Der erste Theaterabend, den ich hier besucht habe, beim deutschsprachigen Theaterfestival in Prag, das war „Krieg und Frieden“ vom Burgtheater.
Man fuhr hinaus zu den Barrandov-Studios, dem großen Filmgelände. Dort dauerte es einen Moment, bis ich begriff, dass die Straße „M.Formana“ nach Miloš Forman benannt war. Über einen roten Teppich betrat man eine große Halle, die aus mächtigen Holzbalken zusammengefügt war, in den 40er Jahren gebaut, so sagte man mir, weil Joseph Goebbels sich ausgedacht hatte, in Prag neben Babelsberg noch einen weiteren großen Filmstandort zu etablieren.
Eine breite Tribüne bildete den Zuschauerraum. Auf der Bühnenfläche war eine sehr lange Tafel aufgebaut, aus vielen kleinen Tischen zusammen gesetzt, daran sehr viele Stühle. Ein Modell des Casino-Raumes, in dem das Burgtheater diese Produktion sonst zeigt, und das abgefilmt wurde mit mobilen Kameras, ein Flügel, ein DJ-Pult mit Mischpult und allerhand Soundgerätschaften. Neben der Bühnenfläche Leinwände, darauf wurden vor dem Beginn die Sponsoren projiziert, Siemens. T-Mobile, RWE, verschiedene Ländervertretungen und Medienpartner.
Tolstois Roman wurde erzählt und verkörpert zugleich. Etwa 12 Schauspieler übernahmen all die verschiedenen Figuren, und je nachdem, was sie erzählten, verwandelte sich die lange Tafel in einen Salon, in einen Gutshof, in ein Theater, in eine Schneelandschaft. Spielte der Pianist auf dem Flügel, fielen die auf den Saiten aufgestellten Spielzeugsoldaten um. Im Nebel und durch die große Seitentür trat Bonaparte auf – klein und dick, ein großer Auftritt, Udo Samel. Auf der Leinwand wurde angezeigt, auf welcher Seite des 1000-Seiten-Wälzers man sich gerade befand. All die Liebes- und Lebenskonflikte entrollten sich, Heiratsanträge, Küsse, Saufgelage, dazu immer der Krieg; der Krieg, der Frieden und der Tod, und während irgendwo auf dem Schlachtfeld die Soldaten starben, beschäftigte sich Natascha mit der dringenden Frage, welches Kleid sie auf dem Ball tragen sollte.
Nach dem langen Theaterabend kam ich in den Gemeinschaftsraum der Pension. Dort saß einer der beiden serbischen Männer, die seit ein paar Tagen im Zimmer neben meinem wohnten. Wir waren gleich bei ihrer Ankunft ins Gespräch gekommen, weil ich ihnen mit dem recht widerspenstigen Internetzugang geholfen hatte. Zudem hatten sie mich gefragt, warum sich die Leute hier in den Geschäften sträubten, Euros anzunehmen. Darauf konnte ich ihnen keine Antwort geben, was sie verwunderte, weil sie mich für eine Tschechin hielten, und die hätte das doch wissen müssen. Ich begriff auch erst nach und nach, dass wiederum sie gar keine Tschechen, sondern Serben waren.
Jetzt also saß dieser serbische Mann am Küchentisch, war erkältet und sehnte sich, wie er sagte, nach Zuhause. Er war nicht im Urlaub in Prag, sondern zum Arbeiten. Seit mehreren Tagen hatten sein Kollege und er immer 14 Stunden am Stück malocht, irgendwas mit Tapeten und Anstreichen, für eine Frau aus Serbien, die hier einen gut gehenden Laden hatte. Kein Wunder also, dass er erschöpft war. Aber er war selbst verwundert davon, dass er nach den paar Tagen so sehr seine eigene Sprache vermisste, und richtige Tomaten, zum Beispiel. Dass die Tomaten hier gar nicht nach Tomaten schmecken, sondern nach Styropor. Da könne er wohl froh sein, dass Serbien nicht in der EU ist, sagte ich.
Er erzählte von Belgrad und dass die Leute im sonstigen Europa eine völlig falsche Vorstellung davon hätten, wie es dort sei. Das sei eine ganz normale Stadt, so wie hier, sagte er. Bis zu den Nato-Bombardements 1999 sei dort keine Spur von Krieg gewesen. Und überhaupt, wer da eigentlich wem etwas vormacht. Es habe in Serbien eine gut gehende Zigarettenfabrik gegeben, die sozusagen ganz Südeuropa mit Zigaretten versorgt habe. Und bei den Bombardements sei gerade diese Fabrik zerstört worden, obwohl dort keine militärischen Ziele in der Nähe gewesen wären. Ein paar Jahre später wurde die Fabrik wieder aufgebaut, von Philip Morris. Geht es da wirklich um Menschenrechte, fragte er mich, und darum, wer gut und wer böse ist?
Da saßen wir also zusammen in diesem Gemeinschaftsraum, aber plötzlich war er nicht mehr nur er, sondern Serbien, und ich nicht mehr nur ich, plötzlich war ich Deutschland und Europa und der ganze Westen. Was sollte ich da bloß für eine Antwort geben? Ich sah ihn nur hilflos an.
Dass er bis 1991 jeden Sommer mit zwei anderen Jungs verbracht hatte, erzählte er, der eine aus Deutschland, der andere aus Frankreich, aber ihre jeweiligen Großeltern kamen aus demselben serbischen Dorf, und so trafen sie sich dort in den Ferien, jedes Jahr, bis sie so 15 oder 16 waren. Und dann kam der Krieg, und die anderen kamen nicht mehr, und so hätten sie sich aus den Augen verloren. Er habe inzwischen auch im Internet nach ihren Namen gesucht, und bei facebook – aber er habe sie nicht finden können.
Ich stelle mir diese europäische Freundschaft vor, Deutschland, Frankreich, Serbien, und wie die drei jeden Sommer aus den verschiedenen Himmelsrichtungen in dieses Dorf kamen, vor meinem inneren Auge eine Wiese und ein paar Apfelbäume, dort sehe ich sie sitzen. Und dann, wie er in dem einen Sommer alleine auf der Wiese saß und alleine blieb. In mein Bild versunken sage ich, das sei aber sehr schlimm, was der Krieg da zerstört habe. Der Serbe entgegnet harsch, der Krieg habe noch ganz andere Dinge zerstört. Ich komme mir töricht vor, so wie Natascha mit ihrem Ballkleid. Krieg. Und ich trauere drei Teenagern unter Apfelbäumen nach.
Obwohl es ja genau solche Dinge sind, die unter anderem Tolstois 1000 Seiten füllen, der Kontrast zwischen Groß und Klein, zwischen Privat und Global, die Einzelnen mit ihrem kleinen Leben, mit ihren Sehnsüchten und Leidenschaften, in die Geschichte geworfen, zwischen die Fronten geraten, unter die Räder gekommen. Und es sind ja immer die ganz kleinen Dinge, um die man trauert, eine unfassbare Masse an kleinen Dingen, so dass für jedes einzelne gar nicht mehr genug Aufmerksamkeit da ist.
So sehe ich uns hier sitzen, den serbischen Mann und mich, den Weg, den wir hierher nach Prag gekommen sind, und die Zusammenhänge, in denen wir stehen, unsere Hintergründe und die Abgründe, die sich dazwischen auftun. Darüber hinweg wünsche ich ihm eine gute Nacht und eine gute Reise zurück und viel Erfolg noch am letzten Arbeitstag.