls auf rausgerissene Papierstreifen, einmal auf eine Hand. Ich bin doch nicht Robbie Williams, sagte ich. Wer?, fragten sie.
Ich mach’ meinen Frieden mit euch:
Hexen. Höllenmaschinen vor dem Fenster, die mitten in der Nacht klingen, als würde ein Düsenjet starten. Abgase. Zigarettenrauch. Billigbierwürstchenbudenwenzelsplatzprag. Grölende Touristen, die sich täglich durch die Innenstadt wälzen, unter meinem Fenster her, bis nachts um fünf. Marktbudenaufbauer (ab fünf). Kreischende Idioten. Rempler. Abzocker. Auf-der-Straße-Dinge-Zuflüsterer. Weil ich nämlich unglaubliches Glück habe, hier sein zu dürfen. Und dieser Blog manchmal vielleicht etwas undankbar klingt. Ich bin sogar froh, dass mein Sohn unbedingt eine dieser Hexen haben wollte. Könnte sein, dass sie mir fehlen, wenn ich nach Hause komme. Könnte sein, dass ich ab November immer in die Hände klatschen muss, bevor ich anfange zu schreiben.
Wenn es still wird
bei Tisch, ist das ein Zeichen dafür, dass es allen schmeckt. Wenn es still wird im Blog, ist das ein Zeichen dafür, dass der Stipendiat langsam ankommt in Prag. Und sich wohlzufühlen beginnt.
Einladung
zu der Veranstaltung am Montag, 11. Oktober, 19:00 Uhr, Schiff Nepomuk. Ein Streifzug durch die Hamburger Literaturgeschichte mit Dr. Rainer Moritz (Leiter Literaturhaus Hamburg), Zdenka Procházková (Schauspielerin), Stefan Beuse (Schriftsteller, Stipendiat des Prager Literaturhauses Oktober 2010), dem supercharmanten, traumschönen Team des Prager Literaturhauses und unglaublichen Überraschungsgästen. Bitte kommen Sie zahlreich. Bringen Sie Ihre Familie, Freunde, Verwandten und Bekannten mit. Dieser Blog macht bis dahin Pause. Ich erzähl dann alles auf dem Schiff.
