Wort 5 - LED

Ein Beitrag von Christiane Neudecker

A. tritt auf den Gehsteig hinaus und ruft mich. Seit zwanzig Minuten irre ich zwischen den Straßenenden Kozi/Dušní und dem Moldauufer hin und her und kann den Eingang einfach nicht finden. Das Tor, durch das A. mich jetzt lachend winkt, ist unscheinbar, ich habe es vorher glatt übersehen: eine grünblaue, halbgeöffnete Blechtür, die auf einen kleinen Sportplatz führt. M. wartet am Kassenhäuschen. Er ist der Sohn von A., er ist schon ganz ungeduldig, er ist neun. Als er mich sieht, beginnt er zu hüpfen, die Sporttasche schlägt ihm gegen die Beine. Und ich streife meine Wollhandschuhe ab, ich angele nach meinem Portemonnaie und sage: „Ihr habt keine Ahnung, wie lang ich das nicht mehr gemacht habe.“
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Wort 4 - HLOUBKA

Ein Beitrag von Christiane Neudecker

Ich bin mitten im Palladium, als mir dieses Wort einfällt: Hloubka. Über mir baumeln glitzernde Weihnachtskugeln und blinkende Rentiere herum, hektische Passanten eilen mit schwingenden Einkauftüten an mir vorüber, aus den geöffneten Ladentüren orgeln mir mindestens drei verschiedene Melodien entgegen - und ich bleibe plötzlich stehen und denke: Hloubka.
Ich habe keine Ahnung, was das heißt. Ich weiß nicht einmal, wie man es ausspricht. Irgendwo muss ich das Wort gelesen haben, ich sehe es graphisch vor mir. Wahrscheinlich liegt es in einem der weihnachtlich dekorierten Schaufester herum, an denen ich gerade vorbeigelaufen bin - zwischen Lametta und Christbaumkugeln, zwischen Winterstiefeln und Wollmützen, auf Preisschildern oder Werbetafeln. Oder es ist auf dem Weg hierher auf einer der Straßenbahnen, die den Náměstí Republiky kreuzen, an mir vorübergefahren, hat auf Schienen mein Blickfeld durchquert und sich so in mein Gedächtnis gegraben.
Hloubka. Ich mag das Wort. Leise flüstere ich es vor mich hin, ich probiere die unterschiedlichsten Betonungen. Es liegt ein Versprechen im Stammklang dieser Buchstabenreihung, eine Ruhe, eine Dauerhaftigkeit. Gelöbnis könnte hloubka vielleicht heißen, oder: Freundschaft. Aus irgendeinem Grund glaube ich, dass das Wort, hätte es eine Farbe, Blau wäre. Ein tiefdunkles Nachtblau, grundiert von einem unterirdischen Leuchten.
Langsam setze ich mich wieder in Bewegung. Mit der Rolltreppe fahre ich tiefer hinab in das Innere dieses riesigen Einkaufstempels. Aus den Cafés im Untergeschoß steigt Wasserdampf auf, es riecht nach Milchschaum und Backschmalz. Ich habe vergessen, was ich hier wollte. Wahrscheinlich war es nichts Bestimmtes. Ich bin einfach dem Passantenstrom gefolgt, wollte sehen, wie das Gebäude, dessen Außenfenster sie mit Leuchtzahlen in Adventskalendertüren verwandelt haben, von innen aussieht. 200 steht draußen auf der Fassade, 200 Shops. Ich wollte mir das ansehen, 200 Läden in einem so schmal wirkenden Haus, aber jetzt will ich nur wieder heraus hier, die vielen Menschen machen mich müde.
Draußen ist es dunkel und kalt. Der Smog, den ich in den letzten Tagen für Nebel gehalten hatte, liegt noch immer dick über der Stadt. Ich schlage den Mantelkragen hoch und biege in die Seitengassen ein, die zu meiner Wohnung führen. Dass hloubka auch Wärme heißen könnte, überlege ich mir. Oder: Freiheit. Luft. Gesundheit. Etwas Angenehmes, Aufstrahlendes.
Die Zahlen fallen mir ein, als ich mich über die Engelsstiege zur Wohnung emporarbeite. 1,60 und 90. Sie haben etwas mit hloubka zu tun, da bin ich mir sicher. Es muss da eine Verbindung geben, hloubka, 1,60 und 90 oder andersherum: 1,90 und 60, das gehört alles zusammen, denke ich, aber ich habe keine Ahnung, warum, ich kann meinen eigenen Gedanken heute nicht folgen. Ich öffne die Wohnungstür. Ein leichter Geruch nach Chlor schlägt mir aus dem Badezimmer entgegen. Und auf einmal weiß ich es wieder.
Gestern war ich schwimmen im AXA. Eine 25-Meterbahn haben sie dort in den Keller des Gebäudes hinein gemauert. Wenn man am Einlasstresen bezahlt hat und zu den Damenumkleiden läuft, kommt man an einer Fensterfront vorbei. Dort kann man, wie von einer verglasten Galerie, auf das Becken herabschauen. Ein alter Mann saß auf einem Holzstuhl vor der Scheibe. Er sah unter sich die Schwimmer ihre Bahnen ziehen, auf ihn zu, von ihm weg. Er saß nach vorne gebeugt, seine Ellenbogen hatte er auf den Knien abgestützt, unter ihm flitterten Lichtreflexe über die bewegte Wasserfläche, er sah traurig aus. Als ich später selbst unten im Wasser war, fiel er mir wieder ein. Ich ließ mich bei der Kehrtwende auf den Rücken treiben und sah zu ihm hoch, aber ich konnte hinter der Scheibe nichts erkennen. Stattdessen streifte mein Blick eine Aufschrift an der Seitenwand. Hloubka stand da in großen, dunkelblauen Lettern, und: 90. Und am anderen Ende des Beckens: hloubka 1,60.
Höhe muss das also heißen, denke ich, und werfe meinen Mantel auf die Garderobe. Ich bin enttäuscht. Die Bedeutung kommt mir so kalt und nüchtern vor, sie passt nicht zu dem Gefühl, das ich für das Wort hatte. Dass ich die Stimmung in der Schwimmhalle auf das Wort projiziert haben muss, denke ich mir. Das Gefühl meines umspülten Körpers, das Blau unter mir. Das Lachen in der aufgeheizten, feuchtigkeitsdurchtränkten Luft. Aber so ist das, ich muss es einsehen: einzelne Worte können einen Zustand nicht festhalten, sie spiegeln ihn nur.
Erst als ich gerade das Teewasser aufsetze, merke ich, dass ich einen Fehler gemacht habe. Ich habe den Blickwinkel verdreht. Das Wort war, vom Wasser aus gesehen, über mir, ich habe es von unten betrachtet und deswegen mit Höhe übersetzt. Aber die Bedeutung ist eine ganz andere, eine viel passendere: die Tiefe.
Mit der Teetasse in den Händen trete ich lächelnd an das Sofa heran. Draußen schlägt die Kirchturmuhr. Ich sinke.

Gespräche beim Frühstück

Ein Beitrag von Friederike Kenneweg

In der Pension sitzt man immer mit anderen am Frühstückstisch. Insbesondere die Leute, die alleine da sind, werden gemeinsam an einen Tisch gesetzt. Nicht zwangsläufig führt das dazu, dass man sich auch unterhält.
Der österreichische Filmemacher, der einzige, mit dem ich keine Sprachprobleme zu überwinden hätte und der, wie ich, länger in der Pension wohnt und nicht nur ein paar Tage – mit dem rede ich überhaupt nicht. Zum Frühstück trinkt er nur seinen Kaffee, schwarz, mit Zucker, geht vor die Tür und raucht seine zwei oder drei Guten-Morgen-Zigaretten. Als er mir einmal doch länger gegenüber saß, hustete er nur unentwegt und beschäftigte sich ausführlich mit seinem Smartphone. Wir haben uns beide hinter unserem Englisch versteckt und sind nicht mit dem Deutsch herausgerückt. Mit dem Pensionswirt sprechen wir beide immer englisch, und zu mir sagt er, wenn er mich im Gang trifft - eine sehr gute Tarnung und die kleinstmögliche Kraftanstrengung – immer nur „Hi“.

Dass er Österreicher ist und ich also mit ihm deutsch sprechen könnte, weiß ich überhaupt erst dadurch, dass eine Französin eines Morgens mit am Tisch saß. Die Dame mit rotgefärbtem kurzen Haar und einer breitrandigen schwarzen Dolce- und Gabbana-Brille, beschäftigte sich ebenfalls mit ihrem Smartphone. Offensichtlich bereits alterssichtig, sah sie über den Rand ihrer Brille auf das Display. Sie hatte Probleme damit ins Internet zu kommen. Das Smartphone war auf Französisch eingestellt, so dass auch der Pensionswirt und ich ihr nicht so recht helfen konnten. „Appuyer sur le Button WPR sur“ — wir verstanden es nicht.
Ein Telefon sollte zum Telefonieren gut sein, sagte der Wirt, und es tauge doch nichts, wenn es nicht telefonieren könnte, so wie ihrs. Aber immerhin, sagte er und wies auf das schöne Herbstbild, das auf dem Handy zu sehen war, könne man mit ihrem ja schöne Bilder mit sich rumtragen. Das veranlasste die Französin, unempfänglich für die Ironie des Wirts, uns tatsächlich Bilder zu zeigen, von ihrer kleinen Hütte in den Bergen und der Wiese davor.
In diesem Moment kam der Filmemacher durch den Frühstücksraum, und der Wirt rief ihn dazu – „Hannes“, sagte er, „maybe you can help us, that is, help her.“ Hannes hätte einen österreichischen Mobilfunkvertrag gehabt und wäre anfänglich hier auch nicht ins Netz gekommen, sagte Hannes. Aha, Österreicher also, dachte ich.
Unterdessen hätte er aber aus Kostengründen sowieso eine tschechische Karte. Nein, er könne nicht helfen, sagte er, und schon war er wieder aus der Tür.

Wie sich herausstellte, war die Französin eine Galeristin aus Lyon, die mit den Bildern abstrakter tschechischer Maler handelte. Mit dem Pensionswirt, der ebenfalls malt, war sie schnell in eine Diskussion über die Situation der tschechischen Kunst verstrickt. Es gäbe nichts Neues mehr, die jungen Leute machten Dinge und hielten sie für sehr neu, und dabei sei das doch nur ein Abklatsch dessen, was es schon in den Sechzigern gegeben hatte. Das sei zwar ein Problem auf der ganzen Welt, sagte der Wirt, aber doch besonders in Tschechien, wo man in allem immer fünfzig Jahre hinterher sei, besonders aber in der Kunst. Im Hintergrund klang leise das Oldiesradio.

Was das denn sei, in diesem süßen Brot, fragte die Französin, die Füllung. In Österreich würde man es wohl Topfen nennen, in Deutschland Quark, dachte ich. Aber was war das nur auf Französisch?
Der Wirt sagte: „That is Rucola!“ Ich musste lachen. Nein, Rucola war das gewiss nicht, er meinte wohl etwas anderes. Aber was doch gleich. Nicht Rucola. Nicht Mozzarella. Nicht Marsala. Das, was in Tiramisu drin ist. Mascarpone! „Something like Mascarpone, yes!“, sagte der Wirt. Und ich wunderte mich über meine Assoziationskette voller italienischer Essensumwege.
„It is cold outside“, sagte die Galeristin. “And I did not bring my gloves!”
In Lyon seien es um die 20 Grad gewesen, als sie von dort losgefahren sei. Sie habe zwar im Internet nach dem Wetterbericht geschaut, aber als sie gesehen habe, dass es dort nur 3 Grad seien, habe sie sich gesagt: „Das kann nicht sein!“ und ihre Handschuhe trotzdem nicht eingepackt. Wie es denn in Berlin sei, fragte sie mich, und dass dort das Wetter doch auch ganz anders als in Prag sein müsse. Ich verneinte verwundert – nein, es sei ganz ähnlich. Ihre Tochter sei im August in Berlin gewesen, und da seien es um die 30 Grad gewesen, unerträgliche Hitze. Ich erklärte der Französin, dass es im Sommer durchaus mal sehr heiß sein könne in Berlin, aber im Winter auch ziemlich kalt. Als sie daraufhin irgendwas von der Zeitverschiebung zwischen Berlin und Prag sagte, war ich vollends verwirrt und fragte mich, welch ein seltsames Land Berlin in ihrer Vorstellung sein muss und wo es liegt, wenn es dort immer warm ist und es so weit von Tschechien entfernt ist, dass man bei einer Reise wie meiner eine enorme Zeitverschiebung in Kauf nehmen muss. Aber vielleicht hatte ich sie auch mal wieder nur falsch verstanden.

Die kaputte Dusche

Ein Beitrag von Friederike Kenneweg

Mit außerordentlich guter Laune war ich erwacht, und dass heute die Brötchen sehr trocken waren und es zum wiederholten Male nur Erdbeermarmelade gab, sollte mir das nicht verderben. Auch nicht, dass die polnische Reisegruppe gleich am Morgen Liedchen gesungen hatte, Dzien Dobry, dzien dobry, viel zu laut und rücksichtslos für meinen Geschmack. Als ich dann aber unter der Dusche stand und diese blieb und blieb kalt – das war eine harte Probe. Ich fluchte auf die polnische Reisegruppe und verdächtigte sie, das ganze warme Wasser verbraucht zu haben. Ein Glück, dass die heute endlich abreisen würden.

Am nächsten Morgen stand ich wieder da und die Dusche blieb kalt, und da schwante mir, dass ich die Polen ganz zu unrecht verdächtigt hatte und dass nämlich einfach die Dusche kaputt war.
„Ich habe ein kleines Problem“, sagte ich zum Pensionswirt, und er schloss mir fürs Erste ein anderes Bad auf und versprach mir, sich darum zu kümmern. Ein Mann würde kommen, der sich mit Boilern auskannte.
Wie dumm von mir, überhaupt, die Polen zu verdächtigen, hatte ich doch schon beim Beziehen des Zimmers gemerkt, dass ich einen ganz eigenen Boiler für die Warmwasserversorgung in meinem Bad hatte, der riesenhaft, rund und dick über dem kleinen Raum thronte. Aber wenn man erst mal will, dass jemand schuld ist, übersieht man ja gerne alle entlastenden Indizien. Es war mir unangenehm zu bemerken, dass auch ich davor nicht gefeit war.

Am nächsten Tag saß ich mit meinem Laptop am Tischchen im Eingangsbereich, an dem nämlich auch das Internet funktioniert, als es klingelte. Vor der Tür stand ein kleiner Mann mit Schnauzbart, der einen großen Werkzeugkoffer mit sich trug.
„Here you meet your master!“ sagte der Pensionswirt, der hereingeschossen kam, um die Tür zu öffnen.
„My master?“ Den hatte ich mir, ehrlich gesagt, anders vorgestellt. Auf jeden Fall schon mal größer.
“You know, the shower!“ Ja, im Boiler reparieren würde mir der kleine Mann zweifellos haushoch überlegen sein.

Eine Stunde lang belegte der kleine Mann mein Badezimmer. Ich war unterdessen mit meinem Laptop in die Gemeinschaftsküche umgezogen. Dort kam der Pensionswirt zwischendurch vorbei, um mich auf dem Laufenden zu halten.
„Look, thats what it was!“, sagte er und hielt mir ein kleines Teil unter die Nase, ein Stück Metall in Form und Größe einer Streichholzschachtel, aus dem wie Fühler oder Beine Drähte heraushingen. „Kaputt!“ sagte er und ließ mit einem Knall den metallenen Mülleimer darüber zuschnappen. D
as Teil erinnerte mich an die Maschinenmonster aus Matrix, und es hätte mich nicht gewundert, wenn ein keckerndes Geräusch aus dem Mülleimer gekommen wäre, wenn die Drähte sich über den Eimerrand gebogen hätten, wenn das Tierchen-Teilchen kakerlakenartig unter der Küchenablage verschwunden wäre. Aber zum Glück war es kaputt.

Eine weitere halbe Stunde später war die Dusche repariert und ich konnte mich wieder ungestört in mein Zimmer zurückziehen. „So everything is ok“, sagte der Pensionswirt, und so sah es auch aus, auf den ersten Blick. Nur auf dem Badezimmerboden lag noch eine einzelne Schraube.
Über mir der dicke, runde Boiler, von dem ich jetzt wusste, dass er voll war von kleinen, keckernden Kakerlakenmaschinen, die von dem kleinen Mann mit der großen Tasche befehligt wurden und die ihre Drahtfühler umeinander schlangen, um mein heißes Wasser zu erzeugen. Ich hoffte sehr, dass die Schraube nicht unbedingt notwendig war, um diese Boilerbombe zu verschließen und den Kakerlakenstaat daran zu hindern, sich in das Badezimmer zu ergießen, sich durch die Tür zu fressen, meine Bücher, meine Kleider, den Schrank und das Bett zu erobern und schließlich mich mit Metalleibern zu umspülen, mich mit feinen Drähten zu betasten und mich fortzutragen, ohne dass ich mich wehren könnte, eingesponnen in einen Kokon aus Kupfer.

Ein Zauberwort

Ein Beitrag von Friederike Kenneweg

Innerhalb des deutschsprachigen Theaterfestivals wurde ein Puppentheaterstück gezeigt, „Ali Baba und die vierzig Räuber“, von einem Theater aus Liberec. Es wurde auf Tschechisch gespielt. Weil es für Kinder war, gab es keine Übertitel, sondern eine Erzählerin fasste zwischen den Szenen kurz die Handlung zusammen.
Was mir davon im Ohr geblieben ist? - “Sezame, otevři se!”
Wenn das der Schlüssel zur tschechischen Sprache wäre! Schwer genug, das auszusprechen, aber wenn es gelänge, läge sie vor mir wie eine Höhle voll Gold. Stattdessen gehe ich durch die Stadt und versuche mich in den Bäckerläden darin, die Namen der Backwaren richtig vorzulesen. Doch so wie Ali Babas Bruder Kasim in seiner Verzweiflung „Hirse, öffne dich!“ und „Reis, öffne dich!“ sagt, so kommen auch mir die Worte nicht richtig über die Lippen. So sehr ich auch die Ohren spitze, so sehr ich die Augen aufreiße, die Gespräche an den Nachbartischen, die Nachrichten im Radio, die Zeitungen und Buchseiten bleiben mir verschlossen; da hilft kein „Sesam, öffne dich“.

Teufelskreis

Ein Beitrag von Friederike Kenneweg

An einem Morgen in der Pension lief nicht wie sonst das Oldiesradio, sondern stattdessen eine CD. Es dauerte eine Weile, bis ich begriff, dass der CD-Player in dem Lied hin und her sprang, allerdings eher sanft, mit einer fast unauffälligen unentwegten Wiederholung der einzelnen Teile. So sang der Sänger andauernd davon, dass er einen Fehler gemacht hatte, und klagte wieder und wieder: „When will I ever learn?“

Ich war seltsam fasziniert davon und doch sehr erleichtert, als endlich der Player auf einen anderen Song sprang: Gott sei Dank, Veränderung ist möglich.

Auf das neue Buch!

Ein Beitrag von Friederike Kenneweg

Einmal war ich hier bei einer Buchtaufe.
Ja, in Tschechien werden die Bücher getauft, wenn sie frisch herausgekommen sind. Sie werden nicht nur präsentiert, es wird nicht nur aus ihnen vorgelesen – nein, sie kriegen fast wie bei einer Schiffstaufe einen kleinen Schluck Sekt über den Schutzumschlag gegossen, und ich habe mir sagen lassen, dass es eine kleine Kunst ist, diese Taufe so zu vollziehen, dass das Buch selbst keinen Schaden nimmt. Den Namen hat es natürlich schon vorher. Das Schöne an einer Buchtaufe ist, dass man dabei viel deutlicher sieht, alle sind zu dieser Gelegenheit zusammen gekommen, um dem neuen Buch auf seinem Weg in die Welt viel Glück zu wünschen.

Krieg und Frieden

Ein Beitrag von Friederike Kenneweg

Der erste Theaterabend, den ich hier besucht habe, beim deutschsprachigen Theaterfestival in Prag, das war „Krieg und Frieden“ vom Burgtheater.
Man fuhr hinaus zu den Barrandov-Studios, dem großen Filmgelände. Dort dauerte es einen Moment, bis ich begriff, dass die Straße „M.Formana“ nach Miloš Forman benannt war. Über einen roten Teppich betrat man eine große Halle, die aus mächtigen Holzbalken zusammengefügt war, in den 40er Jahren gebaut, so sagte man mir, weil Joseph Goebbels sich ausgedacht hatte, in Prag neben Babelsberg noch einen weiteren großen Filmstandort zu etablieren.
Eine breite Tribüne bildete den Zuschauerraum. Auf der Bühnenfläche war eine sehr lange Tafel aufgebaut, aus vielen kleinen Tischen zusammen gesetzt, daran sehr viele Stühle. Ein Modell des Casino-Raumes, in dem das Burgtheater diese Produktion sonst zeigt, und das abgefilmt wurde mit mobilen Kameras, ein Flügel, ein DJ-Pult mit Mischpult und allerhand Soundgerätschaften. Neben der Bühnenfläche Leinwände, darauf wurden vor dem Beginn die Sponsoren projiziert, Siemens. T-Mobile, RWE, verschiedene Ländervertretungen und Medienpartner.

Tolstois Roman wurde erzählt und verkörpert zugleich. Etwa 12 Schauspieler übernahmen all die verschiedenen Figuren, und je nachdem, was sie erzählten, verwandelte sich die lange Tafel in einen Salon, in einen Gutshof, in ein Theater, in eine Schneelandschaft. Spielte der Pianist auf dem Flügel, fielen die auf den Saiten aufgestellten Spielzeugsoldaten um. Im Nebel und durch die große Seitentür trat Bonaparte auf – klein und dick, ein großer Auftritt, Udo Samel. Auf der Leinwand wurde angezeigt, auf welcher Seite des 1000-Seiten-Wälzers man sich gerade befand. All die Liebes- und Lebenskonflikte entrollten sich, Heiratsanträge, Küsse, Saufgelage, dazu immer der Krieg; der Krieg, der Frieden und der Tod, und während irgendwo auf dem Schlachtfeld die Soldaten starben, beschäftigte sich Natascha mit der dringenden Frage, welches Kleid sie auf dem Ball tragen sollte.

Nach dem langen Theaterabend kam ich in den Gemeinschaftsraum der Pension. Dort saß einer der beiden serbischen Männer, die seit ein paar Tagen im Zimmer neben meinem wohnten. Wir waren gleich bei ihrer Ankunft ins Gespräch gekommen, weil ich ihnen mit dem recht widerspenstigen Internetzugang geholfen hatte. Zudem hatten sie mich gefragt, warum sich die Leute hier in den Geschäften sträubten, Euros anzunehmen. Darauf konnte ich ihnen keine Antwort geben, was sie verwunderte, weil sie mich für eine Tschechin hielten, und die hätte das doch wissen müssen. Ich begriff auch erst nach und nach, dass wiederum sie gar keine Tschechen, sondern Serben waren.

Jetzt also saß dieser serbische Mann am Küchentisch, war erkältet und sehnte sich, wie er sagte, nach Zuhause. Er war nicht im Urlaub in Prag, sondern zum Arbeiten. Seit mehreren Tagen hatten sein Kollege und er immer 14 Stunden am Stück malocht, irgendwas mit Tapeten und Anstreichen, für eine Frau aus Serbien, die hier einen gut gehenden Laden hatte. Kein Wunder also, dass er erschöpft war. Aber er war selbst verwundert davon, dass er nach den paar Tagen so sehr seine eigene Sprache vermisste, und richtige Tomaten, zum Beispiel. Dass die Tomaten hier gar nicht nach Tomaten schmecken, sondern nach Styropor. Da könne er wohl froh sein, dass Serbien nicht in der EU ist, sagte ich.

Er erzählte von Belgrad und dass die Leute im sonstigen Europa eine völlig falsche Vorstellung davon hätten, wie es dort sei. Das sei eine ganz normale Stadt, so wie hier, sagte er. Bis zu den Nato-Bombardements 1999 sei dort keine Spur von Krieg gewesen. Und überhaupt, wer da eigentlich wem etwas vormacht. Es habe in Serbien eine gut gehende Zigarettenfabrik gegeben, die sozusagen ganz Südeuropa mit Zigaretten versorgt habe. Und bei den Bombardements sei gerade diese Fabrik zerstört worden, obwohl dort keine militärischen Ziele in der Nähe gewesen wären. Ein paar Jahre später wurde die Fabrik wieder aufgebaut, von Philip Morris. Geht es da wirklich um Menschenrechte, fragte er mich, und darum, wer gut und wer böse ist?

Da saßen wir also zusammen in diesem Gemeinschaftsraum, aber plötzlich war er nicht mehr nur er, sondern Serbien, und ich nicht mehr nur ich, plötzlich war ich Deutschland und Europa und der ganze Westen. Was sollte ich da bloß für eine Antwort geben? Ich sah ihn nur hilflos an.

Dass er bis 1991 jeden Sommer mit zwei anderen Jungs verbracht hatte, erzählte er, der eine aus Deutschland, der andere aus Frankreich, aber ihre jeweiligen Großeltern kamen aus demselben serbischen Dorf, und so trafen sie sich dort in den Ferien, jedes Jahr, bis sie so 15 oder 16 waren. Und dann kam der Krieg, und die anderen kamen nicht mehr, und so hätten sie sich aus den Augen verloren. Er habe inzwischen auch im Internet nach ihren Namen gesucht, und bei facebook – aber er habe sie nicht finden können.

Ich stelle mir diese europäische Freundschaft vor, Deutschland, Frankreich, Serbien, und wie die drei jeden Sommer aus den verschiedenen Himmelsrichtungen in dieses Dorf kamen, vor meinem inneren Auge eine Wiese und ein paar Apfelbäume, dort sehe ich sie sitzen. Und dann, wie er in dem einen Sommer alleine auf der Wiese saß und alleine blieb. In mein Bild versunken sage ich, das sei aber sehr schlimm, was der Krieg da zerstört habe. Der Serbe entgegnet harsch, der Krieg habe noch ganz andere Dinge zerstört. Ich komme mir töricht vor, so wie Natascha mit ihrem Ballkleid. Krieg. Und ich trauere drei Teenagern unter Apfelbäumen nach.

Obwohl es ja genau solche Dinge sind, die unter anderem Tolstois 1000 Seiten füllen, der Kontrast zwischen Groß und Klein, zwischen Privat und Global, die Einzelnen mit ihrem kleinen Leben, mit ihren Sehnsüchten und Leidenschaften, in die Geschichte geworfen, zwischen die Fronten geraten, unter die Räder gekommen. Und es sind ja immer die ganz kleinen Dinge, um die man trauert, eine unfassbare Masse an kleinen Dingen, so dass für jedes einzelne gar nicht mehr genug Aufmerksamkeit da ist.

So sehe ich uns hier sitzen, den serbischen Mann und mich, den Weg, den wir hierher nach Prag gekommen sind, und die Zusammenhänge, in denen wir stehen, unsere Hintergründe und die Abgründe, die sich dazwischen auftun. Darüber hinweg wünsche ich ihm eine gute Nacht und eine gute Reise zurück und viel Erfolg noch am letzten Arbeitstag.

Wort 3 - HLUK

Ein Beitrag von Christiane Neudecker

Sie tun es wieder. Der dritte Morgen in Folge ist das jetzt und diesmal öffne ich mit einem Ruck das Dachlukenfenster. Ich bin sicher, dass das Klopfen und Hämmern über mir ist, es dröhnt von oben durch das Gebälk hindurch, die Wände zittern, das Fensterglas bebt. Irgendwo dort droben müssen sie einen neuen Schornstein errichten, mindestens, oder eine ganze Autobahntrasse, aber das kann gar nicht sein, das geht überhaupt nicht, denn über mir ist der nebelfahle Prager Himmel und sonst nichts. Fluchend lehne ich mich noch ein bisschen weiter aus dem Fenster hinaus, ich kralle mich in die brüchigen Dachschindeln hinein, aber so sehr ich mich auch recke und strecke: es bleibt dabei, da ist nichts, nur eine frierende Taube sieht mich verwundert an.
So geht das nicht weiter. Ich kann mich nicht konzentrieren, ich werde aus meinen Gedanken heraus gehämmert, Schlag um Schlag. Meine Sätze werden erschüttert, ganze Worte brechen ab und stürzen in den Abgrund, der mit dem Lärm unter mir aufklafft.
Aber ich versuche es. Ich setze mich zurück an den Schreibtisch und starre meinen Monitor an. Ich lasse mich nicht vertreiben, ich habe schon ganz andere Baustellen überschrieben. Meinen ersten Roman habe ich durch eine komplette Balkonsanierung hindurch gerettet, Wände wurden eingerissen, Stahlträger verankert, aber ich blieb sitzen, ich grüßte die Bauarbeiter durch die Bruchstellen meiner Arbeitszimmerwand hindurch und senkte den Kopf und schrieb.
KRACH. Da ist es wieder, dieses phonetisch so treffende deutsche Wort. KRACH. Und jetzt gebe ich auf, ich schleudere einen Radiergummi gegen die Wand und dann öffne ich meinen mailaccount. A. muss in ihrem Büro sein, sie arbeitet bei einem internationalen Autohersteller, ich will sie nicht mit einem Anruf stören und schreibe ihr stattdessen eine mail. „Krach!“, schreibe ich, „hast Du dafür ein tschechisches Wort?!“
Ich bin gespannt, was sie antwortet. Natürlich könnte ich die Übersetzung online nachschlagen, ich könnte eines der verstaubten Wörterbücher aus den hochliegenden Regalen dieser Wohnung ziehen. Aber A. ist meine Brücke zu dieser Sprache. Und sie ist einer der Gründe (der wichtigste!), warum ich hier bin.
Lange muss ich nicht warten, auf A. ist Verlass, „Hluk“, schreibt zurück, „Ugs: Kravál, Bordel.“ Und: „Aperitif im Gate um 5?“
HLUK. Hluk gefällt mir, es ist ein nervendes Wort, das passt. Auf Kravál hätte ich selbst kommen können. Aber am meisten fasziniert mich: Bordel. Wo kommt das her? Machen Freudenhäuser so viel Lärm? Hat sich all das Gestöhne mit seinen Lustschreien in der tschechischen Sprache niedergeschlagen? Jetzt konsultiere ich doch die online-Wörterbücher. Babylon will das deutsche Äquivalent nicht kennen und behilft sich lieber mit „hell of a mess“. Slovnik ist da nicht so zurückhaltend: „Puff (der)“, „Sauwirtschaft (die)“, „Bordell (vulg.)“. Vielleicht, denke ich, brauche ich ein Kontext-Wörterbuch. „Scheissloch“, schlägt linguatools höflich vor, oder - in einem anderen Zusammenhang - „Unrat“. Wahrscheinlich, beschließe ich, ist „Bordel“ so etwas Ähnliches wie im Fränkischen das „Gwärch“. Das kann auch alles Mögliche heißen, im Zweifelsfall eben auch „Krawall“. Ich werde A. später im Gate dazu befragen.
Wieder erschüttert ein Schlag die Wohnung. Auf der Tischplatte vor mir zuckt mein Roman zusammen. Wir sehen uns an. Und plötzlich springt mein Roman vom Schreibtisch, er wieselt in den Flur und stupst dort mit seinen Blätterkanten meine Schuhe in meine Richtung.
Ich weiß, was er meint. Er ist es gewohnt, dass wir rausgehen. In Berlin sind wir oft in einem Café, das ich inzwischen „mein Schreibcafé“ nenne. Die Besitzer dort haben sich daran gewöhnt, dass ich stundenlang am gleichen Tisch herumsitze und mir ab und zu wehklagend die Haare raufe. Es war nicht einfach, dieses Café zu finden. Alles muss da stimmen: das Licht, der Lautstärkepegel, die Tischhöhe, die Bedienung, die Zusammensetzung der anderen Gäste. In den letzten Tagen habe ich in Prag ein solches Café gesucht. Das Slavia ist dafür nicht geeignet, es käme mir wie Ketzerei vor, dort meinen Laptop aufzustellen. Und auch das Café Louvre ist kein Arbeitscafé. Fündig wurde ich in der Palackého. Das Café dort hat einen hellen, lang gestreckten Durchgangsraum, in dem nur Leute sitzen, die sich konzentrieren. Der Manager dort ist immer missmutig, er mag keine Kunden. Aber mich hat er jetzt am Hals.
HLUK. Es reicht. Dieses Bordel hier geht mir heute echt auf die Nerven und mein Roman zappelt herum und hält mir die Netzschnur meines Laptops hin, auffordernd, wie ein junger Hund, der seine eigene Leine apportiert.
Ist gut. Ich komm ja schon.

Wort 2 - ČAS

Ein Beitrag von Christiane Neudecker

Der Letná-Park ist fast leer. Ich laufe und laufe auf der Parkhöhe herum, tief unter mir rauscht der Verkehrsstrom stadteinwärts, die Sohlen meiner Joggingschuhe schlagen hart auf dem Asphaltboden auf. Mit jedem Windstoß stürzen Kaskaden von Herbstblättern auf mich herab, blutrot und senfgelb werfen sie sich mir aus den Baumkronen entgegen, sie schneiden durch meine Atemwolke hindurch, mein schwitzender Körper stoppt ihren Fall. Auf den Wegen und Rasenflächen ist niemand zu sehen, nur unter einem halbkahlen Baum gleitet eine Gruppe Asiaten von einer Tai-Chi-Position in die nächste. Ich biege in eine Kurve ein und bin da.
Was denn „Zeit“ auf Tschechisch heiße, habe ich A. gestern gefragt. Wir saßen im Auto, es war furchtbar früh. Vor den Raureifumrandeten Autofenstern gähnte der Morgennebel, alles war bleich, die Straßen vereist. Gemeinsam mit J. fuhren wir M. in die Schule. Wir waren spät dran, aber wir konnten nicht schneller, wir rollten langsam durch das sich verdichtende, weißliche Nichts, bis ich nach der Zeit fragte, ihrer tschechischen Bezeichnung. Und A. gab diesen Laut von sich, der klang wie ein flüchtiges Vorüberhuschen, und den ich ganz großartig und treffend fand und sofort wieder vergaß.
Im Deutschen hat mir das Wort „Zeit“ nie gefallen. Es scheint mir unpräzise, es klingt, finde ich, zu verlässlich, zu berechenbar. Und es ist nur in eine Richtung brauchbar: man kann es dehnen, aber nicht abkürzen. Irgendwie sei das doch nichts, sagte ich gestern zu A., man bräuchte mehrere Begriffe für „Zeit“: verkürzende, verlängernde - oder zumindest ein wandelbares Wort, das sich an- und umbauen lasse, so wie die Transformer in M.s Spielzeugkiste. A. seufzte und sah auf die Uhr.
Vorhin habe ich es noch einmal nachgeschlagen. Čas. Ein gutes Wort ist das. Es passt zu dem riesigen Metronom, das sich jetzt hoch über meinem Kopf durch den Herbsthimmel schwingt. Vom Sockel des ehemaligen, gesprengten Stalin-Denkmals aus reckt es sich mit seinem meterlangen Pendel über die Stadt. Vratislav Karel Novák hat es entworfen und, so wurde mir erzählt, am 15.5.1991 zum ersten Mal in Bewegung versetzt. Aus der Ferne sieht die Pendelbewegung des Metronoms gleichmäßig aus. Scheinbar unbeirrt gleiten die Stunden und Minuten auf der Letná-Ebene herum und mahnen leise flüsternd die Vergänglichkeit an: čas, čas. Aber schon aus der mittleren Entfernung sieht man das Nachzittern, mit dem sich die motorbetriebene Nadel am jeweiligen Wendepunkt abstößt. Tritt man dann noch näher heran, werden die Unebenheiten immer klarer, man hört das Rattern und Surren der Mechanik, die Zeit fließt nicht, sie ruckt.
Das Libretto für eine Albert-Einstein-Oper habe ich einmal geschrieben. Die Hauptfigur - der “Mensch” - konnte darin einfach nicht verstehen, dass nichts schneller sein soll als das Licht. „Wie kann das sein“, sang also die Sopranistin, “in meiner sich biegenden Zeit bliebe ich jünger beim Reisen? Wo sich bewegte Uhren verlangsamen, suche ich mich in den Ziffern einer zerrinnenden Welt.“ Später trifft sie auf die Zeit selbst, aber auch die wird ihr ihre Fragen nicht beantworten.
Vielleicht, denke ich, kann man Phänomene gar nicht benennen. Worte sind nur Versuche, wir nähern uns an. Und auch čas trifft es nicht, nicht wirklich.
In der Ferne ruft eine Frau nach ihrem Hund. Von der Stromzuleitung zum Metronom baumeln verknotete Schuhe im Wind, ich habe vergessen, warum. Meine Hände werden kalt. Ich muss zurück, es wird Zeit.

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