"Steckbrief": Tilman Rammstedt

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Profil: Tilman Rammstedt wurde 1975 in Bielefeld geboren und studierte Philosophie und Literaturwissenschaft in Tübingen, Edinburgh und Berlin. Er ist Mitbegründer der Berliner Lesebühne Visch & Ferse und Texter sowie Musiker bei der Gruppe Fön. 2003 erschien sein Prosadebüt Erledigungen vor der Feier, es folgten die Romane Wir bleiben in der Nähe (2005) und Der Kaiser von China (2008). Tilman Rammstedt gewann 2001 den Open Mike, neben weiteren Auszeichnungen erhielt er 2008 den Ingeborg-Bachmann-Preis sowie den Annette-von-Droste-Hülshoff-Preis. Zurzeit lebt Tilman Rammstedt in Berlin. Mehr über Tilman Rammstedt sowie sein Videoportät beim Bachmann-Preis finden Sie hier.

Beiträge von Tilman Rammstedt:

Na shledanou

Was ich mir in Prag besonders angewöhnt habe, ist das Nuscheln. Das Nuscheln ist sehr praktisch, wenn man eine Sprache nicht beherrscht, nur einzelne Wörter, von denen einem nicht ganz klar ist, wie sie genau ausgesprochen werden. Beim Nuscheln hofft man auf den erklärenden Kontext und eine Mischung aus Vertrauen und Gleichgültigkeit beim Gegenüber, der das Genuschelte nicht als Hilflosigkeit sondern Unachtsamkeit deuten soll. Das funktioniert natürlich nur bei einigen Audrücken, bei „Guten Tag“, bei „Entschuldigung“, bei „Dankeschön“, bei „Ich hätte gern“, bei allen Floskeln, die mehr Geste als Informationsträger sind.
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geschrieben am 3. Oktober 2009 in Autoren-Blogs

Vom Lachen und Nichtvergessen

Das erste, was ich hier am Morgen höre, ist ein Lachen. Irgendwer, Charlie Chaplin oder Montaigne oder Reinhard Mey, hat bestimmt einmal gesagt, dass jeder Morgen mit einem Lachen beginnen sollte, aber da wurde wohl ein anderes Lachen gedacht. Das Lachen, das ich jeden Morgen höre ist kalt und scheppernd und gehässig und sehr ausdauernd – es ist ein durchweg böses Lachen. Die ersten Tage habe ich nicht gewusst, woher das Lachen kam. Ich stellte mir ein kleines Männchen auf dem Fenstersims vor, das sich über meine Verschlafenheit lustig macht. Ich stellte mir einen schlecht gealterten Clown in meinem Kleiderschrank vor, der nachts heimlich Senf in meine Zahnpastatube gefüllt hat, und es nun nicht mehr abwarten kann. Ich vermutete sogar mich selbst hinter diesem Lachen, meine diabolische und etwas arg perfide Seite, die jetzt in Prag erst richtig zum Vorschein kam.

Erst Tage später entdeckte ich die eigentliche Quelle des Lachens. Direkt vor meinem Fenster erstreckt sich der große Obstmarkt, auf dem zwar pflichtbewusst auch Früchte, aber vor allem allerlei Touristenramsch feilgeboten wird. Zu den beliebtesten Artikel zählen kleine, dramatische Plastikhexen, die auf Knopfruck lachen können. Und das wird sicherheitshalber alle paar Sekunden demonstriert.

Richtig beruhigt bin ich von der Erklärung aber nicht. Nachts ist der Markt abgebaut, und wer weiß, was die Hexen dann machen. An meiner Zahnpasta rieche ich jedenfalls immer erst ausgiebig.

geschrieben am 22. September 2009 in Autoren-Blogs

Tips not included

Wenn man, wie ich gerade, ein paar Tage ganz allein ohne irgendwelche Verpflichtungen geschenkt bekommt, wächst der Druck ins Unermessliche. Drei Romane wollte ich in diesen Tagen mindestens schreiben, dazu einer Handvoll kleiner Artikel für zwischendurch, darüber hinaus galt es natürlich auch, endlich mal wieder auszuschlafen, es galt endlich mal wieder ins Kino zu gehen, es galt, sich endlich mal wieder schon mittags einen Wein zu genehmigen, es galt in Museen zu gehen und auf Hügel zu gehen und Schwimmen zu gehen und endlich mal wieder in Ruhe nachzudenken und endlich mal in Ruhe gar nicht zu denken, sondern einfach zu entspannen, die Dinge kommen zu lassen, und all das war gleich wichtig, und für all das braucht man natürlich eher ein paar Jahre als ein paar Tage, aber wahrscheinlich wäre es auch damit nicht getan, denn wenn man alles auf einmal will, endet man sehr schnell im besten Fall mit einem Wischiwaschi, im schlechtesten Fall mit nichts, und in jedem Fall mit gehöriger Unruhe.

Mich machte diese Unruhe vor allem zum Konsumenten. Im Durchschnitt bin ich am Tag in sechs verschiedenen Cafés und Restaurants, bestelle dort insgesamt im Durchschnitt unzählige Kaffee, etwas mehr zählbare Tee, viel, aber nicht ausreichend Wasser, großzügig Wein und Wodka, dazu ein paar Frühstücks, ein üppiges Mittagessen, das ein oder andere Stück Kuchen und ein angemessenes Abendessen. Hin und wieder gönne ich mir auch auf dem Weg von einem Café ins nächste einen Snack (nichts Großes, einen Apfel, einen Schokoriegel, ein paar Knödel to go). Im Café versuche ich natürlich zu arbeiten, was nicht leicht ist, weil mir andauernd Dinge gebracht werden, weil ich andauernd kauen muss und schlucken muss und bestellen und bezahlen muss. Die meisten Kellner mögen mich. Sie grüßen mich fröhlich, wenn ich hereinkomme und fangen schon einmal an, alle verfügbaren Tassen und Gläser und Teller zu füllen. „Noch ein Kaffee?“, fragen sie, wenn sie die entleerte Tasse abräumen, und manchmal sage ich: „Nein, gerade nicht“, und dann lachen wir beide herzlich und der Kellner bringt mir den nächsten Kaffee. Sie mögen anscheinend auch meinen Humor hier. Wir behandeln uns gut, Prag und ich.

geschrieben am 9. September 2009 in Autoren-Blogs

Prager Legenden

Vor ein paar Tagen wurde ich zu einer Moldaufahrt eingeladen. Auf einem malerischen Moldaukahn, gesteuert von einem malerischen Kapitän, erklärte mir eine malerische Stadtführerin all das, was vom Wasser aus sehen konnte. Man konnte sehr viel vom Wasser aus sehen, und wir hatten nur eine Viertelstunde Zeit, also erklärte sie sehr schnell und weil ich die ganze Zeit versuchte, ebenfalls malerisch auszusehen, hörte ich nicht richtig zu. Ganz sicher sagte sie aber, dass sich um Prag und seine Bauwerke viele Legenden spinnen würden. Ich vermute, dass die meisten Städte das von sich behaupten. Legenden machen sich schließlich gut für Städte und besonders gut machen sie sich für Stadtführerinnen. Drei dieser Legenden will ich hier wiedergeben, da ich aber, wie gesagt, nicht ganz bei der Sache war, kann ich für ihre Wahrheit nicht garantieren, nicht einmal für ihre Wahrheit als Legenden.
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geschrieben am 1. September 2009 in Autoren-Blogs

Über das Glück des Findens von Abwesendem

In der Straße, in der ich wohne, befindet sich auch die amerikanische Botschaft. Es ist ein schönes Gebäude, in dem zum Ende seines Lebens für ein paar Monate Kafka gelebt hat. Morgens steht da immer eine kleine Schlange von Menschen, wohl um ein Visum zu beantragen, nachmittags lassen sich manchmal amerikanische Reisegruppen vor dem Gebäude fotografieren. Vielleicht haben sie Heimweh. Sonst ist wenig los.
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geschrieben am 23. August 2009 in Autoren-Blogs

Schicksalsgemeinschaften

Das frühe Aufstehen erleichtert das Sozialisieren: Mich grüßen jetzt schon der Trafikant, der Straßenfeger und der Mann mit den beiden identisch aussehenden Hunden. Nach acht wird es dann wieder anonym.

geschrieben am 21. August 2009 in Autoren-Blogs

Hunde und anderes im Überfluss

Heute habe ich gelernt, dass Prag die Stadt mit den meisten Hunden in Europa ist.
Sonst gibt es hier ebenfalls viel: Thai-Fußmassage-Salons und Uhren.
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geschrieben am 18. August 2009 in Autoren-Blogs

Im Little Italy Prags

Ich wohne, das konnte ich nicht ahnen, im Little Italy Prags. Es besteht aus genau einer Straßenecke, unmittelbar vor dem „Latin Art Café“, einer kleinen und nicht im engeren Sinne malerischen Bar auf der Kleinseite der Stadt, in der die ganze Zeit Gypsy Kings gespielt wird. Irgendwann am Abend gibt es dort auch einen Live-Act: montags, mittwochs und freitags den Sänger mit der tiefen Stimme, an den anderen Tagen den mit der noch tieferen, aber auch die spielen beide immer Gypsy Kings, und das hat dann etwas Beruhigendes. Ich weiß nicht, warum das „Latin Art Café“ der Treffpunkt der italienischen Touristen ist, vielleicht wissen sie es selbst nicht, man müsste wohl mal in der italienischen Ausgabe des Lonely Planet nachschlagen. Ich weiß auch nicht, wie die Italiener aussehen, ich höre nur ihre Stimmen. Am frühen Abend sprechen sie noch Italienisch, meistens in Mobiltelefone und meistens sehr laut, weil sie nach Italien telefonieren, und das ist weit weg, ab Mitternacht sprechen sie dann Englisch, wahrscheinlich weil sie auf schweigsame Nicht-Italienern einreden.
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geschrieben am 18. August 2009 in Autoren-Blogs

Die ersten Tage in Prag

Ich weiß, was sich gehört. In den ersten 48 Stunden in einer neuen Stadt sollte man Eindrücke sammeln, man sollte sich mit großen Augen überfordern lassen und sich daran erfreuen, dass jeder Schritt eine Entdeckung ist, und vorbildlich bin ich auch auf und ab gelaufen, kreuz und quer, über Brücken und durch Parks, durch Straßen und Gassen und Torbögen und Einkaufszentren, aber leider erkannte ich alles wieder. Jedoch nicht von meinen bisherigen – allesamt sehr kurzen – Besuchen in Prag, sondern aus vollkommen anderen Städten, aus nahe liegenden wie Budapest, wie Krakau, wie Bologna und Paris, aber auch aus Cluj, aus Graz, aus Bamberg, aus Mannheim. Ich stolpere von déja-vu zu déja-vu, und falle jedes Mal wieder darauf hinein, jedes Mal denke ich, das alles schon zu kennen, bevor mir auffällt, dass das nicht stimmt, dass es doch neu ist, dass es doch eigentlich fremd ist und daher auch befremden sollte. Aber das tut es einfach nicht, so sehr ich mich auch bemühe, und ich frage mich, warum es das um Himmels Willen nicht tut.
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geschrieben am 8. August 2009 in Autoren-Blogs
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