Vorweg eine Momentbetrachtung: Die Reibungsfläche, die sich aus den Stadtlauten und dem im Wohnungsinneren vorsichgehenden Denken und Schreiben ergibt, lässt vor allem nachts aufhorchen; einerseits Tastaturgeräusche und gelegentlich laut gesprochene Textpassagen, während andrerseits von Draußen das Johlen der Betrunkenen, Feuerwerksexplosionen und die Musik eines Openair-Konzertes durch die offenen Fenster dringen. Beinah in jeder zweiter dieser Nächte werden sämtliche dieser Geräusche von Unwettern vereinnahmt, der Raum füllt sich mit Regenklang und Blitzleuchten, das manchmal von der Ofenoberfläche in weißblauem Licht gespiegelt wird. Und noch eine weitere Beobachtung, in die ich vorhin gestolpert bin: Die Show der Hare Krishna-Anhänger auf dem Platz vor der Teyn-Kirche, mitten im Touristenherd Prags, war wirklich ganz große Klasse. Es findet dort nämlich gerade ein Fest statt, um die Vielfalt der Vedischen Kultur vorzustellen, mit Essenständen, Buchverkauf etc. und als Highlight gab`s heut Abend ein Konzert, und was die (bis auf die beiden Tontechniker und eine Tänzerin allesamt definitiv nicht aus Indien stammenden) JüngerInnen der Krishna-Religion mit ihren charakteristischen Frisuren und orangen Roben boten, war tatsächlich ein Musterbeispiel an Effizienz. Aus ein paar Trommeln, Tambourinen und einem größtenteils nur aus „Hare Hare Krishna Krishna!“ bestehenden Text derart viel Rhythmus rauszuholen ist – frei von allem Sarkasmus, stattdessen bewundernd und ehrlich gemeint - eine reife Leistung. Interessant auch zu beobachten, wie ein enthemmter Krishnahaufen vor der kleinen Bühne wildgeworden tanzte, mitsang, Kreisel drehte und umsonst versuchte, die ungläubig starrenden, auf Holzbänken platziert Bier süffelnden Rentnern und Familien zum Mittanzen zu animieren.
Nun aber zum Wesenskern dieses Blogeintrags: Unterwegs (ua auch zum alternativen Kunst- und Performancepalais Meetfactory am südwestlichen Rand und dabei entlang den Bahngleisen und der Autobahn an einigen Ruinen vorbeigekommen, die gelegentlich Schrotthändlern als Abstellplatz dienen, meistens aber nur von Stacheldraht umzäunt dem Verfall preisgegeben werden, höchstens für ein paar wenige Graffitis die Galerie bilden und ich frage mich nicht zum ersten Mal, wo die ganzen Prager Farbpracht hinverschwunden ist, denn es gab Zeiten, da kamen unzählige Österreicher von der Schulwoche in der tschechischen Hauptstadt ob der dortigen Stilvielfalt mit glänzenden Augen zurück, hatten ihr Erweckungserlebnis samt erstem Biervollrausch hinter sich und begannen aufgeregt, selbst zu sprayen) lassen sich in der Josefsstadt, dem vormals jüdischen Viertel, ähnlich wie in Wien am Gehsteig eingelassene Goldplatten entdecken, um den in den jeweiligen Häusern wohnhaft gewesenen Juden zu gedenken, die im 2. Weltkrieg deportiert und ermordet worden waren.
Auf vielen der in den Asphalt eingelassen zur Erinnerung dienenden Platten wird als Zielort der Deportierung Terezin (Theresienstadt) angegeben, und das ist mit ein Grund, weshalb ich mich in dieser Woche dorthin aufmache, vom Nadrazi Holosevice einen Bus in Richtung Dresden nehme und nach gut 50 Minuten an der Haltestelle zwischen Garnisonsstadt und Kleiner Festung aussteige. Erstere diente den Nazis, nachdem die tschechische Bevölkerung umgesiedelt worden war, als Auffanglager, um die Transporte nach Auschwitz oder Treblinka zu koordinieren sowie zur Vortäuschung einer nach Außen hin jüdisch selbstverwalteten Stadt (interessant sind in diesem Zusammenhang die erhaltenen Propagandafilme und andre Illusionen, die auch das Rote Kreuz täuschten. Es gibt etwa im ersten Hof des Gefängnisses einen Waschraum, mit beidseitig aufgereihten Spiegeln und Becken, die allerdings über keine Wasserleitung verfügen, sondern nur gebaut wurden, um den Inspektoren der internationalen Gemeinschaft den eigentlichen Sinn des Ghettos zu verheimlichen.) Die Kleine Festung wiederum war seit Grundsteinlegung Theresienstadts 1780 durch die Habsburger als Gefängnis konzipiert, in welchem unter anderem Princip, der Attentäter von Sarajewo, starb. Im Zweiten Weltkrieg übernahm Gestapo das Gelände, baute aus und sperrte ca. 32000 Juden, tschechische Oppositionelle und Widerstandskämpfer in die Kerker, die sich nach 1945 wiederum mit internierten Deutschen füllten.
So besuche ich also innerhalb der Schutzwälle der Stadtanlage besondere Punkte des Ghettos, das von Informationen überbordende Museum, die Totenhalle samt Kutsche und Särgen, die mit Originalkoffern, Jacken und Alltagsgegenständen vollgepackten Zimmer, worin die verschleppten Menschen jüdischen Glaubens auf Tod, Befreiung oder aber den Weitertransport in eines der Vernichtungslager warteten, betrachte in Dachstühlen gefundene Manuskripte, Zeichnungen und Schulzeitschriften, die von den jüdischen Kindern selbst herausgebracht und redigiert worden waren, lese von Einzelschicksalen und während in den Fensterecken Schwalbennester mit hungrig fiependen Küken kleben, geraten die Zeiten durcheinander: ein Galgen, Orte für Erschießungen, Steinigungen und Massengräber, modrige Einzel- und Gemeinschaftszellen (in einem der Holztische wurde sogar ein Schachbrett eingeritzt) und durch, zwischen und in diesem letzten Zeugenrest von Leid und Verbrechen folgen die Touristen den vom Guide vorgegebenen Pfaden, lachen, fotografieren, unterhalten sich, kaufen eisgekühlte Getränke, und ringsum zirpt der Sommer wie Schwalben in den Zellen aufgestört pfeifend nach draußen fliegen. Auf einer Sandinsel der Eger sitzen einheimische Jugendliche in der Sonne und werfen Steine in den Fluss, einige Meter stromabwärts von jener Stelle, an der zu Kriegsende die Gefangenen den Ascheinhalt von rund 22000 Urnen ins Wasser schütten mussten, um die Spuren der Naziverbrechen zu vertuschen.
Es lässt sich allerdings nicht von der Hand weisen, dass in Theresienstadt, inmitten des früheren Ghettos, nun wieder Familien leben, Pensionisten und Penner (einer davon gibt breitwillig Auskunft über die Busverbindungen, streicht sich dabei über den Bauch und lässt, wie er die Hand ausstreckt und als Gegenleistung Essen, Zigaretten oder Geld haben möchte, die schielenden Augen größer werden), dass es Restaurants gibt und Shops (gegenüber des Kasernenmuseums verfällt ein ähnliches Bauwerk, das Nahrungsdepot aus dem 17. Jahrhundert ist im Innenhof mit Autokarosserien und pflanzlichem Wildwuchs vollgestopft, hinter zerschlagenen Fenstern finden sich mit Gerümpel, geleerten Bierdosen und Schnapsflaschen übersäte Räume, und am Eck direkt gegenüber des Museums gibt es zudem einen Antik-Shop, ein als Flohmarkt vollgeräumter Laden mit CDs, Schallplatten, Akkordeons, Möbeln, Degen, Militärgewändern, Orden und Sturmgewehren samt Bajonettaufsatz), dass also eine Kleinstadt versucht, irgendwie über die Runden zu kommen, aufgrund der Vergangenheit allerdings kaum Möglichkeiten dazu hat. Denn der Großteil der Besucher macht es wie ich: Man kommt mit dem Bus, bleibt ein paar Stunden und haut, ohne viel zu konsumieren, abends mit der letzten Möglichkeit, fortzukommen, auch wieder ab. Denn sehen möchten Theresienstadt viele, länger als nötig bleiben will allerdings niemand. Vielleicht erscheint das Alltagsleben deshalb derart perspektivlos, im Schatten der abwechselnd renovierten und verfallenen Gebäuden sitzen Jugendliche am Straßenrand und betrinken sich, sitzen mit den Alten schweigend im Gasthof übers Bier gebeugt und niemand schert sich um die Flipperautomaten, oder fahren mit einem VW-Golf über die Sandwege des Hauptplatzes zum Stadtbrunnen, um dort ihren Hund schwimmen zu lassen.